Wolfgang Herrndorf

Bilder deiner großen Liebe
80ff

«Ich hatte auch mal ein Mädchen, und ich meine nicht Tochter. Ich meine Mädchen. Da war ich ein Junge. Ich war zwölf. Ich glaube, ich war zwölf. Ganz genau erinnere ich mich nicht. Ich weiß nicht mal mehr genau, wie sie hieß. Das glaubst du wahrscheinlich nicht. Aber ich weiß wirklich nicht mehr, wie sie hieß. Sie hieß Anne oder so, aber das war nicht ihr richtiger Name. Sie hieß wahrscheinlich Annemarie oder Marianne oder sonst noch ganz anders. Ich habe schon als erwachsener Mann – guck mich an -‚ als erwachsener Mann nächtelang über ihren Namen nachgedacht. Vielleicht auch Mariam. Oder Marie.
Aber ich weiß es nicht mehr. In dem Sommer damals war sie die Anne.
Sie hatte keinen Nachnamen. Sie wohnte auf dem Bauernhof. Der Bauer hieß Kirst, das weiß ich noch, aber wie sie hieß, weiß ich komischerweise nicht mehr, und sie war nicht die Tochter vom Bauern. Sie war immer nur zu Besuch. In den Ferien wahrscheinlich. Oder an Wochenenden. Und dann sahen wir uns, jedes Wochenende. Wobei in meiner Erinnerung immer Wochenende war. Kann sein, dass sie nur ein einziges Mal kam, in den Sommerferien – und die Sommerferien waren unendlich lang. Und wahrscheinlich glaubst du das alles gar nicht. Dass einer den Namen seiner ersten Liebe vergessen kann, das seh ich, so was kann man doch gar nicht vergessen. Aber du bist noch jung, und ich war noch viel jünger als du, und du wirst dich noch wundern.
Ich weiß wirklich nicht, wie sie hieß. Ich weiß kaum, wie sie aussah, und ich weiß auch nicht, was wir machten. Es gab Pferde auf dem Bauernhof, und ich nehme an, sie interessierte sich für Pferde. Sie war ja ein Mädchen. Aber da ist auch kein Bild, wo ich sie mit einem Pferd zusammen sehe. Oder uns. Selbst sie sehe ich nur noch schemenhaft. Irgendwas Dunkles, dunkle Haare oder dunkle Augen. Und das alles ist auch nicht wichtig. Nicht wichtig, wie sie hieß und wie sie aussah und ob Ferien waren oder nicht.
Nicht wichtig, bis auf die Liebe, und im Grunde war auch die Liebe nicht wichtig. Sondern der Weg zu ihr. Das war das größte Glück.
Ein kleiner Sandweg, den ich Tag für Tag ging, erst querfeldein, dann am Knick an den Farnen entlang, ein heller, trockener, staubiger und immer sonnenbeschienener, sich durch die Feldmark windender Weg. Auf dem mir nie jemand begegnet ist. Und wenn mir einmal jemand begegnet wäre und hätte mir erzählt, dass dieser Tag und dieser Weg und wie ich Tag für Tag an immer genau der gleichen Stelle mit der flachen Hand über die Farnblätter streiche, während immer und immer die Sonne scheint, dass in meiner Erinnerung nur das zurückbleiben würde und dass ich nie glücklicher sein würde als in diesem Moment, dann hätte ich ihn angeguckt, wie du mich jetzt anguckst. Weil du nicht weißt, was Zeit ist. Du weißt es nicht. Aber bald wirst du es wissen, und dann liegst du einen Meter fünfzig unter der Erde. Und darum erzähle ich dir das. Weil ich vielleicht der bin, der dir sagt, dass du mit der Hand über die Farne streichst, ohne es zu wissen.
Das Glück macht nie so glücklich wie das Unglück unglücklich. Und das liegt nicht daran, dass es länger dauert, das Unglück. Es ist einfach so.»
Pause.
«Und natürlich erzähle ich dir das auch noch aus einem anderen Grund. Weil du ihr ein bisschen ähnlich siehst. Anne. Nicht vom Aussehen her. Du bist ja auch nicht der dunkle Typ. Aber vielleicht weißt du, was ich meine. Es gibt Männer, die mögen Mädchen wie dich. Das hast du vielleicht schon mitgekriegt. Es gibt Jungen und Männer, die mögen Mädchen, die so sind wie du. Das sind wenige. Die meisten – fast alle – mögen den anderen Typ.»
Er legt mir die Hand auf die Schulter, sieht mich eine Weile an oder durch mich hindurch, und zieht die Hand dann erschrocken zurück.
«Aber ich bin nicht so. Ich bin alt. Jetzt geh.»
«Ich hab Öl auf der Schulter.»
«Als Erinnerung.»
Beim Weitergehen komme ich an sechs oder sieben seiner Kollegen vorbei, die uns haben sprechen sehen. Sie sitzen auf Getränkekisten, auf Balken, auf dem Boden, halten gelbe Helme in den Händen und trinken Bier. Als ich weiter bin, sagt einer was, alle lachen. Der Alte, der mit mir geredet hat, ist da schon weggegangen.