Per Petterson

Pferde stehlen
S. 76f

Was ich tue und was ich noch keinem Menschen erzählt habe, ist, daß ich jedesmal, wenn ich etwas Handwerkliches machen muß, das über das täglich Notwendige hinausgeht, die Augen schließe und mir vorstelle, wie mein Vater es gemacht hätte oder wie er es tatsächlich gemacht hat, wenn ich zugesehen habe, und dann ahme ich es nach, bis ich den richtigen Rhythmus finde, und die Aufgabe öffnet sich und wird sichtbar. Soweit ich mich zurückerinnern kann, habe ich das getan, als läge das Geheimnis in der Haltung des Körpers zu dem, was gemacht werden soll, im Balancieren des Ausgangspunkts, als wolle man beim Weitsprung exakt vorn Brett abspringen, in der ruhigen Berechnung, die dem Start voraus- geht, wie viel noch fehlt oder wie wenig, und in der inneren Mechanik, die jeder Aufgabe innewohnt: zuerst das eine, dann das andere, innerhalb eines Zusammenhangs, der in jedem Stück Arbeit liegt, ja, als gäbe es die Arbeit bereits als fertige Form, und als müßte der sich bewegende Körper nur den Schleier lüften, damit alles vom Betrachter gelesen werden kann. Und der Betrachter bin ich, und der, den ich vor mir sehe, und dessen Bewegungen ich lese, ist ein Mann von knapp vierzig Jahren‚ der mein Vater war, als ich ihn zum letzten Mal sah, als ich fünfzehn war und er für immer aus meinem Leben verschwand. Für mich ist er nie älter geworden.
Doch das dem freundlichen Mechaniker zu erklären, ist nicht leicht, deshalb sage ich nur:
»Ich hatte einen handwerklich geschickten Vater. Ich habe viel von ihm gelernt.«
»Väter sind was Gutes«, sagt er. »Mein Vater war Lehrer. In Oslo. Von ihm habe ich Bücherlesen gelernt, sonst wohl nicht so richtig viel. Praktisch veranlagt war er nicht, das kann man nicht sagen. Aber er war ein feiner Mann. Wir konnten immer miteinander reden. Er ist vor vierzehn Tagen gestorben.«
»Das wußte ich nicht«, sage ich. »Das tut mir leid.«
»Das konnten Sie auch nicht wissen. Er war seit langem krank, es war schon gut, daß er erlöst wurde. Aber ich vermisse ihn, das tue ich.«
Er schweigt, und ich kann sehen, daß er seinen Vater vermißt, ganz einfach und nicht aufgesetzt, und ich wünschte, es wäre so einfach: daß man seinen Vater einfach vermißte, und Schluß aus.
Ich stehe auf. »Ich muß los«, sage ich. »Das Haus. Ich muß noch was dran tun. Bald kommt der Winter.«
»Das stimmt«‚ sagt er und lächelt. >>Sagen Sie einfach Bescheid, wenn etwas ist. Wir sind ja hier.«