Hinterwohnung

Manches Mal sitze ich auf Friedhöfen, manches Mal auf Spielplätzen. Tue dort involviert mit dem Habitus des Kindbegleitenden auch ohne mein eigenes Kind dabei. Schau mal, Mama, eine Hinterwohnung! Ein eingesandetes Mädchen zeigt auf einen Matschhaufen nahe bei der Wasserpumpe. Eine Hinterwohnung. Ich stelle mir vor, es gäbe eine Wohnung hinter der eigentlichen, einen Ort, den keiner kennt. Nur ab und an, wenn es dieser Hinterwohnung gefällt oder sie es für richtig hält, zeigt sie sich.
Sie ist nicht anders als die eigentliche, aber stets ist in ihr eine aus der Wirklichkeit gefallene Besonderheit zu finden, ein Utensil, das fremd erscheint und doch vertraut: so sitze ich eines Tages vor einem großen Skizzenblog, der in der eigentlichen Wohnung dort nicht auf dem Tisch liegt. Lange sitze ich vor ihm, betrachte die Zeichnungen, die ich zu Blatt gebracht hatte, damals, als die Inhalte der Hausaufgaben sich wieder einmal daran machten, sich aus dem Geiste zu verflüchtigen. Ich greife den Stift, der daneben liegt, und zeichne den Namen derjenigen, die mein Herz erobert hatte, mit ihren dunklen, wachen Augen, aus dem Mädchengymnasium nebenan.
Dann, ein anderes Mal, steht da eine kleine Kindertafel, darauf mit Kreide gezeichnet eine dicke, singende Frau. Wenn ich aufwache, soll ich mich erinnern, wo sie sind, meine Eltern: im Theater bei einer Oper. Trotzdem setze ich mich weinend in den Hausflur, dort werde ich von Nachbarn aufgegriffen. In deren Küche bekomme ich einen dampfenden Kakao.
Oder diese Lokführermütze auf dem Tisch neben dem Weihnachtsbaum: Vater mimt den Lokführer mit Pfeife im Mund und dieser Mütze auf, ich strahle, als der Zug aus dem Tunnel tuckert.
Und der Schallplattenspieler von einst, auf ihm liegt meine allererste Langspielplatte (ich habe sie immer noch): Deep Purple in Rock. Bedächtig lege ich die Nadel auf: Child in time – was für ein Lied! Ich sitze mit geschlossenen Augen und höre in meine Vergangenheit hinein.

Das Mädchen stolpert und fällt auf ihre Hinterwohnung, ein paar Tränen rinnen über die schmutzigen Wangen, sie klopft ihre Hose ab und geht zur Schaukel.


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