Christoph Ransmayr

Atlas eines ängstlichen Mannes
S. 153ff

Im Weltraum

Ich sah eine samtschwarze, von unzähligen Lichtpunkten tätowierte Finsternis über mir, ein scheinbar grenzenloses, bis an die fernsten Abgründe des Alls ausgespanntes Firmament, während ich auf dem flachen Boden eines Kahns lag, der unter den Ruderschlägen eines Fährmanns aus dem Volk der Maori durch die Nacht glitt.
Das verzweigte, von Wasseradern durchflutete Höhlensystem, durch das mich der Fährmann ruderte und stakte, führte vom Ufer des Lake Te Anau auf der Südinsel Neuseelands tiefer ins Innere der Murchison Mountains. Daß dort draußen, an einem von Eisrinden klirrenden Seeufer, ein Augusttag zu Ende ging, ein stürmischer Wintertag, der auf den Pässen Neuschnee gebracht hatte, war hier, im Inneren des Gebirges, ohne Bedeutung. Hier herrschten durch alle Jahreszeiten hindurch gleichbleibende Temperatur und eine Windstille Finsternis, in der trotz aller Sternwolken, galaktischen Nebel und Kugelsternhaufen über meinem Kopf weder der Fährmann noch sein Ruder oder auch nur die eigene Hand vor den Augen zu sehen war. Das Abbild des Nachthimmels an den Höhlendecken, das sich im glatten Wasser spiegelte, bis der Fährmann den Spiegel Ruderschlag für Ruderschlag zertrümmerte, wurde von den Larven eines Zweiflüglers aus der Familie der Pilzmücken in die undurchdringliche Schwärze gestochen. von zwei bis drei Zentimeter langen leuchtenden Würmchen, die mit ihrem bläulichen Schein Eintags- und Köcherfliegen, Nachtfalter oder verirrte Motten in einen Vorhang aus hauchzarten, klebrigen Fangschnüren aus Seide lockten, an denen sie dann die aus der Finsternis gefischte Beute in ihre Nester hochzogen und fraßen. Völlige Windstille war eine Grundbedingung dieser Jagd, die deshalb am erfolgreichsten in Höhlen betrieben wurde, denn beim leisesten Hauch mußten sich die sechzig und siebzig Fangschnüre, die von jedem Seidennest herabhingen, so unlösbar ineinander verstricken wie die Angelschnüre chaotischer Fischer.
Stille und Windstille waren hier unten so vollkommen, daß ich das Klingen des Blutes in meinem Kopf hörte. Daß der Fährmann mich außerhalb der auf einer großen Tafel an der Anlegestelle am Seeufer plakatierten Besichtigungszeiten ins Innere des Gebirges ruderte, war ein Privileg, das ich einem Farmer verdankte, der mich für zwei Nächte in einem der drei Zimmer mit Frühstück seines Hofes beherbergte.
Schon bei der Einfahrt in die Höhle hatte mir der an Händen und Hals und über das ganze Gesicht mit den Ornamenten seines Stammes tätowierte Maori bedeutet, mich auf den Rücken zu legen. Ich könne so den Sternenhimmel über rnir wie auf einem in sanften Brisen dahinsegelnden, fliegenden Teppich bestaunen. Aber kaum auf dem Boden des Kahns ausgestreckt und in einem Gefühl der Geborgenheit ähnlich dem in einer Wiege, spürte ich auch, wie müde ich war. Ich hatte einen langen Tag auf winterlichen Straßen, vor allem einer Paßstraße, hinter mir, auf der ich von Wanaka nach Queenstown über den Crown Range Summit, den höchsten, auf einer Straße überquerbaren Paß Neuseelands, gefahren und dabei fast einen Steilhang hinabgestürzt war: Nachdem es kurz vor der Paßhöhe in dichten Flocken zu schneien begonnen hatte, war mein für winterliche Verhältnisse nicht ausgerüsteter Mietwagen auf einem bereits schneeverwehten Anstieg mit durchdrehenden Rädern plötzlich rückwärts, rückwärts! und langsam gegen den Straßenrand und einen felsigen Abhang gerutscht. Der Hang war so steil, daß mein Wagen sich bis hinab zu einem Bergbach, der tief unten schwarz und lautlos talauswärts lief, wieder und wieder überschlagen mußte. Natürlich stand in einem Vertrag, der zusammengefaltet im Handschuhfach lag, daß ich Paßstraßen zu dieser Jahreszeit unter allen Umständen zu meiden hätte und jede Versicherungsleistung verlieren würde, wenn ich gegen diese Bestimmung verstieß. Aber auf einer Route, die nicht über den Crown Range Summit, sondern um das Gebirge herumfiihrte, hätte ich mein Ziel, den Lake Te Anau und seine Höhlen, wohl nicht mehr bei Tageslicht erreicht. Dazu war der Tag zwar stürmisch, aber noch nahezu wolkenlos gewesen, als ich mich für die Fahrt durch das Gebirge entschieden hatte. Ich machte mich bereit, aus dem Wagen zu springen, um mein, wie ich empfand, dramatisch gefahrdetes Leben um den Preis eines unbesetzt in einen Bergbach krachenden Mietwagens von meinem Schicksal zurückzukaufen, als der Wagen dicht vor dem Abgrund zum Stillstand kam:
Die Erinnerung an diese Augenblicke einer hilflosen Drift ließen mir meine Lage auf den Bodenplanken des Kahns so umsorgt und glückhaft erscheinen, daß ich in einem schläfrigen Gefühl des Behütetseins beinahe hinübergeglitten wäre in einen Traum, der mit Sternen zu tun hatte. Vier Bergwanderer‚ die mich auf ihrer Rückreise von einer langen Tour in meiner Schwebe zwischen Totalschaden und Lebensgefahr am Straßenrand entdeckt, dann in ihrem mit Schneeketten gerüsteten Jeep über die Paßhöhe geschleppt und noch bis unter die Schneefallgrenze begleitet hatten, erschienen mir am Rand dieses Traumes als Schutzgeister, wie sie sich nur im Land der Maori um die Ängstlichen und Gefahrdeten annahmen. Vielleicht war ja auch mein tätowierter Fährmann ein solcher Geist. Er kannte das Höhlenlabyrinth so gut, daß er den Kahn ohne Lampe durch die Finsternis fuhrte und sein Ruder wie einen Blindenstock. Wir glitten, schaukelten unter glimmenden Galaxien dahin. Manche dieser Sterne, sagte er, würden heller leuchten als andere, das seien die hungrigen Larven, ihr Licht mußte ja wohl das betörendste sein, andere glow worms wiederum, die gerade Beute gemacht und gefressen hatten, schimmerten blasser‚ und wieder andere, die dabei waren, sich zu verpuppen, und signalisieren wollten, daß sie bald zur Fortpflanzung bereit waren, leuchteten auf, erloschen, leuchtete“ erneut, blinkten. Es sei hier in der Tiefe also nicht anders als am Himmel draußen in der Nacht, über dem Lake Te Anau und den schneebedeckten Gipfeln, auch dort draußen gab es Sterne, die ihre Leuchtkraft periodisch veränderten, gab es lichtstarke und lichtschwache Sonnen, Dunkelwolken, schwarze Löcher. Und tatsächlich behaupteten ja Insektenforscher, sagte der Fährmann, daß die phosphoreszierenden Larven dieser Pilzmücke nicht mehr und nicht weniger wollten, als den klaren Sternenhimmel täuschend nachzuahmen, um ihre Beute mit der Illusion in Sicherheit zu wiegen, sie schwirrte, flatterte, segelte auf ihrem Flug gegen die seidenen Fangschnüre in einer friedlichen Sommernacht und einer grenzenlosen Freiheit dahin.
Und dann lief unser Kahn auf seltsam elastischen Grund. Der Fährmann legte das Ruder ins Boot und schaltete seine Stirnlampe ein, die dann, nicht anders als die Lichtglocke einer ganzen Stadt den Nachthimmel, auch hier alle Sternwolken überstrahlte und nahezu zum Verschwinden brachte. Er reichte mir die Hand, um mir aus dem Kahn und an das knisternde Ufer eines unterirdischen Sees zu helfen, auf einen Boden, der dick, ja meterhoch mit toten Insekten bedeckt war, schimmernden Flügeln, Fadenbeinen, Chitinhüllen.
Das monatelange, leuchtende Larvenstadium, ihr Sternendasein, sagte der Fährmann, sei der weitaus längste Abschnitt im Leben dieser Insekten. Schlüpfte aus der Puppe endlich ein geflügeltes Wesen, blieben ihm nur noch ein paar letzte Lebenstage, die allein der Fortpflanzung dienten. Denn die lovers, sagte der Fährmann, die Liebenden, die dann in der Finsternis aufeinander zukrochen oder zuschwirrten, waren ohne Mund, ohne Freßwerkzeuge, ohne Verdauungsorgane und konnten auch nur mühselig fliegen. So warteten sie zumeist in unmittelbarer Nähe ihrer verlassenen Seidennester auf einen Gemahl, mit dem gemeinsam sie dann nach dem Liebesakt und der Eiablage — verhungerten und vom Himmel fielen, auf den felsigen Grund und ins Wasser, das, wenn es unter den Regengüssen der Außenwelt stieg und wieder sank, an manchen Stränden der Höhle diese knisternden Matten aus Überresten aufschichtete, Mumien.
Auf diesen Matten, sagte der Fährmann, würden wir nun noch ein Stück weiter, tiefer ins Innere des Gebirges gehen, in die Nacht, bis an den Rand des Firmaments. Und löschte seine Lampe.
Keine Angst, hörte ich sein nachleuchtendes Bild, einen Unsichtbaren, der mich an der Hand nahm, sagen, keine Angst, wir würden der Milchstraße über unseren Köpfen bis an ihr Ende folgen und brauchten dabei selbst einen Sturz nicht zu fürchten. Denn wer in dieser Finsternis stolperte und fiel, käme auf weichem Grund zu liegen, auf stardust, Sternenstaub.