Markus Zusak

Die Bücherdiebin
172ff

 

DIE ARISCHE LADENBESITZERIN

Sie standen vor Frau Lindners Eckladen an die weiß getünchte Wand gelehnt.
In Liesel Memingers Mund steckte ein Bonbon.
In ihren Augen stand die Sonne.
Trotz dieser Hindernisse war sie dennoch in der Lage zu sprechen und zu streiten.

   NOCH EIN GESPRÄCH ZWISCHEN RUDI UND LIESEL 

           »Mach schon, Saumensch, das waren schon zehn Mal.«
           »Stimmt nicht, es waren erst acht – ich hab noch zwei.«
           »Na, dann beeil dich gefälligst. Ich sag’s ja, wir hätten ein
           Messer holen und es in zwei Hälften sägen sollen. – Komm
           schon, das waren jetzt noch zwei Mal! «
           »Also gut. Hier. Und schluck’s bloß nicht runter! «
           (Eine kurze Pause.)
           »Das ist klasse, was? «
           »Darauf kannst du wetten, Saumensch.«

Sowohl der August als auch der Sommer gingen bald zu Ende, da fanden sie einen Pfennig auf dem Boden. Helle Aufregung.
Er steckte halb verottet im Dreck, auf dem Weg, den Liesel mit der Wäsche ging. Eine einsame, verrostete Münze.
»Schau dir das an!«
Rudi stürzte sich darauf. Die Erregung stach in ihrem Innern, während sie zu Frau Lindners Laden zurücksausten. Sie verschendeten keinen Gedanken daran, dass sie mit einem Pfennig nicht besonders weit kommen würden. Sie stolperten durch die Tür und standen vor der arischen Ladenbesitzerin, die voller Verachtung auf sie niederblickte.
»Ich warte«, sagte sie. Ihr Haar war straff zurückgekämmt, und ihr schwarzes Kleid würgte ihren Körper. Von der Wand aus hielt das gerahmte Foto des Führers Wache.
»Heil Hitler«, sagte Rudi.
»Heil Hitler«, erwiderte sie und richtete sich hinter der Theke zu voller Größe auf. »Und du?« Sie funkelte Liesel an, die mit einem prompten »Heil Hitler« reagierte.
In Windeseile fischte Rudi die Münze aus der Hosentasche und legte sie entschlossen auf die Theke. Er schaute geradewegs in Frau Lindners bebrillte Augen und sagte: »Gemischte Bonbons bitte.«
Lindner lächelte. Ihre Zähne drängelten in ihrem Mund, um Platz zu finden, und ihre unerwartete Freundlichkeit brachte auch Liesel und Rudi zum lächeln. Aber es währte nicht lange.
Frau Lindner bückte sich, kramte einen Moment lang herum und tauchte dann wieder hinter der Theke auf. »Hier«, sagte sie und warf ein einzelnes Bonbon auf die Theke. »Mischen könnt ihr es selbst.«
Draußen wickelten sie das Bonbon aus und versuchten, es in zwei Hälften zu beißen, aber der Zucker war so hart wie Glas. Er war sogar zu hart für Rudis Reißzähne. Stattdessen mussten sie das Bonbon in Lutschportionen aufteilen. Zehn Mal Lutschen für Rudi, zehn Mal für Liesel. Hin und her, bis das Bonbon verschwunden war.
»So«, verkündete Rudi irgendwann mit einem bonbonverschmierten Lächeln, »gefällt mir das Leben.« Liesel konnte ihm nur zustimmen. Als sie fertig waren, leuchteten ihre Münder feuerrot, und auf dem Heimweg schärften sie sich gegenseitig ein, nach weiteren verlorenen Münzen Ausschau zu halten.
Natürlich fanden sie nichts mehr. Niemand kann zwei Mal in einem Jahr so viel Glück haben, geschweige denn zwei Mal an einem Nachmittag.
Trotzdem spazierten sie mit roten Zungen und roten Zähnen über die Himmelstraße und suchten voller Glück den Boden ab.
Der Tag war großartig gewesen, und Deutschland war ein wundersamer Ort.