Reinhold Pabel

Walter Kempowski
Echolot

Der Gefreite Reinhold Pabel *1915 im Osten
27. Juni 1941

(…) Als wir vorgestern Feldw. v. Koppelow zu Grabe trugen, merkte ich besonders, wie grausam dies alles ist, was uns angetan wird. Und was wir tun. Das Leben begann für ihn und endete. … Jetzt weiß ich, was Leben ist. Wie man am Dasein hängt, am einfachen, bloßen, nackten Da-Sein-Dürfen, wenn man es entrinnen sieht wie Wasser zwischen den Fingern. Sonst bleibt der Tod immer nur so eine Sache wie ein geschichtliches oder wissenschaftliches Faktum, das man kennt und mit ihm operiert, eben sachlich. Auch der Tod eines anderen. Der nicht zur eigenen Personen-sphäre gehört, wird vom Verstand sachlich registrierend bearbeitet. Aber sobald er eintritt in jene Zone, in der die eigentümlichen Strahlungen des Geheimnisses Person wirken, ändert er sein Gesicht. Er wirkt wirklich. Wenn  die MG-Garben um den Stahlhelm pfeifen oder der Trichter der Granaten immer näher auf den Leib rücken, wenn man gegenwärtig sein muss (ohne Fluchtmöglichkeit), daß nun das Licht des eigenen Daseins verlöscht, wenn man das leise Beben des Herzens, das nun, mit einem Mal die Unvollkommenheiten und Unzulänglichkeiten (welche Euphemismen!) vor sich sieht, ganz klein sich ins Ich verbergend spürt, dann spricht der Mund mit dem Herzen zugleich seinen Namen … Sobald die Gefahr vorüber ist, schließt sich der eben noch betende Mund oder öffnet sich zu anderem, was nicht beten ist. Immer muß die Not sein Lehrer sein, er kann das vegetative Glück nicht vertragen. So stark ist seine Neigung in ihm aufzugehen und nach seiner Steigerung zu lechzen. So sind wir alle, die Frommen vielleicht nicht weniger als die … Ich bitte und bete darum, daß für mich und die ich liebe die Not dieses Krieges dem Tat-Gedächtnis innewohnen bleibt, auch wenn die Not vorüber ist. Wenn sie mir noch Zeit lässt, ein „noch“ zu erleben – – –. Was in Seiner Hand liegt.