Der Allesforscher und Das größere Wunder

Steinfest’s Allesforscher und Glavinic‘ größeres Wunder sind gelesen und der Herbst kommt mit schnellen Winden. In beiden Büchern finden sich die vorrangigen Protagonisten irgendwann in den alpinen Bergen wieder, beide werden umwoben von mehr oder weniger außergewöhnlichen, märchennahen Umständen und Geschehnissen, beide werden begleitet von einer literarisch eher dürftigen Sprache, aber ich war doch meist involviert in die sich entwickelnden Geschichten. Der Allesforscher, der sich vor allem zum Ende hin mehr und mehr in wenig fesselnden Traumerzählungen verliert, verliert sich auch schnell im Geiste, es bleibt letztlich nicht viel Erinnerungswürdiges haften. Das gößere Wunder hat mich trotz des prallgefüllten, immer wieder am Kitsch schrammenden Inhalts mehr bei sich gehalten in seiner narrativen Form und dem doch spannenden Verlauf hoch oben über der Welt auf deren höchstgelegensten Dach.
David Hugendick schreibt bei ZeitOnline:
Ohne den Preis des Kitschs ist so eine Fantasie schwer zu haben. Und es mag sein, dass Glavinic hier ein Spiel mit dem Kitsch inszeniert. Falls ja, dann übertreibt er es manchmal, und der Roman entwickelt besonders im letzten Drittel einen Hang zum Sentenziösen, je weiter Jonas von seinem bisherigen Leben entrückt: „Wir sind nichts. Wir sind so wenig, dass es eigentlich zum Totlachen ist. Aber genau darum ist das Leben so kostbar.“ Und so weiter.
Man ist an einigen Stellen hin- und hergerissen: Da ist einerseits Glavinics elegant dahinfließende Sprache, die glänzend beschriebene Weltverlassenheit im Angesicht des Berges, der mechanischen Abfolge von Trinken, Frieren, Schlafen, Klettern, Abenteuertourismus und tiefgekühlten Leichen. Andererseits stolpert man mitunter über Bremshügel von bistrophilosophischem Schwulst. Aber der erscheint im Gesamten verzeihlich – zumal, da wir uns ja in einem Märchen befinden.
Und am Ende überwiegt die Souveränität, mit der Glavinic seine Dialoge schreibt, seine Kunstfertigkeit, mit der er seinen Jonas auf die Spitze treibt.

Und nun freue ich mich auf Der Herr der kleinen Vögel von Yoko Ogawa, ein Buch, das sicher mit leiseren Tönen aufwarten wird.


Leave a Reply