Gao Xingjian

Das Buch des einsamen Menschen
273f


Du wolltest der kleine Junge sein, der auf einem Platz in Brüssel vor sich hin pinkelte, Männer wie Frauen hielten den Mund offen, um sein gepinkeltes Wasser zu trinken, und die Mädchen kicherten an der Seite, und du wärst wiederum ein alter Kerl, der in der Kneipe herumsaß und vor sich hinstarrte, so alt, dass dein Gesicht von tiefen Falten durchfurcht war, egal ob du lachtest oder nicht, und du tränkst einen Schluck Bier, so dunkel wie Sojasoße.
Du wolltest laut in der Menge losheulen, aber brachtest keinen Ton hervor. Niemand wusste, warum du weintest, oder ob du wirklich weintest oder dich nur weinend stelltest. Du wolltest weinen über diese Welt, die nur so tat als ob, aber natürlich kam kein Laut aus dir hervor, und dein gestelltes Weinen würde das ergebene Publikum völlig verunsichern. Dann würdest du deine Brust aufreißen und ein rotes Plastikherz hervorholen, etwas Reisstroh oder auch Taschentücher und all das in die applaudierende Menge werfen, leichtfüßig davontrippeln, und dann, dann würdest du ausrutschen und nicht mehr auf die Füße kommen, du würdest auf der Bühne einen Herzinfarkt erleiden und sterben, du würdest aber, ehrlich gesagt, keinen Sanitäter brauchen, denn das wäre alles Theater, eine Form, durch die du deinen Schmerz und deine Freude, deine Verletzungen und Hoffnungen sichtbar machen könntest, mit einem listigen Grinsen, ohne dass klar wäre, ob du lachen würdest oder eine Grimasse ziehen. Dann würdest du verschwinden mit einem Mädchen, das du gerade kennengelernt hast und das sich in dich verliebt hat, und sie auf der Toilette im Stehen nehmen. Man würde deine Beine sehen können, sie hätte ihre Beine um deine Hüften geschlungen. Du würdest die Spülung ziehen und wollen, dass es immer weiter rauschte und dich selbst hineinspülte und die ganze Welt Tränen vergösse, so dass alle Glasfenster der Welt vom Regen reingewaschen würden, dass sich die ganze Welt in eine Trübnis von Regen und Nebel verwandelte, und da würdest du am Fenster stehen und die Schneeflocken betrachten, die lautlos im Wind herumtrieben und ganz allmählich die ganze Stadt bedeckten wie ein riesiges weißes Leichentuch, und du vor dem Fenster würdest schweigend daran denken, dass er sich selbst verloren hat…