Victor Klemperer

Tagebücher
10. Juli 1942
Freitag vormittag

Die Geschichte von den zehn Meckerlein

Zehn kleine Meckerlein, die saßen mal beim Wein;
der eine sprach von Goebbeles, da waren’s nur noch neun.
Neun kleine Meckerlein, die haben sich was gedacht;
Dem einen hat man’s angemerkt, das waren’s nur noch acht.
Acht kleine Meckerlein, die haben sich was geschrieben;
Beim einen fand man einen Brief, da waren’s nur noch sieben.
Sieben kleine Meckerlein, die fragten sich: >Wie schmeckt’s?<
Der ein sagte: >Affenfraß!<, da waren’s nur noch sechs.
Sechs kleine Meckerlein, die trafen mal ’nen Pimpf;
Der eine sagte >Lausekopp<, da waren’s nur noch fünf.
Fünf kleine Meckerlein, die spielten mal Klavier;
Der eine spielte Mendelsohn, da waren’s nur noch vier.
Vier kleine Meckerlein, die sprachen mal von Ley;
Der eine hat ’n <V> vermißt, da waren’s nur noch drei.
Drei kleine Meckerlein gehörten zur Partei;
Der eine sagte: >Nix wie raus!<, da waren’s nur noch zwei.
Zwei kleine Meckerlein, die hörten einst mal Radio;
Der eine hat zuviel gehört, den griff sich die Gestapo.
Das letzte kleine Meckerlein, das wollt ins Ausland gehn;
Es landet in Oranienburg – da waren’s wieder zehn.