Botho Strauss

Herkunft
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Mit den Jahren legte ich unzählige Scherben eines imaginären, jedoch erschließbaren Gefäßes vor. Dies Dahinziehen in Motiven und die fortschrittlose Bewegung in kurzen Sprüngen vor und zurück, dies lange, lange Würfelspiel, bei dem ich immer noch auf die magische Unbekannte unter allen Augenzahlen zu hoffen scheine, lassen insgesamt auf ein Leben von geringer Tatkraft und großer Saumseligkeit schließen. Der Saum, ja, es war der schmale Lein- oder Treidelpfad, der zuerst an der Lahn und später am Fluß der Ereignisse entlangführte. Stetig und wachsam ihm zu folgen war mein Fleiß. Dabei bin ich meiner Dummheit, meiner Sentimentalität in so reiner Ausprägung begegnet, wie ich sie anderen Mensch immer zu verbergen suchte. Ich habe mich unterwegs befunden, immer nur auf dem Leinpfad neben dem Fluß, und habe mich sonst nirgends ausreichend ausgekannt. Nur auf dem festgelegten Weg, von dem man nicht abirren, nicht abzweigen kann, immer am Fluß entlang, öffnete sich in mir bei jedem Schritt eine »gesellschaftliche« Hülle, ein Trug nach dem anderen fiel ab, bis hin zu den innersten klebrigsten Hüllblättern des frischen Selbstbetrugs. Bei gutem Wetter und schnellem Fortkommen öffnete ich mich vollständig wie eine Pfingstrose im Mailicht.
Dennoch will es mir scheinen, als hätte ich aus tausend Veränderungen, Umstürzen und Digressionen nichts anderes als die Spur der Nachfolge bloßgelegt, das Relief einer Wiederholung, die Oberfläche einer tiefen Prägung gereinigt und geputzt.
So betrachtet, den Leinpfad entlang, habe ich den Verführungen des Lebens mit allen Kräften des Nachlebens widerstanden. Verschlossen wie Emily Dickinson‚ wie Kierkegaard bleibend daheim, um dem Ahnen ein Nachleben zu sein. Dieselben Stunden am Tisch, die regelmäßigen Mahlzeiten, die Spaziergänge zur Erfrischung. Das Schreiben von Theaterstücken wäre demnach nur ein Karneval gewesen, um die Geister der Gegenwart aus dem Haus zu treiben.