Arnold Stadler

New York machen wir das nächste Mal
12f


Seine große Schwester hat Roland einst, als es noch Nacht wurde und Wunder gab, als noch der Himmel zu sehen war und mit ihm die Sterne, alles auf einmal gezeigt, und er staunte und seine Schwester entlockte ihm ein großes „AAAAAAAA! – Das ist der Himmel!“. Sagte sie ihm. Und er glaubte ihr. Freilich war es auch nur ein Kinderglaube. Aber der stand nicht zur Disposition, so wenig wie die Kinderträume.
„Das Schönste auf der ganzen Welt!“ sagte sie, wie Kinder sagen, ein Leben lang.
Roland sah sie noch mit diesem Satz dastehen und hört noch das Ausrufungszeichen hinter „auf der ganzen Welt“. Auf alles, was er sie fragte, bekam er eine Antwort von ihnen, seinen Anfangsmenschen. Dann starben die Ersten. Auf alles hatten sie eine Antwort gehabt. Aber wenn er nun am Telefon fragte: „Was machst du heute Abend?“ sagten sie: „Gulasch!“
Wie sie ihm voraus war und ihrem kleinen Bruder den offenen Himmel zeigte! Unter dem sie nebeneinanderstanden. Hand in Hand. Und vielleicht war das sogar das alles ermöglichende Wunder, auf das alle anderen folgten. Sie und ihn mit seinen kleinen großen Augen in ihrem großen kleinen Hof. Über diese Augen, mit denen sie als Kinder noch den Himmel berührten, waren sie mit der ganzen Welt verbunden, mit allem verbunden, was sie sahen und hätten sehen können, mit allem, was es gab, ob sie es sahen oder nicht. So standen sie im Weltraum, auf dem Nachbargrundstück der Milchstraße. Gleich nebenan die Milchstraße, das konnten sie sehen. Die Augen in ihnen und die Sterne über ihnen und sich. Dazwischen nichts. Seine Schwester und er, nebeneinander in diesem Hof. Und dann erst wieder die Sterne. Nachdem sie eine Weile geschaut hatten, gingen sie schlafen. Die Welt war noch vollständig: Großeltern und Schutzengel. Alles noch da. „Und nachts kreuzten sich Milchstraße und Dorfstraße auf dem Nachhauseweg.“ So war es.

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Am anderen Morgen – es musste ein Donnerstagmorgen gewesen sein, denn am Freitag wurde in der katholischen Welt aus bekanntem Grunde nicht geschlachtet, fand er plötzlich wieder einmal alles schön. Auch das Gegenteil davon. Vielleicht war es auch nur der Restalkohol. Solche Morgen gab es auch.
Als er zum Fenster hinausschaute, landete er zwangsläufig bei den Gores, diesen Nachbarn, und konnte sehen, wie Hermine das Blut rührte. Wie sie mit der Arbeit schon fast fertig waren. Das Schwein hing schon ausgenommen in zwei Hälften von der Leiter, fast schon ein Stillleben eines alten Meisters.
Auch sie, die Gores, gehörten zu seinem Leben. Vor bald zwanzig Jahren war er täglich durch jene Tür gegangen, ihre Haustür, die eher einer Stalltür glich. Zu diesen Nachbarn hatten seine ersten Reisen in die Welt geführt.
Nebenan, einst, als dieses Wort noch Sinn hatte und darauf deutete, dass es eine Mitte gab, gegeben haben muss, lebten sie, diese Nachbarn.
Die Stiftung Warentest hätte sie auch als Familie nicht durchgehen lassen.
Und ihn vielleicht auch nicht, in seiner nur aus Nebenzimmern bestehenden Wohnung.
Vom Schlafzimmer aus konnte er ihnen auf den Wurstkessel sehen, dem Leben ins Gesicht,
Sie lebten hauptsächlich vom Fleisch von Tieren, die sie selbst schlachteten, und was von ihnen übrigblieb, landete wieder im Trog ihrer noch nicht geschlachteten und verspeisten Angehörigen und so fort. Die Gores aßen nur am Freitag kein Fleisch, und Freitag war auch kein Schlachttag, da hatten die Tiere frei.
Hermine bemerkte bald, wie er zum Fenster herausschaute und sie beobachtete, wie sie ihrem Handwerk nachgingen.
Der Amerikaner, Jim aus Miami, war dagegen schon eine Stunde zuvor von einem irrsinnigen Quieken aufgewacht – und war »zu Tode« erschrocken, als er von seinem Zimmer aus Leute mit Händen und Beinen und Köpfen an derselben Stelle dabei entdeckte, wie sie dabei waren, ein bis dahin niemals im Freien gewesenes Lebewesen, das auch aus den fünf Sinnen bestand und alles hatte, und auch noch in etwa an der gleichen Stelle!!!! … an seinen Ohren und seinem Schwanz aus dem Stall herauszuziehen, um es zu töten, abzuschaben, aufzuhängen, aufzuschneiden, auslaufen zu lassen und so weiter.

Es handelte sich bei den Hauptakteuren um Hermine und Karl Rudolph und seinen ebenso unterbelichteten Stall- und Schlachtgehilfen Theodor, der eher das Gegenteil von dem war, was sein Name besagte, Theodor – eher pain in the neck als Gottesgeschenk. Und seine Frau Viktoria, genannt Viktor, stand auch noch dabei und wartete darauf, das Blut zu rühren.
Von diesem Geschrei, das er nie gehört hatte, war Jim erwacht.
Wenige Augenblicke später sah er, wie sie dabei waren, das Tier auf einen Trog zu binden, es gemeinsam zu fesseln, wobei die Frauen nun assistierten, zwei der Männer ihre Kraft spielen ließen, und Theo hatte nun zwei Taschenlampen in der Hand zum Leuchten. Es war wie eine Hinrichtung im Morgengrauen. – Das Lebewesen, das nun ins Jenseits befördert werden sollte, und dann verwurstet und so fort, hatte vier Beine, das war vielleicht der einzige kapitale Unterschied zu den anderen, die zweibeinig sich an die Arbeit machten. Zwei Männer und zwei Frauen, zählte Jim. Und dann entdeckte er auch noch Zuschauer: Die beiden Alten, wie Hermine ihre Schwiegereltern nannte, lebten damals noch und hatten immer noch nicht genug. Wilhelm und Fine verfolgten das Leben und wie diesem Lebewesen der Garaus gemacht wurde mit einer alten Freude, als wären sie immer noch Kinder.
Jim sah, wie sie es schließlich schafften, das Lebewesen zu bändigen, und wie es dann, noch am Leben, plötzlich totenstill war. In Miami gab es so etwas nicht. Das gab es dort gewiss auch, nur noch viel schlimmer, und es gab keinen einzigen TV-Kanal, der dies gezeigt hätte. Hier war es live. Das Leben.
Sie hatten die Morgenläut-Glocken von Lebensweiler abgewartet, die den Schuss übertönen sollten. Und dann begann es zu läuten: zum Morgengebet, genauso lange, wie fünf Vaterunser und fünf Ave Maria dauerten. Seit Jahrhunderten läuteten sie so um halb sechs, für alle, die ihr Leben um diesen Turm herum führten und geführt hatten und denen sie wohl als eine Art Wecker dienten. Aber der wäre gar nicht nötig gewesen.
Erst lag das Lebewesen mit den zwei Augen festgebunden und totenstill in Erwartung des Endes. Doch als es mit eigenen Augen sah, wie Karl Rudolph, als die Glocken zu lauten begannen, dabei war, den Bolzenschussapparat zu holen, fing es wie am Spieß zu schreien an, wie ein um sein Leben schreiender Todgeweihter, der keine Beruhigungsspritze bekommen hat, bei der Hinrichtung. Zwischen Huntsville Texas und Isfahan, Mekka und Schanghai.
Die Glocken gaben dem Tag und dem Leben eine Struktur, hier, im Hinterland von Schwäbisch Mesopotamien von einst.
Dieses Morgengeläut übertönte dann den Schuss doch nicht ganz, der immer noch deutlich zu vernehmen war, diese Glocken hatten in alles hineingeläutet. Und besonders auch die Kinder, die anfangs noch mit Opa und Oma herumstanden, schauten erwartungsvoll zu und zuckten vor Freude zusammen und bekamen vielleicht zum ersten Mal eine Gänsehaut, als wäre dies eine Vorstufe späterer Orgasmen gewesen, als sie in die Glocken hinein den Schuss hörten.
Bald liefen sie mit der blutverschmierten Schweineblase davon, einem der Kinderspielzeuge, das Karl Rudolph für sie aufgeblasen hatte, und schlugen damit einander auf den Kopf. Es war ein kurzes Vergnügen, Kinder! – Hermine und Karl Rudolph hatten fünf davon gemacht, wie es hieß. Als verwechselte sich der Mensch mit dem Schöpfer. Auch der einfachste Mesopotamier und nicht nur die großen Experten, virtuosen Humangenetiker und Herren von der pränatalen Diagnostik.

Die älteren zwei waren schon aus dem Haus, während die drei Jüngeren sich noch um die Schweineblase stritten, bis der Förderschulbus kam, und schmierten sich mit Blut aus der Wanne voll und nahmen die Schweineblase erst wieder am Schmutzigen Donnerstag heraus und hauten damit allen,  denen sie an diesem Tag begegneten, auf den Kopf.
Jim würde dieses Bild dann mit nach Amerika nehmen und wahrscheinlich in Miami erzählen, wie sie ganz konzentriert und formvollendet nach der richtigen Stelle am Hals Ausschau gehalten, abgesucht und dann den Schnitt gesetzt hatten und wie nach einer Generalpause mit aller Gewalt, wie eine Fontäne, das Blut herausgebrochen war.
Gewiss, wie es in Huntsville zuging, am Morgen der Hinrichtung, wie in aller Herrgottsfrühe geweckt wurde, davon wollte er erst gar nichts wissen. Das war eine andere Geschichte, wenn auch nicht ganz; und wie immer war es auch hier: Die eine hing mit der anderen zusammen, alle Geschichten hingen irgendwie zusammen, wenn der gewöhnliche Mensch auch am Wort »irgendwie« scheiterte und niemals den sogenannten Durchblick haben würde, er aber würde dann tot sein, und unter den schönsten Vorrechten des Schriftstellers war dies vielleicht das entscheidende: dass er Äpfel mit Birnen vergleichen konnte, ja musste ein Augenleben lang.
Viktoria und Hermine hatten den Blutschüsseldienst übernommen, eine Wanne, die das Jahr über auch zum Wäscheaufhängen benutzt wurde, ganz an den Hals gedrückt und das Blut aufgefangen und wild zu rühren begonnen und das nötige Gewürz hineingemischt … und alles so geschickt, dass das Hermännle einen Tag später sagen würde, er könne sich ein Leben ohne diese Würste nicht mehr vorstellen, ja, er wolle nicht mehr leben, wenn ihm »diese Mexede« (hochdeutsch: Schlachtplatte) eines Tages nicht mehr gebracht werden sollte.
Innerhalb kürzester Zeit war alles aufgeschnitten und herausgenommen, der Rest hing in zwei Teilen an einer Leiter von der Wand herunter, rechts neben der Tür am Stall, durch die dieses Tier mit seinen Augen ein erstes und letztes Mal herausgekommen war. Immerhin, welch ein Auftritt, zu vergleichen mit dem Stier in der Arena, dessen Sterben und Tod ja geradezu ein königliches Requiem war, verglichen mit seinen Verwandten, die in den Schlachthöfen landeten, ganz zu schweigen von den 350 Millionen Hühnerleben, die jedes Jahr in diesem Land vollautomatisiert verarbeitet wurden, erst zu Lebensmitteln, dann zu …
Und, auf dieses arme Schwein bezogen: Seine Geschwister hatten nicht dieses privilegierte Schicksal, zu Hause sterben zu dürfen, derart im Mittelpunkt eines Festes, wie ein stolzer spanischer Stier – und dann von den eigenen Leuten gegessen zu werden, und dass ihre Augen zuletzt Leckerbissen wären, und den Rest von allem bekamen dann geraume Zeit später diese Geschwister selbst von Hermine in den Trog geschüttet. Nein, es war schon etwas Besonderes. Die anderen landeten in der Schlachtfabrik, und ganze Familien wurden dort für immer auseinandergerissen und landeten zuletzt in irgendwelchen Klein- oder Großstadtmägen bis zur Unkenntlichkeit entstellt, durch den Fleischwolf, und vorher noch bei Aldi oder beim ersten Metzger am Platz, in der Gourmetabteilung.
Und dem Verbraucher als Genießer war es egal, wie sich dieses Leben mit Augen und Ohren und Mund etwa an derselben Stelle einst zusammengesetzt hatte.
Der Gemüsegarten war auch stillgelegt, seitdem es die Tiefkühltruhenkultur gab und der Eismann einmal in der Woche seine Ware ins Haus lieferte.