Nov 11 2016

Das Buch des Südens

Seit einiger Zeit liegt auf meinem Lesetischchen André Hellers Roman Das Buch des Südens – bisher hatte ich Heller (mehr in meiner Jugendzeit präsent als heute) überwiegend als interessanten Menschen, Liedermacher und Aktionskünstler vor Augen, sein literarisches Wirken zog an mir vorüber. Nach einigen ansprechenden Kritiken seines aktuellen Romans wollte ich ihn nun also auch als Schreiberling kennenlernen. Noch bin ich nicht am Ende angelangt, aber ich kann sagen: ich bereue es nicht, ich komme als Freund von Sprachmalereien und literarisch ästhetischer und Poesie zugeneigter Wortgestaltung – in diesem Falle noch mit einer Melange von österreichischem Humor und Charme angereichert – auf meine Kosten. Es macht Spaß der Lebensgeschichte von Julian Passauer zu folgen, in der einige originelle Gestalten auftauchen und luftig vor sich hin philosophierende Geschichtchen ihren Platz finden. Heller geht nicht allzu sehr in die Tiefe, was ich ab und an als Mangel empfinde, er klingt hin und wieder zu selbstverliebt in seiner Sprachfreudig- und fähigkeit, aber sein kulturelles Bewandertsein, das Pflegen von hoher Kunst eines „altmodischen“, nicht beiläufig, zu modern hingepfefferten Schreibens und die Kraft der Bildhaftigkeit entschädigen dafür. Ich werde das Buch gerne zu Ende lesen.


Jun 3 2016

Mängelexemplar

Da lese ich in Frischs Tagebuchaufzeichnungen und wundere mich über einen nicht nachvollziehbaren Sprung. Dann entdecke ich, dass ich vor einigen Jahren diese Ausgabe als Mängelexemplar gekauft hatte und mir damals unachtsam entgangen war, dass doch tatsächlich ganze 50 Seiten fehlen. Nun, sei’s drum, werde ich mir bei Gelegenheit also Frischs Entwürfe nochmals ohne Seitenmängel zulegen und mich nun wieder den – mittlerweile auf meinem Lesetischchen etwas verwaisten – schönen Geschichten von Christoph Ransmaier aus seinem Atlas eines ängstlichen Mannes zuwenden. Und was das Lesen darin bereichert: nach dem Hineingleiten in Ransmayers Beschreibungswelt zu den einzelnen Stationen ein Abgleich der eigenen Vorstellungsbilder mit den tatsächlich existenten beim „Bereisen“ seiner Entdeckungsorte im Netz.


Mai 9 2016

Bedrucktes Papier

Eine harte Bank im Rücken auf einem Spielplatz mit sommernden Kinderstimmen: ich beginne in Entwürfe eines dritten Tagebuches des alternden Max Frisch zu blättern. Es tut gut, mal wieder Schriftstellerworte auf bedrucktem Papier zu lesen: Ich bin nicht krank oder ich weiss es nicht. Was ist bloß mit den Wörtern los? Ich schüttle Sätze, wie man eine kaputte Uhr schüttelt, und nehme sie auseinander; darüber vergeht die Zeit, die sie nicht anzeigt. Beim Lesen überlege ich mir, ob ich vielleicht nicht auch mal meinen eigenen Tagebuchstil ändern sollte: weg von den einfachen, chronologischen Worten, welche die ewiglichen Erinnerungsabläufe triggern beim Wiederlesen (in memoriam der in mehr als einem halben Jahrhundert niedergeschriebenen Tagebuchlebensablaufeinträge meines Väterchens). Alles etwas gehaltvoller, reflektierender, im Besonderen beobachtend gestalten. Bin ich denn gehaltvoll in meinen Gedanken? Anspruchsvolles Denken kann man sich aneignen und auch sich abeignen, wie ich zunehmend in den letzten Jahren des vermehrt körperlich bäuerlichen Seins mit Tieren, des seelischen Überdierundenkommens und des derzeit geistfauleren Regenerierens. Nun aber habe ich wieder ein Buch in der Hand – seit Januar diesen Jahres ist es das Erste, was für eine lange Zeit – und ich wünsche mir von mir, dass diese vergangene Phase kein Einläuten in ein unabsehbar buchloses Dahinvegetieren im Dschungel der digitalen Medien war.


Sep 23 2015

Der Allesforscher und Das größere Wunder

Steinfest’s Allesforscher und Glavinic‘ größeres Wunder sind gelesen und der Herbst kommt mit schnellen Winden. In beiden Büchern finden sich die vorrangigen Protagonisten irgendwann in den alpinen Bergen wieder, beide werden umwoben von mehr oder weniger außergewöhnlichen, märchennahen Umständen und Geschehnissen, beide werden begleitet von einer literarisch eher dürftigen Sprache, aber ich war doch meist involviert in die sich entwickelnden Geschichten. Der Allesforscher, der sich vor allem zum Ende hin mehr und mehr in wenig fesselnden Traumerzählungen verliert, verliert sich auch schnell im Geiste, es bleibt letztlich nicht viel Erinnerungswürdiges haften. Das gößere Wunder hat mich trotz des prallgefüllten, immer wieder am Kitsch schrammenden Inhalts mehr bei sich gehalten in seiner narrativen Form und dem doch spannenden Verlauf hoch oben über der Welt auf deren höchstgelegensten Dach.
David Hugendick schreibt bei ZeitOnline:
Ohne den Preis des Kitschs ist so eine Fantasie schwer zu haben. Und es mag sein, dass Glavinic hier ein Spiel mit dem Kitsch inszeniert. Falls ja, dann übertreibt er es manchmal, und der Roman entwickelt besonders im letzten Drittel einen Hang zum Sentenziösen, je weiter Jonas von seinem bisherigen Leben entrückt: „Wir sind nichts. Wir sind so wenig, dass es eigentlich zum Totlachen ist. Aber genau darum ist das Leben so kostbar.“ Und so weiter.
Man ist an einigen Stellen hin- und hergerissen: Da ist einerseits Glavinics elegant dahinfließende Sprache, die glänzend beschriebene Weltverlassenheit im Angesicht des Berges, der mechanischen Abfolge von Trinken, Frieren, Schlafen, Klettern, Abenteuertourismus und tiefgekühlten Leichen. Andererseits stolpert man mitunter über Bremshügel von bistrophilosophischem Schwulst. Aber der erscheint im Gesamten verzeihlich – zumal, da wir uns ja in einem Märchen befinden.
Und am Ende überwiegt die Souveränität, mit der Glavinic seine Dialoge schreibt, seine Kunstfertigkeit, mit der er seinen Jonas auf die Spitze treibt.

Und nun freue ich mich auf Der Herr der kleinen Vögel von Yoko Ogawa, ein Buch, das sicher mit leiseren Tönen aufwarten wird.


Sep 1 2015

Ein guter Einstieg in den Tag

Heute Morgen mit dem ersten Augenaufschlag ist schon klar: auch wenn das Geld dafür zusammengeklaubt werden muss, nach dem Frühstück geht’s in den Buchladen, nicht wie meist mit im Netz vorsortierten Tendenzen, sondern mit spontaner Wühllust. Wobei das vorfreudige Eintreten in den Buchladen dann doch mit kleinen Vorgaben verbunden ist: maximal 3 Bücher, nur von mir bisher ungelesene Autoren, und es muss schnell aus dem Bauch raus entschieden werden, nur Klappentext und die ersten paar Zeilen… letztlich geht alles schneller als gedacht und keine 15 Minuten später sitze ich wieder auf dem Rad und steuere mit drei Büchern im Rucksack eine Bank im Halbschatten in der Freiburger Wiehre an. Ein herrlich erfrischender Wind weht, endlich, endlich! ist wieder die Hitze verdrängt von zu durchatmenden Lüften, Blaues und schnellziehende Wolken wechseln sich ab dort oben, fast meine ich schon einen leichten Hauch von Herbst zu spüren. Dann legen sich die Bücher, beinahe ein wenig drängend und gespannt auf den noch unbekannten Leser, neben mich: Das größere Wunder von Thomas Glavinic, Der Allesforscher von Heinrich Steinfest und Der Herr der kleinen Vögel von Yoko Ogawa. Ich wähle zuerst den Allesforscher für ein Anlesen, die ersten 30 Seiten gefallen mir, also bleibe ich dabei.
Ein guter Einstieg in den Tag…


Aug 24 2015

Alle Neune

Da hat er doch neun Lindentriebe eingeheimst, der Wilhelm. Es geschieht äußerst selten, dass ich mich dazu hinreißen lasse, mehr als acht Lindentriebe zu verteilen. Denn mit Luft nach oben warte ich immer noch auf das Buch, das mich in vollem Umfang überzeugt, mich schlicht und ergreifend umhaut, mich ohne Worte staunend zurücklässt… Leise singende Frauen gelingt das auch nicht; aber die Schreibe von Genazino, der ich in der Form, wie sie in diesem Buch zum Lesen dargeboten ist, sehr zugeneigt bin, hat mich gerade im richtigen Moment erwischt und mich fast durchgängig äußerst wohl gestimmt ob dieser leisen, feinen Betrachtungen von – so beschaut alles andere als alltäglichen – Alltagsdingen und -geschehnissen. Und von diesem Wohlgefühl beseelt fällt es mir leicht, neun Lindentriebe für dieses Buch einzusammeln.


Aug 16 2015

Mal wieder ein Genazino

Ach, wie gut es tut, mal wieder einen Genazino zu lesen…
während nach diverser Hitzewellen unter tiefhängenden Wolken erfrischend kühle Regenluft durchs Fenster dringt und sich die Melodie der Sonntagsmorgenglocken mit dem zarten Klang der Tropfen zu einer melancholischen Melange verdichtet, lasse ich die angefangenen, neu herausgebrachten Essays von Uwe Timm liegen und greife zu einem noch ungelesenen Roman von Wilhelm Genazino. Und ich bin schon auf den ersten 30 Seiten wiedererfasst von der Poesie des feinsinnig betrachtenden, meditativlakonischen Stils Genazinos, mit dem er immer wieder die naheste Welt um seine führenden Protagonisten herum erfüllt. Und auch mich. Vor vielen Jahren hat mich Genazino mit Ein Regenschirm für diesen Tag an seine Seite gezogen, und da bin ich, nach vielen seiner Büchern, beim ersten Einlesen von Leise singende Frauen immer noch; schon auf den ersten Seiten dieses vor über 20 Jahren geschriebenen Buches, in dem noch von Schreibmaschinen nicht von Computern die Rede ist, notiere ich mir immer wieder Zeilen, die meinen Geist auf angenehm entspannte Weise anregen und ihm in eigener angestrengter und eher getriebener Phase wohltun:
Aber in welchen Straßen bin ich gelaufen, in welchen nicht? Bei meiner Art des Umhergehens lassen sich zurückgelegte Wege nicht einfach erinnern. Ich nenne dieses Umhergehen manchmal auch Zotteln oder Zockeln. Diese Worte bedeuten, daß ich oft stehenbleibe oder scheinbar warte. Es gefällt mir, wenn dabei die Zeit in lauter kleine Splitter zerfällt, die ich einzeln anschauen kann. Früher habe ich genau wissen wollen, was dieses Umhergehen und Zeitverschwenden bedeuten soll; zum Glück sind solche Begründungen heute unwichtig geworden.

Ich spiele mit den Münzen in meiner Hosentasche und ärgere mich ein wenig, daß ich das bißchen Geld, das ich habe, immer wieder ausgeben muß. Es schmerzt mich, daß mein Geld nie wirklich mir allein gehört, sondern immer zugleich auch den anderen, an die ich es früher oder später ausgeben muß. Deswegen habe ich zwei kleine Pistazien unter meine Münzen gemischt. Jedesmal wenn ich etwas bezahlen muß und die Münzen in der Hand liegen sehe, tröstet mich der Anblick der ebenfalls auf der Hand liegenden Pistazien. Nüsse sind als Zahlungsmittel nicht anerkannt, deshalb wandern sie immer wieder in meine Tasche zurück; sie werden mir erhalten bleiben. Vom vielen Anfassen und Herumspielen sind die Nüsse glatt und glänzend geworden wie zwei winzige Taschenmöbelstücke.

Ich freue mich auf das Weiterlesen…


Aug 13 2015

Willkommens-Architektur

= für mich das Wort des Monats.

„Wir brauchen nicht nur eine Willkommens-Kultur, sondern auch eine Willkommens-Architektur“, sagt der Architektur-Professor und Architekt Jörg Friedrich im Kulturgespräch bei SWR2. Er hat mit seinen Studenten in Hannover neue Wohnmodelle im Sinne einer solchen Willkommens-Architektur entwickelt, die jetzt als Buch mit dem Titel „Refugees Welcome“ erschienen sind.


Aug 4 2015

Im Frühling sterben

Im Jahre 1945 werden Walter und sein Freund Fiete in den letzten Monaten der Kriegswirren mit 17 Jahren noch von der SS eingezogen und nahe der ungarischen Front bis in den Tod hinein mit den Unvorstellbarkeiten und Entsetzlichkeiten dieses Krieges konfrontiert. In seinem reifen, literarisch beeindruckenden und zugleich bedrückenden Roman Im Frühling sterben schreibt Ralf Rothmann sich in die Wortstille des eigenen Vaters hinein und füllt so ein Vakuum, das sein Vater bei ihm als Kind hinterlassen hat.
Hier und hier 2 Rezensionen von vielen…


Jul 22 2015

Vor dem Fest

Heute mache ich es mir leicht und kopiere eine Zitat von Verena Auffermann im Rahmen Ihrer Rezension in Die Zeit zu dem wunderbaren Buch von Saša Stanišić:
Vor dem Fest ist ein Geschichtsbuch, vom Mittelalter bis heute, durchsetzt mit Fabeln und Berichten aus der Chronik. Ein Buch über Krieg, Plünderungen, „Herkunft, Heimat, Hobby, Hitler, Hoffnung, Hartz IV“, über Helden, die nicht immer Helden sein können, weil es anderes zu tun gibt. Saša Stanišić, der erfahrene Geschichtenbewahrer, erweckt einen verschlossenen Ort zum Leben, beschreibt dessen Schönheit, Tragik, Leere und Kraft. Ein Buch wie wenige andere. Politisch versiert und stilistisch ein Kunststück. Vor dem Fest ist Mensch, Tier und Natur zugewandt, vollkommen illusionslos und trotz mutmaßlicher Übertreibung vollkommen wahr.

Vor dem Fest ist anders, eigen, eingängig auf literarisch hohem Niveau, ist kreativ, macht nachdenklich und macht Spaß. Lesen!