Gegenspiel

In anstrengenden, überladenen Zeiten muss es wohl so sein, dass ich – nicht im abwertenden Sinne – das Lesen zum reinen Ablenken benutze; ich lese, sinke ein in fremde Geschichten, die manchmal angenehm nicht meine sind, entwickle eine achtsame Identifikation mit dem literarischen Geschehen im Jetzt und dann lasse ich wieder los. Nur so ist es zu erklären, dass ich innerhalb einiger Tage Stephan Thomes Gegenspiel zu Ende gelesen habe, ohne zu merken, dass er die Handlung von Fliehkräfte aufgreift, seinem Vorgängerroman, den ich vor zwei Jahren gelesen habe. Hin und wieder dachte ich, kommen mir die Dialoge bekannt vor, auch der örtliche Hintergrund, doch zog ich keine Schlüsse. Von einer versteckten Ahnung getrieben, griff ich nocheinmal zu Fliehkräfte und nach einigem Blättern schlage ich mich vor die Stirn; ich suche Gewissheit im Netz und ja natürlich, so ist es: Thome schreibt Gegenspiel aus der Sicht von Maria, Fliehkräfte war der Wahrnehmung von Hartmuth vorbehalten – Maria und Hartmuth, die Protagonisten von vielen Szenen einer Ehe, rückblickend, in Zeitschienen mäandernd, vorsichhertragend. Getragen vom Kopfschütteln über meine Geistesentleerung drängt es mich nun, Fliehkräfte nochmals zu lesen, doch es warten zu viele andere verlockende Bücher auf mich. Mit Gegenspiel tat ich mich eine nicht kurze Zeit lang schwer, vielleicht weil ich Thomes Romane immer noch an Grenzgang messe, einem Erstling, den ich sehr gelungen fand und der in der Struktur einfacher und mehr bei sich gehalten war, und weil ich hin und wieder dachte: will ich gerade meine Zeit verbringen mit langen Verständnisentwicklungen für die Hin und Herwälzungen alltäglicher Beziehungsbefindlichkeiten? In Fliehkräfte (ja, ich erinnere mich vage) und mehr noch in Gegenspiel fühlt es sich so an, als wolle Thome erweiterte literarische Kompetenzen präsentieren, die auch der Gestaltung verschiedener Zeitebenen und komplizierteren Abläufen mächtig sind. Und ja, denen ist er es durchaus, und trotz der eigentlich nicht wirklich ablenkend spannend unterhaltsamen Lektüre hat er mich mit Hilfe von Maria und Hartmuth dann doch wieder gepackt mit seinen Gesellschaftsdurchleuchtungen bis hin zu starken letzten 100 Seiten.
Ich bin gespannt auf sein nächstes Werk und werde dann mit Argusaugen auf inhaltliche Parallelen zu seinen bisherigen Büchern achten…


Leave a Reply