Anne Frank

Tagebuch
13.5.1949

Beste Kitty!

Die Stimmung hier ist noch sehr gespannt. Pim ist auf dem Siedepunkt, Frau van Daan liegt mit Erkältung im Bett und schimpft, Herr van Daan ist ohne Glimmstengel und blaß, Dussel, der viel von seiner Beqeumlichkeit geopfert hat, hat alle möglichen Beanstandungen usw. usw. Wir haben im Augenblick kein Glück. Das Klo ist undicht, der Hahn überdreht. Dank der vielen Beziehungen wird sowohl das eine als auch das andere schnell repariert sein.
Manchmal bin ich sentimental, das weiß ich, aber manchmal ist Sentimentalität auch angebracht. Wenn Peter und ich irgendwo zwischen Gerümpel und Staub auf einer harten Holzkiste sitzen, einer dem anderen den Arm um die Schulter gelegt hat, er mit einer Locke von mir in der Hand, und wenn draußen die Vögel trillern, wenn die Bäume grün werden, wenn die Sonne hinauslockt, wenn der Himmel so blau ist, oh, dann will ich so viel!

Nichts als unzufriedene und mürrische Gesichter sieht man hier, nichts als Seufzen und unterdrückte Klagen sind zu hören, und es scheint, als wäre plötzlich alles schrecklich geworden. In Wirklichkeit ist es hier so schlecht, wie man es sich selbst macht. Hier im Hinterhaus geht niemand mit gutem Beispiel voran, hier muß jeder selbst sehen, wie er mit seinen Launen klarkommt.

„Wäre es nur schon vorbei!“ Das hört man jeden Tag.
Meine Würde, meine Hoffnung, meine Liebe, mein Mut, das alles hält mich aufrecht und macht mich gut!
Kitty, ich glaube, ich spinne heute ein bißchen, und ich weiß nicht, warum. Alles steht durcheinander, man merkt keinen Zusammenhang, und ich bezweifle manchmal ernsthaft, ob sich später mal jemand für mein Geschwätz interessieren wird. „Die Bekenntnisse eines häßlichen jungen Entleins“ wird der ganze Unsinn dann heißen …