Mai 9 2016

Bedrucktes Papier

Eine harte Bank im Rücken auf einem Spielplatz mit sommernden Kinderstimmen: ich beginne in Entwürfe eines dritten Tagebuches des alternden Max Frisch zu blättern. Es tut gut, mal wieder Schriftstellerworte auf bedrucktem Papier zu lesen: Ich bin nicht krank oder ich weiss es nicht. Was ist bloß mit den Wörtern los? Ich schüttle Sätze, wie man eine kaputte Uhr schüttelt, und nehme sie auseinander; darüber vergeht die Zeit, die sie nicht anzeigt. Beim Lesen überlege ich mir, ob ich vielleicht nicht auch mal meinen eigenen Tagebuchstil ändern sollte: weg von den einfachen, chronologischen Worten, welche die ewiglichen Erinnerungsabläufe triggern beim Wiederlesen (in memoriam der in mehr als einem halben Jahrhundert niedergeschriebenen Tagebuchlebensablaufeinträge meines Väterchens). Alles etwas gehaltvoller, reflektierender, im Besonderen beobachtend gestalten. Bin ich denn gehaltvoll in meinen Gedanken? Anspruchsvolles Denken kann man sich aneignen und auch sich abeignen, wie ich zunehmend in den letzten Jahren des vermehrt körperlich bäuerlichen Seins mit Tieren, des seelischen Überdierundenkommens und des derzeit geistfauleren Regenerierens. Nun aber habe ich wieder ein Buch in der Hand – seit Januar diesen Jahres ist es das Erste, was für eine lange Zeit – und ich wünsche mir von mir, dass diese vergangene Phase kein Einläuten in ein unabsehbar buchloses Dahinvegetieren im Dschungel der digitalen Medien war.


Sep 23 2015

Der Allesforscher und Das größere Wunder

Steinfest’s Allesforscher und Glavinic‘ größeres Wunder sind gelesen und der Herbst kommt mit schnellen Winden. In beiden Büchern finden sich die vorrangigen Protagonisten irgendwann in den alpinen Bergen wieder, beide werden umwoben von mehr oder weniger außergewöhnlichen, märchennahen Umständen und Geschehnissen, beide werden begleitet von einer literarisch eher dürftigen Sprache, aber ich war doch meist involviert in die sich entwickelnden Geschichten. Der Allesforscher, der sich vor allem zum Ende hin mehr und mehr in wenig fesselnden Traumerzählungen verliert, verliert sich auch schnell im Geiste, es bleibt letztlich nicht viel Erinnerungswürdiges haften. Das gößere Wunder hat mich trotz des prallgefüllten, immer wieder am Kitsch schrammenden Inhalts mehr bei sich gehalten in seiner narrativen Form und dem doch spannenden Verlauf hoch oben über der Welt auf deren höchstgelegensten Dach.
David Hugendick schreibt bei ZeitOnline:
Ohne den Preis des Kitschs ist so eine Fantasie schwer zu haben. Und es mag sein, dass Glavinic hier ein Spiel mit dem Kitsch inszeniert. Falls ja, dann übertreibt er es manchmal, und der Roman entwickelt besonders im letzten Drittel einen Hang zum Sentenziösen, je weiter Jonas von seinem bisherigen Leben entrückt: „Wir sind nichts. Wir sind so wenig, dass es eigentlich zum Totlachen ist. Aber genau darum ist das Leben so kostbar.“ Und so weiter.
Man ist an einigen Stellen hin- und hergerissen: Da ist einerseits Glavinics elegant dahinfließende Sprache, die glänzend beschriebene Weltverlassenheit im Angesicht des Berges, der mechanischen Abfolge von Trinken, Frieren, Schlafen, Klettern, Abenteuertourismus und tiefgekühlten Leichen. Andererseits stolpert man mitunter über Bremshügel von bistrophilosophischem Schwulst. Aber der erscheint im Gesamten verzeihlich – zumal, da wir uns ja in einem Märchen befinden.
Und am Ende überwiegt die Souveränität, mit der Glavinic seine Dialoge schreibt, seine Kunstfertigkeit, mit der er seinen Jonas auf die Spitze treibt.

Und nun freue ich mich auf Der Herr der kleinen Vögel von Yoko Ogawa, ein Buch, das sicher mit leiseren Tönen aufwarten wird.


Sep 1 2015

Ein guter Einstieg in den Tag

Heute Morgen mit dem ersten Augenaufschlag ist schon klar: auch wenn das Geld dafür zusammengeklaubt werden muss, nach dem Frühstück geht’s in den Buchladen, nicht wie meist mit im Netz vorsortierten Tendenzen, sondern mit spontaner Wühllust. Wobei das vorfreudige Eintreten in den Buchladen dann doch mit kleinen Vorgaben verbunden ist: maximal 3 Bücher, nur von mir bisher ungelesene Autoren, und es muss schnell aus dem Bauch raus entschieden werden, nur Klappentext und die ersten paar Zeilen… letztlich geht alles schneller als gedacht und keine 15 Minuten später sitze ich wieder auf dem Rad und steuere mit drei Büchern im Rucksack eine Bank im Halbschatten in der Freiburger Wiehre an. Ein herrlich erfrischender Wind weht, endlich, endlich! ist wieder die Hitze verdrängt von zu durchatmenden Lüften, Blaues und schnellziehende Wolken wechseln sich ab dort oben, fast meine ich schon einen leichten Hauch von Herbst zu spüren. Dann legen sich die Bücher, beinahe ein wenig drängend und gespannt auf den noch unbekannten Leser, neben mich: Das größere Wunder von Thomas Glavinic, Der Allesforscher von Heinrich Steinfest und Der Herr der kleinen Vögel von Yoko Ogawa. Ich wähle zuerst den Allesforscher für ein Anlesen, die ersten 30 Seiten gefallen mir, also bleibe ich dabei.
Ein guter Einstieg in den Tag…


Aug 24 2015

Alle Neune

Da hat er doch neun Lindentriebe eingeheimst, der Wilhelm. Es geschieht äußerst selten, dass ich mich dazu hinreißen lasse, mehr als acht Lindentriebe zu verteilen. Denn mit Luft nach oben warte ich immer noch auf das Buch, das mich in vollem Umfang überzeugt, mich schlicht und ergreifend umhaut, mich ohne Worte staunend zurücklässt… Leise singende Frauen gelingt das auch nicht; aber die Schreibe von Genazino, der ich in der Form, wie sie in diesem Buch zum Lesen dargeboten ist, sehr zugeneigt bin, hat mich gerade im richtigen Moment erwischt und mich fast durchgängig äußerst wohl gestimmt ob dieser leisen, feinen Betrachtungen von – so beschaut alles andere als alltäglichen – Alltagsdingen und -geschehnissen. Und von diesem Wohlgefühl beseelt fällt es mir leicht, neun Lindentriebe für dieses Buch einzusammeln.


Aug 16 2015

Mal wieder ein Genazino

Ach, wie gut es tut, mal wieder einen Genazino zu lesen…
während nach diverser Hitzewellen unter tiefhängenden Wolken erfrischend kühle Regenluft durchs Fenster dringt und sich die Melodie der Sonntagsmorgenglocken mit dem zarten Klang der Tropfen zu einer melancholischen Melange verdichtet, lasse ich die angefangenen, neu herausgebrachten Essays von Uwe Timm liegen und greife zu einem noch ungelesenen Roman von Wilhelm Genazino. Und ich bin schon auf den ersten 30 Seiten wiedererfasst von der Poesie des feinsinnig betrachtenden, meditativlakonischen Stils Genazinos, mit dem er immer wieder die naheste Welt um seine führenden Protagonisten herum erfüllt. Und auch mich. Vor vielen Jahren hat mich Genazino mit Ein Regenschirm für diesen Tag an seine Seite gezogen, und da bin ich, nach vielen seiner Büchern, beim ersten Einlesen von Leise singende Frauen immer noch; schon auf den ersten Seiten dieses vor über 20 Jahren geschriebenen Buches, in dem noch von Schreibmaschinen nicht von Computern die Rede ist, notiere ich mir immer wieder Zeilen, die meinen Geist auf angenehm entspannte Weise anregen und ihm in eigener angestrengter und eher getriebener Phase wohltun:
Aber in welchen Straßen bin ich gelaufen, in welchen nicht? Bei meiner Art des Umhergehens lassen sich zurückgelegte Wege nicht einfach erinnern. Ich nenne dieses Umhergehen manchmal auch Zotteln oder Zockeln. Diese Worte bedeuten, daß ich oft stehenbleibe oder scheinbar warte. Es gefällt mir, wenn dabei die Zeit in lauter kleine Splitter zerfällt, die ich einzeln anschauen kann. Früher habe ich genau wissen wollen, was dieses Umhergehen und Zeitverschwenden bedeuten soll; zum Glück sind solche Begründungen heute unwichtig geworden.

Ich spiele mit den Münzen in meiner Hosentasche und ärgere mich ein wenig, daß ich das bißchen Geld, das ich habe, immer wieder ausgeben muß. Es schmerzt mich, daß mein Geld nie wirklich mir allein gehört, sondern immer zugleich auch den anderen, an die ich es früher oder später ausgeben muß. Deswegen habe ich zwei kleine Pistazien unter meine Münzen gemischt. Jedesmal wenn ich etwas bezahlen muß und die Münzen in der Hand liegen sehe, tröstet mich der Anblick der ebenfalls auf der Hand liegenden Pistazien. Nüsse sind als Zahlungsmittel nicht anerkannt, deshalb wandern sie immer wieder in meine Tasche zurück; sie werden mir erhalten bleiben. Vom vielen Anfassen und Herumspielen sind die Nüsse glatt und glänzend geworden wie zwei winzige Taschenmöbelstücke.

Ich freue mich auf das Weiterlesen…


Aug 13 2015

Willkommens-Architektur

= für mich das Wort des Monats.

„Wir brauchen nicht nur eine Willkommens-Kultur, sondern auch eine Willkommens-Architektur“, sagt der Architektur-Professor und Architekt Jörg Friedrich im Kulturgespräch bei SWR2. Er hat mit seinen Studenten in Hannover neue Wohnmodelle im Sinne einer solchen Willkommens-Architektur entwickelt, die jetzt als Buch mit dem Titel „Refugees Welcome“ erschienen sind.


Aug 4 2015

Im Frühling sterben

Im Jahre 1945 werden Walter und sein Freund Fiete in den letzten Monaten der Kriegswirren mit 17 Jahren noch von der SS eingezogen und nahe der ungarischen Front bis in den Tod hinein mit den Unvorstellbarkeiten und Entsetzlichkeiten dieses Krieges konfrontiert. In seinem reifen, literarisch beeindruckenden und zugleich bedrückenden Roman Im Frühling sterben schreibt Ralf Rothmann sich in die Wortstille des eigenen Vaters hinein und füllt so ein Vakuum, das sein Vater bei ihm als Kind hinterlassen hat.
Hier und hier 2 Rezensionen von vielen…


Jul 22 2015

Vor dem Fest

Heute mache ich es mir leicht und kopiere eine Zitat von Verena Auffermann im Rahmen Ihrer Rezension in Die Zeit zu dem wunderbaren Buch von Saša Stanišić:
Vor dem Fest ist ein Geschichtsbuch, vom Mittelalter bis heute, durchsetzt mit Fabeln und Berichten aus der Chronik. Ein Buch über Krieg, Plünderungen, „Herkunft, Heimat, Hobby, Hitler, Hoffnung, Hartz IV“, über Helden, die nicht immer Helden sein können, weil es anderes zu tun gibt. Saša Stanišić, der erfahrene Geschichtenbewahrer, erweckt einen verschlossenen Ort zum Leben, beschreibt dessen Schönheit, Tragik, Leere und Kraft. Ein Buch wie wenige andere. Politisch versiert und stilistisch ein Kunststück. Vor dem Fest ist Mensch, Tier und Natur zugewandt, vollkommen illusionslos und trotz mutmaßlicher Übertreibung vollkommen wahr.

Vor dem Fest ist anders, eigen, eingängig auf literarisch hohem Niveau, ist kreativ, macht nachdenklich und macht Spaß. Lesen!


Jun 17 2015

Das achte Leben

Was für ein Wälzer! Den zu lesen auf fast 1300 Seiten überraschend wenig Überwindungsaufwand kostet, ein Aufwand, der bei mir sonst beim Durchackern solch dicker Schinken vorherrscht oder mich gänzlich vom Lesen abhält. Das achte Leben aber hat mich von Beginn an bei sich behalten und ich wollte diese epische Geschichte rund um die nah ans eigene Lesehirn heranwachsenden Figuren eines jahrhundertalten, georgisch-russischen Gewebes bis zum Ende begleiten. Erstaunlich, wie gekonnt die 32-jährige Nino Haratischwili dieses gestaltet in seiner vielverzweigten Form und es doch immer am Kern des Wesentlichen entlang im Werdegang der Protagonisten zusammenhält. In diesen Geschichtsfluss eingetaucht, übersehe ich gern hin und wieder die Schwächen des Werkes: die sich durchziehende Diskrepanz zwischen dem Leb- und Leibhaftigen der Personen und den oft einer trockenen Chronik entliehen scheinenden Beschreibungen von zeitgeschichtlichen Tatbeständen; das vielleicht notwendige Pathos in manchen Phasen und die stellenweise spürbare Konstruiertheit, in der die Protagonisten sich zu wenig in die kaum zur Ruhe kommende, politisch bewegte Rahmengeschichte hineinverlieren dürfen; und in Wortkaskaden – die sich entfalten fast wie in einem dieser schon vergangenen, südamerikanischen Epen (Allende, Marquez) – hereinplatzend immer wieder Umgangssprachliches oder literarisch Fehlgriffiges: da strahlte eine voller Stolz um die Wette oder es taucht unvermittelt plötzlich das eine oder andere Wort vor Augen auf, das dem feinen Erzählsamt einen Riss zufügt: omnipräsent (um nur ein Beispielswort zu nennen). Man merkt, dass Nino Haratischwili noch nicht wirklich ein ausgewogen stilistisches Zuhause für eine noch suchende literarische Sprache gefunden hat.
Trotzdem: Das können nicht allzu viele: Hut ab vor dieser intensiven Werkumsetzung, vor diesem immensen Hineinarbeiten bis zu den jahrhunderttiefen Wurzeln ihres eigenen Daseins mit choreographischem Überblick für eine solch weitläufige Romanstruktur. Ich bin dem Lebens- und Leidensweg von Stasia, Christine, Kitty, Daria, Niza und Brilka und all ihren Männern bis zur letzten Seite aufmerksam und gespannt gefolgt.


Mai 12 2015

Wolkenbruchs Abschied

… zumindest vorübergehend.
Ab September ist Wolkenbruch nicht mehr bestellbar, weil ich den Vertrag mit BoD gekündigt habe. Ich möchte Wolkenbruch nocheinmal die Chance bieten, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Da ich selbst in den letzten Jahren festgestellt habe, dass an mir nun aber auch so überhaupt kein Selbstvermarkter verloren gegangen ist, wünsche ich Wolkenbruch, dass der nun eingeschlagene schwierige Weg der Verlagssuche – auch über die große Hürde des „Gebranntmarktseins“ nach Veröffentlichung bei BoD hinweg – letztlich mit Erfolg begangen werden kann. Vito von Eichborn hat Wolkenbruch eine hervorragende literarische Qualität attestiert, ich selbst denke frei von Selbstbeweihräucherung, dass Wolkenbruch durchaus literarisches Potential hat für mehr als nur ein Endlagern im heimischen Regal. Drum, wer weiß, vielleicht hat die Intuition im Verbund mit der Gunst der Stunde (Tage, Wochen) etwas in petto, von dem ich noch nichts weiß, also lass ich mich darauf ein und bin gespannt auf die Entwicklungen.