Aug 29 2017

Begegnung

Über Eck, durch die Glasscheibe eines Buchladenschaufensters, beobachte ich eine alte Frau. Wobei es kein Beobachten ist, das ist ein zu voyeuristischer Begriff, es ist mehr ein Nichtwegschauenkönnen, das aus einem zufälligen Blick geboren ist. Ich schaue diese Frau nicht in ihrer gesamten Gestalt, sondern nur ihr Gesicht. Es ist in diesem augenscheinlich hohen Alter betörend anziehend, gemalt in vielen Falten und bedeutsam schön. Ich denke, dass sie in jungen Jahren nicht schöner gewesen sein kann, als sie es jetzt ist. Sie bewegt sich nicht, lange Minuten nicht, sie schaut nur durch die Glasscheibe und nach etwas, das sich dahinter befindet, und ich schaue, wie sie schaut.
Dann fühle ich mich doch ein wenig unwohl, entwinde mich aus meinen Blicken und gehe langsam die Scheiben entlang zu ihr hinüber. Es drängt mich, sie anzusprechen. Eine kurze Weile stehe ich neben ihr. Junger Mann?! sagt sie nach einer kurzen Weile, noch immer reglos, ihr Schauen nicht unterbrechend. Ich möchte Sie nicht bedrängen, aber ich konnte meinen Blick nicht von Ihnen abwenden, sage ich. Vor ihr in der Auslage liegt in einer Reihe von Uwe Timm sein Buch „Am Beispiel meines Bruders“. Kennen Sie dieses Buch? frage ich. Es ist nicht das Buch, antwortet sie, auch wenn es gut ist. Wenn Sie genau schauen, sehen Sie, wie die Scheibe zum Spiegel wird. Und, spricht sie leise weiter, ich sehe mich in diesem Moment, wie ich mich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Das überwältigt mich ein wenig.
Danach schweigt sie wieder und schaut. Ich würde gerne ihre Hand nehmen, zum Abschied, ihr irgendeine Berührung hingeben als Zeichen meiner spontanen Zuneigung. Doch ich schaue sie nur noch einen Atemzug lang von der Seite an, sie schenkt mir ein flüchtiges Lächeln ohne mich anzusehen. Dann gehe ich wieder meines Weges.


Jul 31 2017

Hinterwohnung

Manches Mal sitze ich auf Friedhöfen, manches Mal auf Spielplätzen. Tue dort involviert mit dem Habitus des Kindbegleitenden auch ohne mein eigenes Kind dabei. Schau mal, Mama, eine Hinterwohnung! Ein eingesandetes Mädchen zeigt auf einen Matschhaufen nahe bei der Wasserpumpe. Eine Hinterwohnung. Ich stelle mir vor, es gäbe eine Wohnung hinter der eigentlichen, einen Ort, den keiner kennt. Nur ab und an, wenn es dieser Hinterwohnung gefällt oder sie es für richtig hält, zeigt sie sich.
Sie ist nicht anders als die eigentliche, aber stets ist in ihr eine aus der Wirklichkeit gefallene Besonderheit zu finden, ein Utensil, das fremd erscheint und doch vertraut: so sitze ich eines Tages vor einem großen Skizzenblog, der in der eigentlichen Wohnung dort nicht auf dem Tisch liegt. Lange sitze ich vor ihm, betrachte die Zeichnungen, die ich zu Blatt gebracht hatte, damals, als die Inhalte der Hausaufgaben sich wieder einmal daran machten, sich aus dem Geiste zu verflüchtigen. Ich greife den Stift, der daneben liegt, und zeichne den Namen derjenigen, die mein Herz erobert hatte, mit ihren dunklen, wachen Augen, aus dem Mädchengymnasium nebenan.
Dann, ein anderes Mal, steht da eine kleine Kindertafel, darauf mit Kreide gezeichnet eine dicke, singende Frau. Wenn ich aufwache, soll ich mich erinnern, wo sie sind, meine Eltern: im Theater bei einer Oper. Trotzdem setze ich mich weinend in den Hausflur, dort werde ich von Nachbarn aufgegriffen. In deren Küche bekomme ich einen dampfenden Kakao.
Oder diese Lokführermütze auf dem Tisch neben dem Weihnachtsbaum: Vater mimt den Lokführer mit Pfeife im Mund und dieser Mütze auf, ich strahle, als der Zug aus dem Tunnel tuckert.
Und der Schallplattenspieler von einst, auf ihm liegt meine allererste Langspielplatte (ich habe sie immer noch): Deep Purple in Rock. Bedächtig lege ich die Nadel auf: Child in time – was für ein Lied! Ich sitze mit geschlossenen Augen und höre in meine Vergangenheit hinein.

Das Mädchen stolpert und fällt auf ihre Hinterwohnung, ein paar Tränen rinnen über die schmutzigen Wangen, sie klopft ihre Hose ab und geht zur Schaukel.


Jul 28 2017

Stiller Ruf

In einer Zeit, in der ich lange und sehr um den Zusammenhalt des Daseins – so wie es in mir aufbegehrt – bemüht war, wurde das Hirnstromern sehr leise. Es hat sich in das Nest seiner Geburt zurückgezogen, sich zum Schutz vor dem Weltenwüten die noch herumliegenden Federn über seine minimierte Gestalt gelegt und sich in einen Vieljahresschlaf begeben. Nun ist es mir, dass es sich wieder zu regen beginnt, an manchen Stellen häutet es sich zusehends, so wie es in diesen Tagen all die Platanen tun: sie werfen ihre Rinde ab um Platz zu schaffen für den sich weitenden Stamm.

Eine Rostgans schaut mich durchs Fenster an, sie ist wunderschön, ich weiß nicht, wie sie hierherkam und von wo, auf den Tisch auf meinem Balkon. Lange stehen wir so, unregsam, ich bin dabei, mich in sie zu verlieben. Dann, nach einer betörenden Weile, ist es genug für sie, sie dreht sich, breitet die Flügel und zeigt mir ihre ganze Schönheit: die schwarzschillernden äußeren Fahnen, vorn ein prahlendes Weiß auf den Flügeln, das nach hinten in ein metallisch grünes Strahlen übergeht. Ein kurzer, geschmeidiger Abdruck und dann gleitet sie über das Geländer in die Ebene hinab. Mit einem stillen Ruf des Verbundenseins begleite ich ihren Flug den Fluß entlang bis hinauf in die hohen schwarzen Wälder.


Feb 9 2017

Ein Dazwischenlesen: Widerfahrnis

Da kam mir doch während des Lesens von Hellers Buch vom Süden eine liebe Tochter mit einem geschenkten Buch in die Quere, einem Buch, in das ich kurz hineinblätterte und das ich dann mehr oder weniger in einem durch gelesen habe, weil es mich ohne mein Dazutun mit sich genommen hat: Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff. Der Umstand, dass man(n) im fortgeschrittenen Alter in einem melancholischen, sich selbst genügenden und dahinwehenden Einsamkeitsdasein plötzlich aus dem Nichts von einer fremden Frau und einer sich neu gestaltenden Herzensnähe überkommen wird, hat mich von Anfang bis zur letzten Zeile ganz bei sich gehalten – auch wenn es in einer sich entfaltenden Road-Story nur eine kurze Nähe ist und eine verstörende Zerbrechlichkeit von sich zu erfüllen scheinender Sehnsucht am Ende auftut. Gestört in der Geschichte hat mich nur, dass die Protagonisten sich eine Zigarette nach der anderen anstecken, selten, dass in der Literatur im Gegensatz zum Film einem solch stinkenden und ungesunden Utensil eine derartige Präsenz zugesprochen wird. Und ein wenig befremdlich erschien mir das fast zu konstruierte Einflechten der Flüchtlingsthematik. Trotzdem: für dieses Buch habe ich nicht wenige Lindentriebe eingesammelt.

Und dann wieder zurück zum Buch vom Süden. Eintauchen in die letzten hundert Seiten und in Hellers sehr bereichernde und ansprechend niedergeschriebene Gedankenwelt, und auch für diesen schönen Roman wehen einige Lindentriebe auf meinen Schreibtisch. Auf dem schon die nächsten Bücher warten:  Das wundersame Leben des Isidoro Raggiola von Enrico Ianniello und für’s leichte Zwischendurch der Abenteuerroman von Gerhard Henschel.


Nov 11 2016

Das Buch des Südens

Seit einiger Zeit liegt auf meinem Lesetischchen André Hellers Roman Das Buch des Südens – bisher hatte ich Heller (mehr in meiner Jugendzeit präsent als heute) überwiegend als interessanten Menschen, Liedermacher und Aktionskünstler vor Augen, sein literarisches Wirken zog an mir vorüber. Nach einigen ansprechenden Kritiken seines aktuellen Romans wollte ich ihn nun also auch als Schreiberling kennenlernen. Noch bin ich nicht am Ende angelangt, aber ich kann sagen: ich bereue es nicht, ich komme als Freund von Sprachmalereien und literarisch ästhetischer und Poesie zugeneigter Wortgestaltung – in diesem Falle noch mit einer Melange von österreichischem Humor und Charme angereichert – auf meine Kosten. Es macht Spaß der Lebensgeschichte von Julian Passauer zu folgen, in der einige originelle Gestalten auftauchen und luftig vor sich hin philosophierende Geschichtchen ihren Platz finden. Heller geht nicht allzu sehr in die Tiefe, was ich ab und an als Mangel empfinde, er klingt hin und wieder zu selbstverliebt in seiner Sprachfreudig- und fähigkeit, aber sein kulturelles Bewandertsein, das Pflegen von hoher Kunst eines „altmodischen“, nicht beiläufig, zu modern hingepfefferten Schreibens und die Kraft der Bildhaftigkeit entschädigen dafür. Ich werde das Buch gerne zu Ende lesen.


Jun 3 2016

Mängelexemplar

Da lese ich in Frischs Tagebuchaufzeichnungen und wundere mich über einen nicht nachvollziehbaren Sprung. Dann entdecke ich, dass ich vor einigen Jahren diese Ausgabe als Mängelexemplar gekauft hatte und mir damals unachtsam entgangen war, dass doch tatsächlich ganze 50 Seiten fehlen. Nun, sei’s drum, werde ich mir bei Gelegenheit also Frischs Entwürfe nochmals ohne Seitenmängel zulegen und mich nun wieder den – mittlerweile auf meinem Lesetischchen etwas verwaisten – schönen Geschichten von Christoph Ransmaier aus seinem Atlas eines ängstlichen Mannes zuwenden. Und was das Lesen darin bereichert: nach dem Hineingleiten in Ransmayers Beschreibungswelt zu den einzelnen Stationen ein Abgleich der eigenen Vorstellungsbilder mit den tatsächlich existenten beim „Bereisen“ seiner Entdeckungsorte im Netz.


Mai 9 2016

Bedrucktes Papier

Eine harte Bank im Rücken auf einem Spielplatz mit sommernden Kinderstimmen: ich beginne in Entwürfe eines dritten Tagebuches des alternden Max Frisch zu blättern. Es tut gut, mal wieder Schriftstellerworte auf bedrucktem Papier zu lesen: Ich bin nicht krank oder ich weiss es nicht. Was ist bloß mit den Wörtern los? Ich schüttle Sätze, wie man eine kaputte Uhr schüttelt, und nehme sie auseinander; darüber vergeht die Zeit, die sie nicht anzeigt. Beim Lesen überlege ich mir, ob ich vielleicht nicht auch mal meinen eigenen Tagebuchstil ändern sollte: weg von den einfachen, chronologischen Worten, welche die ewiglichen Erinnerungsabläufe triggern beim Wiederlesen (in memoriam der in mehr als einem halben Jahrhundert niedergeschriebenen Tagebuchlebensablaufeinträge meines Väterchens). Alles etwas gehaltvoller, reflektierender, im Besonderen beobachtend gestalten. Bin ich denn gehaltvoll in meinen Gedanken? Anspruchsvolles Denken kann man sich aneignen und auch sich abeignen, wie ich zunehmend in den letzten Jahren des vermehrt körperlich bäuerlichen Seins mit Tieren, des seelischen Überdierundenkommens und des derzeit geistfauleren Regenerierens. Nun aber habe ich wieder ein Buch in der Hand – seit Januar diesen Jahres ist es das Erste, was für eine lange Zeit – und ich wünsche mir von mir, dass diese vergangene Phase kein Einläuten in ein unabsehbar buchloses Dahinvegetieren im Dschungel der digitalen Medien war.


Sep 23 2015

Der Allesforscher und Das größere Wunder

Steinfest’s Allesforscher und Glavinic‘ größeres Wunder sind gelesen und der Herbst kommt mit schnellen Winden. In beiden Büchern finden sich die vorrangigen Protagonisten irgendwann in den alpinen Bergen wieder, beide werden umwoben von mehr oder weniger außergewöhnlichen, märchennahen Umständen und Geschehnissen, beide werden begleitet von einer literarisch eher dürftigen Sprache, aber ich war doch meist involviert in die sich entwickelnden Geschichten. Der Allesforscher, der sich vor allem zum Ende hin mehr und mehr in wenig fesselnden Traumerzählungen verliert, verliert sich auch schnell im Geiste, es bleibt letztlich nicht viel Erinnerungswürdiges haften. Das gößere Wunder hat mich trotz des prallgefüllten, immer wieder am Kitsch schrammenden Inhalts mehr bei sich gehalten in seiner narrativen Form und dem doch spannenden Verlauf hoch oben über der Welt auf deren höchstgelegensten Dach.
David Hugendick schreibt bei ZeitOnline:
Ohne den Preis des Kitschs ist so eine Fantasie schwer zu haben. Und es mag sein, dass Glavinic hier ein Spiel mit dem Kitsch inszeniert. Falls ja, dann übertreibt er es manchmal, und der Roman entwickelt besonders im letzten Drittel einen Hang zum Sentenziösen, je weiter Jonas von seinem bisherigen Leben entrückt: „Wir sind nichts. Wir sind so wenig, dass es eigentlich zum Totlachen ist. Aber genau darum ist das Leben so kostbar.“ Und so weiter.
Man ist an einigen Stellen hin- und hergerissen: Da ist einerseits Glavinics elegant dahinfließende Sprache, die glänzend beschriebene Weltverlassenheit im Angesicht des Berges, der mechanischen Abfolge von Trinken, Frieren, Schlafen, Klettern, Abenteuertourismus und tiefgekühlten Leichen. Andererseits stolpert man mitunter über Bremshügel von bistrophilosophischem Schwulst. Aber der erscheint im Gesamten verzeihlich – zumal, da wir uns ja in einem Märchen befinden.
Und am Ende überwiegt die Souveränität, mit der Glavinic seine Dialoge schreibt, seine Kunstfertigkeit, mit der er seinen Jonas auf die Spitze treibt.

Und nun freue ich mich auf Der Herr der kleinen Vögel von Yoko Ogawa, ein Buch, das sicher mit leiseren Tönen aufwarten wird.


Sep 1 2015

Ein guter Einstieg in den Tag

Heute Morgen mit dem ersten Augenaufschlag ist schon klar: auch wenn das Geld dafür zusammengeklaubt werden muss, nach dem Frühstück geht’s in den Buchladen, nicht wie meist mit im Netz vorsortierten Tendenzen, sondern mit spontaner Wühllust. Wobei das vorfreudige Eintreten in den Buchladen dann doch mit kleinen Vorgaben verbunden ist: maximal 3 Bücher, nur von mir bisher ungelesene Autoren, und es muss schnell aus dem Bauch raus entschieden werden, nur Klappentext und die ersten paar Zeilen… letztlich geht alles schneller als gedacht und keine 15 Minuten später sitze ich wieder auf dem Rad und steuere mit drei Büchern im Rucksack eine Bank im Halbschatten in der Freiburger Wiehre an. Ein herrlich erfrischender Wind weht, endlich, endlich! ist wieder die Hitze verdrängt von zu durchatmenden Lüften, Blaues und schnellziehende Wolken wechseln sich ab dort oben, fast meine ich schon einen leichten Hauch von Herbst zu spüren. Dann legen sich die Bücher, beinahe ein wenig drängend und gespannt auf den noch unbekannten Leser, neben mich: Das größere Wunder von Thomas Glavinic, Der Allesforscher von Heinrich Steinfest und Der Herr der kleinen Vögel von Yoko Ogawa. Ich wähle zuerst den Allesforscher für ein Anlesen, die ersten 30 Seiten gefallen mir, also bleibe ich dabei.
Ein guter Einstieg in den Tag…


Aug 24 2015

Alle Neune

Da hat er doch neun Lindentriebe eingeheimst, der Wilhelm. Es geschieht äußerst selten, dass ich mich dazu hinreißen lasse, mehr als acht Lindentriebe zu verteilen. Denn mit Luft nach oben warte ich immer noch auf das Buch, das mich in vollem Umfang überzeugt, mich schlicht und ergreifend umhaut, mich ohne Worte staunend zurücklässt… Leise singende Frauen gelingt das auch nicht; aber die Schreibe von Genazino, der ich in der Form, wie sie in diesem Buch zum Lesen dargeboten ist, sehr zugeneigt bin, hat mich gerade im richtigen Moment erwischt und mich fast durchgängig äußerst wohl gestimmt ob dieser leisen, feinen Betrachtungen von – so beschaut alles andere als alltäglichen – Alltagsdingen und -geschehnissen. Und von diesem Wohlgefühl beseelt fällt es mir leicht, neun Lindentriebe für dieses Buch einzusammeln.