Uwe Timm

Der Freund und der Fremde
165ff

Die Suche nach seinem Tod. Ich ging die Straße, die hier noch ein Weg war, vom See, der Fauler Wannensee heißt, entlang, rechts lagen die Gartenlaubenhäuser, einige waren im Laufe der Jahre wintersicher, zum ständigen Wohnen ausgebaut worden. Die seitlich abzweigenden Wege hießen Reiherstieg und Froschfeld. Hinter den Hecken saßen die Familien. Es roch nach Kaffee, Wespen wurden von dem Pflaumenkuchen verscheucht. Die Gespräche verstummten, wenn ich an die Pforte trat, um den Namen zu lesen. Hunde kläfften, und an einigen Türen waren vorgedruckte Schilder mit der Aufschrift: Hier wache ich. Daneben war die Fotografie eines Hundes zu sehen, einmal ein Dobermann, ein andermal ein Schäferhund. Rechter Hand die Häuser, die als Sommerhäuser um die Jahrhundertwende gebaut worden waren, einfach, oft aus Backstein errichtete Bauten. So ging ich langsam, von dem Kläffen der Hunde begleitet, die kaum befahrene Straße entlang.
Zuvor hatte ich in einem Einkaufszentrum unter zwei Wohntürmen mit mehr als 20 Stockwerken einen Kaffee getrunken und den Stadtplan studiert. Ein paar Rentner standen an der Theke und tranken Bier. Es war kurz nach 12 Uhr. Am Nachbartisch saß ein alter Mann, der Kartoffelpuffer aß. Bedächtig schnitt er die Bissen ab, wälzte sie vorsichtig im Mund, nicht genießerisch, eher als gelte es, einen Schmerz zu vermeiden, aß etwas von dem Apfelmus aus dem Glasschälchen, das er, nachdem er die Puffer gegessen hatte, sorgfältig mit dem Löffel auskratzte.
Zwei stark geschminkte Frauen um die Fünfzig saßen am Nebentisch. Unter einem hellbeigen engen Pullover quoll das Fleisch an den BH-Breitbandträgern hervor. Das Wort Rentenanpassung und wenig später das Bruchstück eines Satzes: Der ist einfach ausgestiegen, stell dir vor, und hinter ihm nix.

Ich hatte mir den Weg auf dem Stadtplan eingeprägt.
Eine Schule, dahinter ein paar Wohnhäuser, vierstöckig, frühe sechziger Jahre. Balkone, Blumenkästen, der kurzgemähte Rasen, auf der Rückseite gelegene Eingänge. Am zweiten Eingang, an dem Klingelbrett mit Namensschildern in unterschiedlicher Schrift, eines auch angeklebt und handgeschrieben, las ich den Namen – den Namen dessen, der ihn erschossen hat: Kurras.
Ich stand da und zögerte. Aus dem Hintergrund war das Geschrei spielender Kinder zu hören. Ich hatte mir vorgenommen zu klingeln, zögerte jetzt und sagte mir, er wird genau das sagen, was du weißt, nichts. Tatsächlich aber wußte ich nicht, was ich hätte sagen sollen, wenn er denn die, wie ich gehört hatte, mit Stahl verstärkte Wohnungstür geöffnet hätte. Nur das wußte ich, aggressiv würde ich nicht werden, nicht mehr.
So ging ich denn zurück. Es begann zu regnen. Ich ging langsam durch den gleichmäßig fallenden Regen, kaum daß ich ihn spürte.