Wildauge

Nun habe ich mich Wildauge doch noch bis zum Ende hin anvertraut, mich getraut und wie im Klappentext schon beschrieben: Katja Kettu nimmt nicht nur ihre Figuren, sondern auch ihre Leser in die Mangel.
Das Ende fürchtet man und ahnt; dann doch auf der letzten Seite ein Zusammenführen der Liebenden, aber: gleich darauf kommt das Nachwort und die Ahnung wird auf anderen Wegen bestätigt.
Was für eine Schreibe! Selten hat sich ein Buch derartig direkt in mein Inneres hineingewühlt: es verstört, man möchte sich den Bildern entziehen und doch dabei bleiben, es lässt einen nicht immer den Faden halten, was aber nichts ausmacht, denn es fasziniert zugleich durch die eigensinnige, betörende Sprache, die auch der Übersetzerin Angela Plöger einiges abverlangt (auch sie hat hervorragende Arbeit geleistet). Sie schreibt: Der Text in seiner ungewöhnlichen Mischung aus krudem Realismus und bösem Märchen, seine urwüchsige Kraft und die einprägsamen Charaktere hallten noch lange nach Abschluss der Übersetzungsarbeit im Kopf nach.
Diese narrative Kraft Kettus überschreibt einige für mich literarische Gestaltungsschwächen und zu den geschichtlichen Ereignissen des Fortsetzungskrieges zwischen Finnland und Russland liest man wohl besser ein informativeres Sachbuch; aber kein Sachbuch kann derart authentisch bis in die tiefsten Tiefen hinein die Kriegsgrausamkeit fühlbar machen. Die Zeit schreibt in einer Rezension: So lebt das Buch von seiner Sprache und Symbolik. Der ruppige Ton, in dem Gewalt allgegenwärtig und in dem permanent von „Mösen“ die Rede ist, von „Schwänzen“ und „Rammlern“, passt bedrückend gut zum grausamen Geschehen. Weil der Krieg selbst in intimste Momente eine Atmosphäre größter Bedrohung trägt, produziert er Misstrauen und Angst, Abstumpfung und Brutalität – aber ebenso eine eigentümlich intensive Liebe, die Unsicherheit durch Leidenschaft kompensiert. Das Brandmal bleibt dafür nur ein Zeichen, und zwar ein besonders treffendes. Eigentlich eine Narbe, symbolisiert es auf ewig die Verbindung zwischen Wildauge und Johannes.
Braucht man solch ein Buch als empathisch feinfühliger Mensch, der zeitgeschichtlich interessiert um die Gräuel des Krieges weiß? Muss man sich das antun?! Sicherlich nicht. Doch einmal begonnen, entwindet man sich kaum dieser besonderen, einnehmenden Art zu Schreiben.


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