Katja Kettu

Wildauge
87ff

Titowka, Juli 1944

Der Russenbengel und ich scheuerten den Schweiß der Iwans von den Schwitzbänken. Meine Hände zitterten, als ich Wildhonig, Eberesche und Baldrianwurzel in den Kübeln mischte. Ich ließ den Russenbengel Wacholderzweige auf den Boden streuen und am Türrahmen befestigen. Manchmal setzte ich mich und kraulte der Kriegshündin den Nacken. Ich keuchte. Ich keuchte, seitdem du in der Tür neben mir gestanden und gefragt hattest:
»Fräulein Schwester, würdst du mir ’n Bad machen?«
Du wirktest besorgt. Lispet Näkkälä lag im Bett und winselte. Ihr Blut war in einer einzigen Nachtschlickig geworden, und ihr Unterleib stank wie ein Verdorbener Hering. Ich beruhigte sie. Die Totenerweckerin würde das mit Wismutspritzen und Baldrian behandeln.
»Das sind nur so ’ne Frauensachen. Die gehn von allein weg, wenn du dich bisschen ausruhst.«
Ich massierte mir Talkum in die mit Chlorwasser rasierten Achselhöhlen. Das Gesicht rieb ich mir mit Tau ab und gurgelte mit Katzenminze. Der Russenbengel krauselte mir den Pony, und seine Kriegshündin schlappte die Ringelblumensalbe ab, mit der ich mir die Knöchel eingerieben hatte.
»Iswinitje. Das is ’ne gute Hündin.«
Ich bestimmte, dass alle anderen Bäder dieses Abends ausfallen sollten und kümmerte mich nicht um das Schnauben der Totenerweckerin. Mochten die Maultiere und Hengstfohlen, die kastriert werden sollten, doch krepieren. Mochten sich die Kirgisen doch in den Schlaf weinen, mochte man sie doch mit Brühfutter und Fliegenlarven füttern. Wir würden das wonnigste Dampfbad der Welt bereiten, gewürzt mit Sumpfporst, in dem die Seele zur Ruhe kommt und noch Stunden danach einen bläulichen Harzschlaf schlummert. Wir schleppten eine Wanne mit Kupferbändern hinein. Langsam füllte ich sie mit vogelmilchigem Badewasser. An der Oberfläche schlug ich Schaum mit Kräuterauszügen und trällerte dabei. In diesem Bad Würdest du Wunderbar weich werden. Schröpfeisen und Schröpfhörner legte ich in Reichweite auf einen Schemel. Damit würde ich das Böse aus deinem Rückenmuskel schlagen. Mit einem Aufguss reinigte ich die Luft von Kohlegas und ließ den Rauch sich setzen.
Wie ein dunkler Strich kamst du durch die Tür. Du zogst dich langsam aus, und ich wagte es nicht, dir dabei zuzusehen. Die Kerzen warfen in dem Wasserdampf flackernd schwankende Schatten an die Wände. Irgendwie hilflos bliebst du neben der Wanne stehen:
»Fräulein Schwester, soll ich da reinsteigen?«
Draußen spielte die Moskauer Philharmonie wehmütig slawisch-liebreizende Melodien. Dein Fuß tastete mit neckisch gespreizten Zehen nach der dampfend heißen Wanne. Dann schlüpftest du hinein und ächztest. Ich goss dir dunkles, duftendes Kräuterwasser zwischen die Schulterblätter. Bis in die Lenden hinein spürte ich einen warmen Impuls.
»Ich muss dich was fragen.«
»Alles, was du willst.«
Mein Johannes, mein Liebster.
Da legte sich plötzlich deine Hand um mein Handgelenk.
»Wildauge.«
Es war das erste Mal, dass du mich so nanntest.
»Wildauge, ich hab böse Träume.«
»Was träumst du?«
Einen Augenblick lang zögertest du.
»Das weiß ich nich mehr.«
Ich legte dir ein heißes Lavendelhandtuch auf die Stirn. Die Schmierseife presste ich zu Schaum und begann, dich zu massieren. Mit langsamen, langsamen Bewegungen. Du stöhntest vor Wohlbehagen und tauchtest tiefer in die Dämpfe ein.
»Und das Gelächter, hörst du das?«
»]a, das hör ich«, antwortete ich. Obwohl ich es nicht hörte.
Du erzähltest, dass du nachts von dem Gelächter einer Frau aufwachtest, das von den Fjälls herüberschallt.
»Ich weiß, was das is. Der Russki lässt da aus gewaltigen Lautsprechern Frauengelächter ertönen, damit der Feind durchdreht.«
Frauengelächter? Warum? Ich wagte nicht, das zu fragen. Ich versprach, dir einen Schlaftrunk zu bereiten und zu singen, falls du das wolltest.
»Meine Mutter Annikki konnte schön singen.«
Ich begann zu summen. Und spürte, wie dein Zeigefinger eine Linie über meinen in der Ellenbogenbeuge pochenden Puls zog.
»Danke schön«‚ seufztest du und schlossest die Augen.

324ff

Titowka, September 1944


Ich starre den Deckenbalken an, und er wirkt ebenso morsch wie der im Hause Näkkälä, der zu jener anderen Welt gehört. Zu der, in der ich unberührt und stark war und W0 der Krieg keine Gewalt über mich bekam. Über der Pritsche in der Operation Kuhstall dreht sich langsam, langsam um sich selbst das Himmeli. Ich warte darauf, dass dreckige Stiefel neben meinem Bett stehen bleiben.
Mein Gott, wenn ich diesen Mann bekomme, dann verlange ich keinen anderen.
Ich habe bekommen, was ich wollte. Jetzt wird mir die Rechnung präsentiert.
Ich kann nicht anders als denken, dass dies die von Gott für mich vorgesehene Prüfung ist und dass dies alles einen Sinn haben muss. Sonst kann ich es nicht verstehen. Warum ist es mir so ergangen? Ich habe doch so gehandelt, wie es richtig war. Ich gehörte zu den Frauen, die ihren Hemdkragen immer bis zum obersten Loch zuknöpften und ihre Kleiderärmel einzig in erstickend heißen Kantinennächten vorschriftsmäßig nur bis zur Ellenbogenbeuge hochkrempelten. Ich bin kein Haariges Weidenröschen und keine Sumpfblüte, niemandes Schwanzbürste oder Lieblingsarsch, kein Wachstrichterling oder Blätterpilz, kein Hungerhappen und nicht der Leierkasten für die Jungs von der Feuerwehr, keine Miederklopferin oder Mietdroschkenhure, keine Steckdose, kein Soldatentrost und keine Spritztasse. Keine Entsafterin, keine Wackelsuse und keine Lapplandzulage, kein Passierschein‚ keine Visitenkarte, kein Tor zu Lappland. Das alles bin ich nicht.
Warum ist es mir dann so ergangen?
Weil ich mich in dich verliebt habe.
Wo bist du, mein Geliebter? Ist es schon Abend? Liegst du auf dem Dach und zählst die Sterne, oder gräbst du an deinem ewigen Schwimmbecken, von dem jeder weiß, womit es gefüllt wird?
Ich weiß noch, wie Aune Näkkälä mich warnte: »Ich helf dir. Ich geb meiner Tochter Brechwurzel‚ und eine Woche später kommt sie zu dir und bittet dich um Hilfe. Aber dann is Gott nich mehr auf deiner Seite, verstehst du? Dann bist du dem Krieg genauso ausgeliefert wie wir anderen.«
Das glaubte ich nicht. Wie könnte mir, einem Gotteskind, irgendwas Irdisches etwas anhaben?
»Ich helf dir, wenn du willst. Aber das war’s dann. Mehr Hilfe kriegst du nich von mir. Du treibst Lispets Kind ab und kriegst ]ohannes«, schwor Aune. »Du kannst das machen, und nach dem Krieg wird dich niemand verfolgen.« Ich tat, wie mir geheißen, und tötete dein Kind in Lispet Näkkälä.
Ich liege auf dem Pritschenbett und sehe dem Himmeli zu. Wenn ich diesen Mann kriege, will ich nichts anderes mehr. Ich bekam die Wollust, und ich bekam deine Liebe. Ich durfte unter diesem Himmel besprungen werden in jeder Stellung, von allen Seiten, habe gekeucht und mein Verlangen in den Weltraum hinausgeschrien. Habe dich in Hülle und Fülle bekommen. Aber erst jetzt habe ich gelernt, dass mich am Ende des Schwanzes nicht die Liebe erwartet, sondern Müdigkeit, Schmerz, verschiedene Entzündungskrankheiten, vom Morgen geläuterte Sehnsucht und ewige Schande.
Der Krieg hat Macht über mich bekommen.