Begegnung

Über Eck, durch die Glasscheibe eines Buchladenschaufensters, beobachte ich eine alte Frau. Wobei es kein Beobachten ist, das ist ein zu voyeuristischer Begriff, es ist mehr ein Nichtwegschauenkönnen, das aus einem zufälligen Blick geboren ist. Ich schaue diese Frau nicht in ihrer gesamten Gestalt, sondern nur ihr Gesicht. Es ist in diesem augenscheinlich hohen Alter betörend anziehend, gemalt in vielen Falten und bedeutsam schön. Ich denke, dass sie in jungen Jahren nicht schöner gewesen sein kann, als sie es jetzt ist. Sie bewegt sich nicht, lange Minuten nicht, sie schaut nur durch die Glasscheibe und nach etwas, das sich dahinter befindet, und ich schaue, wie sie schaut.
Dann fühle ich mich doch ein wenig unwohl, entwinde mich aus meinen Blicken und gehe langsam die Scheiben entlang zu ihr hinüber. Es drängt mich, sie anzusprechen. Eine kurze Weile stehe ich neben ihr. Junger Mann?! sagt sie nach einer kurzen Weile, noch immer reglos, ihr Schauen nicht unterbrechend. Ich möchte Sie nicht bedrängen, aber ich konnte meinen Blick nicht von Ihnen abwenden, sage ich. Vor ihr in der Auslage liegt in einer Reihe von Uwe Timm sein Buch „Am Beispiel meines Bruders“. Kennen Sie dieses Buch? frage ich. Es ist nicht das Buch, antwortet sie, auch wenn es gut ist. Wenn Sie genau schauen, sehen Sie, wie die Scheibe zum Spiegel wird. Und, spricht sie leise weiter, ich sehe mich in diesem Moment, wie ich mich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Das überwältigt mich ein wenig.
Danach schweigt sie wieder und schaut. Ich würde gerne ihre Hand nehmen, zum Abschied, ihr irgendeine Berührung hingeben als Zeichen meiner spontanen Zuneigung. Doch ich schaue sie nur noch einen Atemzug lang von der Seite an, sie schenkt mir ein flüchtiges Lächeln ohne mich anzusehen. Dann gehe ich wieder meines Weges.


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