Christa Wolf

Ein Tag im Jahr
1960 – 2000
252f

Donnerstag, 27. September 1979
Meteln


Du kennst, sagt er, Zustände von Erleichterung und Nichterleichterung. – Ich sage: Ja. Vorgestern, als ich von der Amnestie hörte, diese ungeheure Erleichterung. Da spürte ich erst das Bleigewicht, das mir sonst auf den Schultern liegt. – Aber du kannst doch nicht, sagt er, mit jedem mitleiden, der im Gefängnis ist. Das hast du doch früher auch nicht getan. – Nein. Ich verstehe es auch nicht mehr, daß ich früher damit leben konnte. Heute drückt mir dieses ganze Land auf meine Schultern, und nur manchmal werde ich frei davon und kann mich leichter aufrichten. Aber das wäre natürlich woanders genau so. – Nicht ganz, sagt er. Woanders würde es dich nichts angehen. – Also eine Selbsttäuschung. – Ja. Aber woher eigentlich diese unauflösbare Identifizierung mit diesem Land. Warum wird man die nie los. – Ich sage, wenn Sie es hätten loswerden können, wären Sarah Kirsch und Günter Kunert nicht gegangen. Das ist es eigentlich, wovor sie fliehen mussten. Und ich werde mich immer an den Augenblick erinnern – es war nach der Biermann-Ausbürgerung, es war in Ungarn, im Bus von Hevis zum Flughafen, als ich mir versprach: Wenn ich mich frei machen und weiter schreiben kann, ganz unabhängig, kann ich hier bleiben; wenn nicht, muß ich gehen.
Wir wissen das alles, haben es hundertmal beredet. Während wir darüber sprechen, kommt es mir vor, als würde sich die Verkrampfung lösen, als werde ich, in dem ich Persönliches zur Sprache bringe, auch dieses Bettine-Nachwort doch zustande bringen, nicht nur als kalte Fleißarbeit. (Jetzt, während ich an der Maschine sitze, die ich auf dem technischen Tischchen, gegen den grauen Fenstervorhang, morgens immer als ersten Gegenstand sehe, jetzt ist diese trockene Müdigkeit hinter den Augen schon wieder da, und es ist ein Glück, daß ich heute dieses hier zu schreiben habe. Es ist schon zehn Uhr fünfzehn.) G. sagt, er kenne solche Lähmungszustände ja auch, er hüte sich nur, sie sich als Depression bewußt zu machen. Er könne dann wochenlang so gut wie nichts tun, nur die Tage verplempern. – Das wär’s, was ich jetzt auch möchte, sage ich. Aber davor habe ich noch mehr Angst als vor der mühseligen Arbeit, zu der ich mich stundenweis zwinge.
Es ist ein grauer Tag, milder als die vorangegangenen, jetzt kommt Wind auf. Den ganzen Sommer über sah ich den Apfelbaum vor dem Arbeitsfenster sehr nah, von der üppigen Blüte bis jetzt, wo er voller großer, grünroter Äpfel hängt. Ich habe so etwas früher nie erlebt, die Natur im Jahreskreis. Es ist ein wirklicher Reichtum, etwas Neues. Ein Glück. Ich denke, daß eben dieses Zusammenliegen und ruhige Miteinander-Reden Glück ist, eine innige Stunde, die ich in mich aufnehmen und bewahren will. Was will ich denn noch? Oft zähle ich mir alles auf, was dazu beiträgt, daß es mir außerordentlich gut geht. Ich sage es Gerd und denke, ich muß es schaffen, mich so gut zu fühlen, wie es mir geht. (Wieder etwas, was ich »schaffen« will…)