Ausgewählt

Miriam, kommst du wieder zu uns?! Wir wollen bald zurück.
Kann ich bitte noch einen Moment bleiben?! Ich habe gerade eine Katze kennen gelernt, sie ist mir sehr zugeneigt. Ich bekomme es ja dann mit, wenn Sie aufbrechen.
Ich seh gar keine Katze.
Sie hat sich hinter die Mauer zurückgezogen, als Sie kamen.
Na gut, aber achte auch wirklich auf uns, ich will dich nicht nochmals suchen müssen. Du siehst ja den Ausgang von hier aus.
Ja, mach ich, Frau Wiesner.
Frau Wiesner geht mit wohlwollendem Kopfschütteln zwischen den Gräbern zurück zu den anderen Schülern, sie mag Miriam und mittlerweile weiß sie auch meist, wie sie mit ihr umgehen muss.
Miriam schaut Frau Wiesner noch einen Moment nach, dann wendet sie sich zur Mauer und zieht sich ein wenig an ihr empor, um nach der Katze Ausschau halten zu können.
Hallo, Katze, du kannst wieder zurückkommen, nichts Störendes mehr da. Na, wo bist du denn, schöne Katze?! Ich weiß doch, dass du noch irgendwo in der Nähe bist. Ich setze mich jetzt hier an die Mauer und warte auf dich. Lass dir nicht zu viel Zeit, ich muss gleich weg.
Miriam ist froh, dass sie wieder alleine ist, damit sie sich in Ruhe von ihrer neuen Bekanntschaft verabschieden kann. Es irritiert sie, wenn sie unterbrochen wird bei einer Tätigkeit, in die sie versunken ist, oder gestört wird bei einem Geschehen, das sie einnimmt. Fast immer ist sie eingenommen von dem, was nah um sie geschieht und nichts darf hinzukommen zu diesem einen Geschehen, dem sie ihre ganze Aufmerksamkeit schenkt. Denn sonst verliert sie den Faden, sie wird plötzlich durchlässig und die Grenzen, die sie schützen, verfließen, dann treibt sie in einem Strom, der mehr und mehr anschwillt und es ist schwer, sich an einem dahin treibenden Stamm festzuklammern, um irgendwann wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Manches Mal sind es nur kleine Geräusche, die sie aufscheuchen, die sie kaum ausblenden kann, so wie jetzt, als die vielen, undeutlichen Stimmen ihrer Mitschüler vom anderen Ende des Friedhofs her zu ihr dringen. Hier ist doch ein Friedhof, denkt sie unruhig, da muss man doch leise sein, damit die Toten ihren Frieden haben. Aber dann ist plötzlich die Katze neben ihr, sie windet sich schmeichelnd um Miriams Beine, das Schnurren besänftigt das aufgeregte Flackern, das Miriam schon seit dem Aufwachen am frühen Morgen begleitet.
Wie schön du bist. So ein langes, kuscheliges Fell hast du, und deine Farben sind die Farben des Herbstes. Das ist gut, ich mag den Winter nicht. Ich freu’ mich, wenn er bald zu Ende geht. Und wie weich du bist, in so einem Fell möchte ich auch leben, kannst du mir vielleicht beibringen, wie das geht? Nein, natürlich nicht, ich weiß, du bist ja eine Katze, und Katzen bringen Menschen nichts bei. Und ein wenig traurig schaust du drein, hast du vielleicht hier auch jemanden begraben liegen, den du vermisst? Nicht krallen, Kleine, das tut weh, auch wenn du’s nur lieb meinst, hey, pass auf, du bleibst in meinen Haaren hängen. Erzogen bist du ja nicht, hast du denn ein Zuhause da unten in einem von den Häusern? Eigentlich siehst du nicht aus wie eine Katze, die sich in den Wäldern und auf Friedhöfen rumtreibt. Ach, und stolz bist du auch. Brauchst mir nicht die kalte Schulter zeigen, nur weil ich eine Kleinigkeit beanstandet habe. Aber ich versteh das schon, ich mag’s auch nicht, wenn man mich kritisiert.
Miriam kramt aus ihrer Jackentasche ein wenig Trockenfutter hervor und bietet es der Katze an. Die Katze ziert sich in schnurrendem Kreisen und knabbert dann vorsichtig aus der offen sich darbietenden Hand. Immer hat Miriam Futter in den Taschen, ob für Katzen oder Hunde, ob für Vögel oder Eichhörnchen. Und wenn sie mit ihrer Mutter aufs Land fährt, dann ist ihr Rucksack voll von Möhren, altem Brot und Kohlresten. Denn Kohl ist ihr Lieblingsessen. In welcher Zubereitungsform auch immer, als Salat oder Gemüseeintopf, mit Speck oder auch nur allein und gedämpft: ohne Kohl könnte sie sich ein Leben nicht vorstellen. Auch wenn ihre Mutter mal nicht da sein kann, wenn nichts gekocht ist zu Hause, dann bereitet sie sich den Kohl selbst zu. Kochen kann Miriam nicht leiden, doch Kohl im Bauch muss sein. Wenn es sonst nichts gäbe: mit Kohl könnte sie lange überleben.
Miriam lehnt ihren Kopf an die Mauer, ein wenig fühlt sie schon die Kraft der Mittagssonne. Es ist etwas wärmer geworden in den letzten beiden Tagen, bald wird es Frühling werden. Die Katze legt sich auf Miriams ausgestreckte Beine, rollt sich zusammen. Miriam fühlt, wie es ruhiger wird in ihr, die angespannten Muskeln, die ihre Beine immer ein wenig hin und her zappeln lassen, werden durch die Katzenwärme besänftigt. Für einen Moment ist alles gut.
Wie du wohl heißt? Sicher hast du schon einen Namen, aber ich werde dir auch einen geben. Du siehst aus wie der Herbst im herannahenden Frühling, drum werde ich dich Flöte nennen. Da runzelst du die Stirn, nicht wahr. Kennst du nicht das Gedicht: Wolken in dämmernder Röte droh’n über dem einsamen Feld. Wie ein Mann mit trauriger Flöte geht der Herbst durch die Welt. Du kannst seine Nähe nicht fassen, nicht lauschen der Melodie. Und doch: in dem fahlen Verblassen der Felder fühlst du sie.
Wenn Entspannung über Miriam kommt, dann ist es immer, als läge sie fröstelnd in einer Badewanne, in die hinein langsam Wasser fließt, nach und nach wird ihr Körper von erlösender Wärme umgeben. An diesem Morgen jedoch erwachte sie schon früh, es war noch dunkel, und die Badewanne war mit Eiswasser gefüllt. Immer ist es eine Qual für sie, wenn etwas ansteht, das den alltäglichen Ablauf unterbricht und sie aus dem gewohnten Rhythmus bringt. Letzte Woche hatte Frau Wiesner ihrer Klasse von der Schändung des Friedhofs berichtet und mit den Schülern ihre Idee besprochen: sie wollte der jüdischen Gemeinde anbieten, eine Reinigungsaktion durchzuführen. So entsetzt Miriams Lehrerin über die Tat auch war, so gut hatte es doch in den Lehrplan gepasst: in diesen Wochen hatte sie begonnen, die Schüler an die Zeit des Nationalsozialismus heranzuführen. Sie war sich nicht ganz sicher, wie deutlich sie 13-jährigen Jugendlichen, die teilweise noch wie Kinder sind, vorgreifend die Geschichte der Judenverfolgung darlegen konnte, doch in Anbetracht der Geschehnisse auf dem Friedhof und nach Absprache mit dem Kollegium und dem Elternbeirat zeigte sie auch erste Bilder und Filmausschnitte.
Für Miriam war das Thema nichts Neues. Seitdem sie sich mit vier Jahren selbst das Lesen beigebracht hatte, besitzt sie die Gabe, sich in kürzester Zeit Wissen anzueignen, sie liest schnell und trotzdem in aller Wachheit, und sie vergisst kaum etwas von dem, was sie gelesen hat. Oft, würde Miriam mehr in die menschenreiche Welt hinein reden, wäre man erstaunt über die Themen, von denen Miriam zu berichten hätte, der Zuhörer würde mit dem Kopf schütteln und denken, dass dies doch niemals den Interessen und Neigungen eines solch jungen Mädchens zugehörig sein kann. Und so vollzog sie schon vor längerer Zeit mit Hilfe von Büchern und dem Wühlen in der digitalen Welt auch die düstere Zeit des deutschen Krieges, war eingenommen von den dargelegten Geschehnissen und entwickelte ein distanziertes Mitgefühl für diejenigen Menschen, die unschuldig unter anderen Menschen zu leiden hatten, bis hin zum Tod. Es war kein nachträgliches Mitleiden, denn für Miriam ist es schwer, sich einzufinden in das Empfinden anderer Menschen, es war mehr die Gestaltung einer durchdringenden Vorstellung von Verfolgung, Unrecht und kollektivem Leid, wirklich nachvollziehen konnte sie es nicht. Miriam filtert, wenn sie liest. Meist sperrt sie Photos und bewegte Bilder mit ihren überfrachteten Einzelheiten aus, denn durch diese berührt, kann sie die Schutzhülle der Distanz nicht immer aufrechterhalten, dann brechen zu viele Reize die Schranken und fluten ihre Sinne. So war es, als ihre Lehrerin diese Bilder zeigte. Miriam konnte sich nicht schützen vor dem, was sie sah, sie konnte ihren Blick nicht wegnehmen und davonleiten wie sonst, über den Sims des Klassenzimmerfensters hinunter in den Pausenhof zum Picken der Tauben.
Und diese Bilder blieben in den darauf folgenden Tagen in ihr haften, sie lösten sich nicht auf, die Filme im Kopf ließen sich nicht in ihrer hellen, schwarzweißen Aufdringlichkeit ausblenden. Und nachts, wenn sie nur schwer Schlaf fand, tauchten sie in ihren Träumen auf. Erst am Wochenende kam sie ein wenig zu sich, ihr Vater hatte sie abgeholt, sie fuhren über die nahe Grenze und dort in der Schweiz in die Stadt zum Zoo. An diesem Ort fühlte sie sich stets zuhause, dort konnte sie sich ablenken mit dem Schmieden von Plänen, wie sie eines Tages die Tiere, die ihr hinter den Gittern traurig erschienen, in die Freiheit entführen konnte.
Doch dann, als sie am gestrigen Abend wieder zu Hause waren, der Vater sich verabschiedete und sie ihren Rucksack für den Tag auf dem Friedhof packen musste, kamen die Bilder wieder. Und mit ihnen die Panik vor außergewöhnlichen Begebnissen inmitten von durcheinander redenden und ungeordnet hin und her laufenden Menschen. Im Klassenzimmer hatte sie mittlerweile ihren Platz gefunden. Frau Wiesner hatte sie vor einigen Monaten auf ihren Wunsch umgesetzt, in die letzte Reihe, an die Wand, dort wo die Haken für die Schüleranorake sind. Dort, wo man fast versteckt ist, wo man umgeben ist von der Wärme und dem Schutz der Stoffe. Zuerst wollte Frau Wiesner sie ans Fenster setzen, doch da ist es viel zu hell für Miriam, da gibt es keinen Halt. Auf diesem Platz ganz hinten an der Wand kann sie ohne Ablenkung mit den ganz nahen Dingen kruschteln, sich vertiefen in etwas, das nicht mehr als einen halben Meter entfernt ist, greifbar und sicher. Dort kann sie sich lösen von all dem Atmen und Kichern und Tuscheln und Rascheln, ja, all das schnürt ihr manches Mal den Hals zu, wenn es zu laut wird. Im Klassenzimmer fühlt sie sich seit einigen Monaten fast sicher, alles hat seine Ordnung und die Bewegung um sie herum hält sich in Grenzen, zumindest während des Unterrichts. In den Pausen, wenn alle nach draußen drängen, bleibt sie im Klassenzimmer. Sie sitzt auf ihrem Platz und ordnet das Mäppchen oder malt auf die freien Seiten ihrer Übungshefte.
So hat sie nach langen, manchmal bis zur Erschöpfung gehenden Jahren mit dem Dasein in der Schule Frieden geschlossen. Die anderen Kinder haben sich an ihre Eigenarten gewöhnt, Hänseleien sind nicht mehr an der Tagesordnung. Frau Wiesner weiß sie zu nehmen und Miriam weiß, woran sie bei ihr ist. Besondere Vorhaben aber, Wandertage, Museumsbesuche oder Schulfeste stellen für Miriam noch immer eine nicht hinnehmbare Bedrohung dar. Wenn solche Ereignisse anstehen, wird sie krank, und das wird sie meist wirklich, denn ihr Körper hat sich gewappnet gegen diese drohenden Eingriffe in das in ihr so eigen geformte System, mit dem sie die Menschen wahrnimmt und die Welt erfahrbar macht.
Diese Aktion auf dem Friedhof aber ist etwas anderes. Miriam hat einen ausgeprägten Sinn – manchmal mag man ihn durchaus auch Starrsinn nennen – für Ungerechtigkeit und unabwendbare Verpflichtungen. Nicht, weil diese Verpflichtungen von außen an sie herangetragen werden, sondern weil irgendwann im Prozess ihres Lernens und Erfahrens deutlich wird, dass sie tun muss, was einfach getan werden muss, auch wenn es hin und wieder äußerst unangenehm ist. So stellte sich, als es darum ging, die Vorbereitungen für den Tag auf dem Friedhof durchzuführen, für ihren Körper nie die Frage, ob er nun krank werden sollte oder nicht. Es war ihr zwar hundeelend, doch das musste hingenommen werden, trotz dieser Filme im Kopf und der Angst vor unüberschaubarem Menschentreiben und vor neuen Orten.
Als sie heute im Laufe des Morgens am Friedhof angekommen waren, griff sich Miriam die Utensilien zum Reinigen der Grabsteine und zog sich in die hinteren Bereiche des Friedhofes zurück. Damit kam sie am Besten klar, das hatte sie mit der Zeit gelernt: wenn etwas unausweichlich war, dann eben Augen zu und durch, nicht nachsinnen und nicht hinterfragen, einfach loslegen, die Anspannung in eine sinnvolle Form des Tuns umwandeln und, wenn möglich, dabei Abstand halten. So arbeitete sie den Morgen über an den Grabsteinen und machte sich keine Gedanken, weder darüber, was hier auf diesem Friedhof geschehen war und auch nicht über die Menschen, die hier begraben lagen. Die anderen Schüler ließen sie in Ruhe, nur Nikola kam hin und wieder bei ihr vorbei, lehnte sich an den starken Stamm der Ulme wie er oft irgendwo lehnte und schaute ihr zu. Dann trabte er wieder davon. Nikola ist Kroate, seine Eltern waren während des Bosnienkrieges nach Deutschland geflohen, sie durften bleiben und zwei Jahre später wurde Nikola geboren. Er ist der Einzige, den Miriam wirklich mag und mit dem sie eine unausgesprochene, kaum in Anspruch genommene Freundschaft pflegt. Manches Mal sitzt sie zu Hause an ihrem Schreibtisch und entdeckt in Gedanken einen Wunsch, der sich warm in ihr ausbreitet, sie wünscht sich, Nikola wäre jetzt bei ihr.
Nikola hatte sich niedergebeugt, als er wieder einmal zu Miriam kam: ist das deiner? Er hatte einen Apfel vom Boden gehoben.
Nein, der liegt da schon die ganze Zeit. Da drüben, neben dem Grab, liegt noch einer.
Der ist ja angebissen, und schön ist er und frisch.
Ja.
Wer wohl einen so schönen Apfel nur einmal anbeißt und dann einfach auf den Boden wirft?
Keine Ahnung.
Sicher von denen, die das hier gemacht haben.
Vielleicht.
Er hat so rote Backen wie du gerade.
Miriam lachte in sich hinein, warf aber gespielt ärgerlich einen kleinen Ast nach Nikola. Als Nikola wieder zu den anderen trottete, schaute sie ihm verstohlen nach.
Dies war vor drei Stunden, Miriam hat es schon vergessen. Die Katze schnurrt behaglich und Miriam schlafen langsam die Beine ein. Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne und Miriam merkt, wie kalt es noch ist. Die Stimmen ihrer Mitschüler werden lauter und Miriam sieht, wie sie sich mit Eimern, Schwämmen, Lappen und Handtüchern beladen langsam sammeln.
Oh, schade, jetzt muss ich los. Schau, da drüben am Eingang sind alle schon. Ich würd’ ja viel lieber hier bei dir bleiben. Aber so ist das bei uns Menschen nun mal, selten können wir das machen, was uns eigentlich gut tun würde.
Vorsichtig hebt Miriam die Katze von ihren Beinen, steht auf und stellt sie auf die Mauer. Von hier aus kannst du mir noch mit deinen netten Pfötchen winken, wenn wir den Weg runter gehen. Ich komm’ bald wieder, versprochen. Miriam drückt ihre Stirn gegen die der Katze, mach’s gut, Flöte.
Miriam geht langsamen Schrittes hinüber zum Eingang, fast ist ihr, als würde sie ein wenig wanken. Auch wenn sie in diesem Jahr weniger geworden sind, ja, eigentlich ist gar niemand mehr so richtig böse zu ihr, hat Miriam doch noch immer Angst vor Hänseleien, vor diesen Übergriffen, die früher manches Mal sogar tätlich waren. Doch mit der Zeit hat sie gelernt sich zu wehren. Sie hat eine bemerkenswert konsequente Form der Reaktion in sich herangebildet, die, wenn notwendig, mit äußerst aggressiver Kraft einhergehen kann. Dann ist es besser, sich nicht auf eine körperliche Auseinandersetzung mit ihr einzulassen. Doch diese Kraft scheint nicht mehr von Nöten zu sein, niemand beachtet sie, als sie zu den Anderen stößt, nur Nikola schenkt ihr ein kurzes Lächeln und Frau Wiesner nickt ihr zu. Die Eimer werden in zwei Leiterwägen verstaut und dann setzt sich der Reinigungstrupp in Bewegung, zufrieden mit der Arbeit, die er geleistet hat. All die Hakenkreuze und Judensterne und Naziparolen auf den Grabsteinen und Mauern waren leicht zu entfernen, die Sprayer hatten keine Farbe benutzt, die unwiderrufliche Schäden verursachen konnte.
Miriam reiht sich wie immer am Ende ein. Sie mag es nicht, wenn jemand hinter ihr läuft, sie kann dann nicht einschätzen, was dort in ihrem Rücken geschieht, und dieser für sie immer zu geringe Abstand macht sie unruhig. Auch möchte sie vermeiden, dass ihre Unsicherheit beim Gehen zu augenfällig ist. Wenn Miriam sich unter großer Anspannung bewegen muss, wird ihr meist schwindlig und sie kann ihre Bewegungen nur schlecht koordinieren, sie stolpert dann leicht. Für andere ist dieses Stolpern kaum wahrnehmbar, sie hat gelernt, das Wanken zu verbergen und in Bewegungen umzuwandeln, die anmuten, als wären sie gewollt. Die Leiterwägen rattern über den Weg hinab zur Stadt, kleine Steine spritzen hin und wieder vom Druck der Räder getrieben ins Gras. Die Schüler springen abwechselnd in die Wägen und lassen sich von den anderen ein Stück ziehen. Ein paar Krähen schrecken aus den noch kargen Bäumen und drehen einige Runden über dem lärmenden Menschenpulk. Miriam bleibt stehen und beobachtet sie in ihrem Flug. Wie die Krähen uns Menschen wohl sehen, fragt sie sich, während die dunklen Vögel lautlos über den Friedhof in den Wald hinein fliegen. Miriam freut sich auf ihr zu Hause, sie wird die Kohlsuppe aufwärmen und sich lange in die Badewanne legen. Dann wird ihre Mutter von der Arbeit kommen und Miriam wird sich für einen Moment sicher und behütet fühlen in diesem zu Ende gehenden Tag, so wie jeden Tag um diese Stunde.
Die Katze sitzt noch immer auf der Mauer, putzt sich mit der kleinen, rauen Zunge das Fell. Morgen komm ich wieder, kleine Flöte, denkt Miriam, glücklich darüber, eine neue Freundin gefunden zu haben. Als sie sich umdreht, sind die anderen fast schon am Rande der Stadt. Nur Nicola lehnt an einem Baum und wartet.

Mama, ich leide unter Anatidaephobie.
AnawasfüreinePhobie?!
Anatidaephobie, das ist die Angst, von einer Ente beobachtet zu werden. Anatidaephobie gehört zu den spezifischen Angststörungen. Steht hier im neuen Magazin der Zeit.
Und wieso solltest gerade du an so was erkranken?
Na, als wir gestern da oben auf dem Friedhof waren, saß dort am Waldrand in der Nähe der Friedhofsmauer die ganze Zeit eine Ente und hat sich nicht vom Fleck gerührt.
Ich dachte, das war eine Katze.
Ja, die war auch da. Aber die Ente…
… ist noch lange kein Grund dafür, eine Phobie zu entwickeln.
Also, ich fand das schon ein wenig komisch. Was macht eine Ente dort oben so allein am Friedhof? Da darf man sich doch mal fragen, ob sie nicht irgendeinen Plan hat. Miriam grinst schelmisch hinter ihrer Zeitschrift hervor.
Na, dann ist meine geliebte Tochter eben ab jetzt ein autistischer Entenangsthase. Suchen wir also doch gleich mal nach einer geeigneten Therapieform, es gibt bestimmt irgendwo im tiefsten Kanada für behinderte Kinder wie dich einen Tauchkurs mit Wildenten.
Du nimmst mich nie ernst…
Ja, das fällt mir schon manchmal schwer.
Miriams Mutter schaut lächelnd über ihr geöffnetes Notebook und zwinkert ihrer Tochter zu. Miriam zerknüllt ein Stück Papier und wirft es in Richtung ihrer Mutter. Dann versinkt sie wieder in die Seiten des Magazins.
Aber die da, die Phobie würde doch zu mir passen: Aphesmophobie, die übertriebene Angst vor Berührungen.
Ja, das liegt ja nun klar auf der Hand.
Zeig.
Was?
Na, deine Hand. Will nur sehen, wie eine Aphesmophobie in deiner Hand aussieht.
Miriams Mutter lacht. Es macht ihr Freude, wenn Miriam geistreich ihren Sinn für Humor anwendet, unpassendes Alter hin oder her. Seit einiger Zeit ergötzt sich ihre Tochter bevorzugt in selbstironischen Feldversuchen, noch verstehe ich nicht, was Ironie dem Menschen für einen Vorteil bringen soll, hatte sie vor ein paar Tagen gesagt. Viele Ausgestaltungen ihres Verhaltens im Umgang mit Menschen hat sie vor allem in den letzten beiden Jahren erlernt, und mehr und mehr scheint es sich auf fast selbstverständliche Weise in Einklang zu bringen mit den Gepflogenheiten eines erwarteten Umgangs, den Menschen miteinander hegen.
Seit Miriams Mutter weiß, dass ihre Tochter Autistin ist, ist vieles sehr viel einfacher zu verstehen. Sie atmet geradezu auf, wenn Miriams Eigenheiten zu Tage treten, denn jetzt weiß sie diese einzuordnen. Das so lange Zeit Missverstandene und oft verstörend Andersartige hat endlich ein Zuhause, für Miriam und auch für sie selbst. Wie lange haben sie und ihr Mann sich gequält, haben Miriam gequält, in all den vielen Momenten, in denen sie verzweifelten an dem Wesen ihrer Tochter, in denen sie hin und her gerissen waren zwischen Liebe und Abneigung, zwischen Treue und Unverständnis. Wenn Miriams Mutter über all die langen Jahre nachsinnt, dann stehen ihr Tränen in den Augen. Wie sehr muss ihre Tochter gelitten haben an den nie einlösbaren Forderungen, die von ihr und ihrem Mann und von all den anderen Menschen an sie gestellt wurden. Wie oft hatten sie versucht, Miriam zu integrieren, hatten sie in Kindergruppen und Vereine gesteckt, hatten sie zu Kursen angemeldet und zu Veranstaltungen geschleppt, nur mit dem verbissenen Gedanken, irgendwann wird sich auch in ihrem Kind der Hebel umlegen und sie wird sein wie alle anderen Kinder. Wie erschöpft, hilflos und wütend war sie, wenn Miriam sich wieder lange Tage in sich zurückzog, wenn sie um sich schlug, unerreichbar, unberührbar, umgeben von einer unerklärlichen Kälte und Starrheit.
In der Schule wurde immer wieder über ihr einzelgängerisches Verhalten diskutiert, über ihre Verletzlichkeit und die wie ein Zwilling dazugehörige Boshaftigkeit, auch wurden Überlegungen angestellt, sie in eine Sonderschule zu geben. Doch in vielen Fächern waren Miriams Leistungen einfach unübertrefflich, die Mehrheit der Lehrer und auch ihre Eltern waren der Meinung, Miriams Potentiale würden in einer Sonderschule verkümmern. Heute versteht Miriams Mutter nicht, wie so viele Menschen, Pädagogen wie Ärzte und Psychologen, Logopäden wie Physiotherapeuten, ihr Mann nicht und sie selbst erst recht nicht, wie all diese geschulten oder Miriam nahe stehenden Menschen niemals früher auf die Idee kamen, sie könnte eine Autistin sein.
Doch dies ist Vergangenheit, denkt Miriams Mutter erleichtert und legt einen liebevolles Schauen über ihre Tochter, die versunken in ihr Lesen an ihrem Frühstücksplatz sitzt. Es spielt keine große Rolle mehr, dass es kein Comic ist und auch nicht die neue Bravo, die neben den Cornflakes aufgeschlagen liegt, sondern der Spiegel, Geo oder irgendwelche naturwissenschaftlichen Magazine. Es hat nicht mehr die bedrohliche Bedeutung, dass Miriam nicht gerne ins Kino geht oder ins Schwimmbad, dass sie keine Schokolade isst, sondern Kohl, und es ist nicht mehr beirrend, dass sie den Menschen auf die Füße schaut und nicht in die Augen.
Miriam, es wird langsam Zeit. Sonst kommst du noch zu spät in die Schule.
Och, Mama, bin ich jemals zu spät zur Schule gekommen?!
Nein, nicht wirklich. Da hast du recht.
Hab ich doch immer.
Na, sei mal nicht so überheblich, du weißt, das kommt nicht so gut an.
Aber das stimmt doch.
Nein, das stimmt nicht. Man kann nicht immer Recht haben, weil es zum Beispiel in Auseinandersetzungen oder Diskussionen auch immer andere Meinungen gibt, die auch ihre Berechtigung haben.
Berechtigung schon, aber wenn sich nach Abwägung der Meinungen herausstellt, dass die einen nicht zu einem vernünftigen Ziel führen oder sie sogar mit der Wahrheit in Konflikt kommen, dann hat doch die andere Meinung recht, oder nicht?
Wahrheit. Was ist schon wahr und was nicht.
Das ist aber jetzt völlig wage dahin geplappert.
He, pass auf, wie du mit deiner Mutter redest, ich bin schließlich deine leibliche Autorität, der du als Kind Glauben schenken musst.
Ich bin keine Kind mehr, sondern ein Keenie.
Was ist denn um Gottes Willen jetzt schon wieder ein Keenie?
Ob Gott das gewollt hat, dass dieses Wort mal erfunden wird, weiß ich nicht, aber ein Keenie steckt in den Stadien des Heranwachsens zwischen Kind und Teenie, ist doch logisch, oder?!
Na, wenn du meinst.
Ja, meine ich. Und jetzt verstrick‘ mich nicht in solche Diskussionen, sonst komm ich wirklich zu spät zur Schule.
Jetzt wirft Miriams Mutter das Papierknäuel, na dann mal los!
Du weißt, dass ich gar keine Lust habe auf Schule.
Ja, das weiß ich. Und vergiss nicht, das Buch in der Bibliothek zurückzugeben.
Mama!
Ist ja gut…

Hallo Flöte, das ist schön, dass du da bist. Dass du immer wieder da bist. Wenn du mal nicht da sein wirst, wird mich das durcheinander bringen, aber das soll kein Grund sein für dich, hierher kommen zu müssen. Bist schließlich eine freie Katze. Hier, schau mal, das ist für dich. Ja, erstmal ein bisschen zieren… so, und jetzt hau’ rein, nicht schlecht, was?! Hab ich extra für dich zubereitet. Ich würd dir ja gerne mal mein Zuhause zeigen, aber ich glaube, dass wär nichts für dich. Du musst draußen sein, das merk ich schon, und sicher wird es dich durcheinander bringen, wenn du mich in die laute Stadt begleitest. Also bleibt alles, wie es ist. Ich komme jeden Morgen vor der Schule zu dir und bestimmt schaff ich es auch mal am Abend nach den Hausaufgaben.
Miriam setzt sich auf ihren Platz an der Mauer holt einen alten, dicken Pullover aus ihrem Rucksack und legt ihn sich auf die Beine, dann greift sie vorsichtig die Katze unter den Bauch und hebt sie hoch.
Na, siehst du, ist doch gar nicht so schlimm, mal hochgehoben zu werden. So, und jetzt leg dich ein wenig hierher, dann können wir uns gegenseitig wärmen. Ja, streck dich nur und zeig mir die Stellen, wo du’s am liebsten magst… ich mag es auch, wenn meine Mama mich krault, aber das darf nur sie, andere dürfen mich nicht berühren, da wird dann alles ganz komisch in mir und ich werd richtig böse. Aber du darfst das auch… Warum ich kein Tier zuhause habe, fragst du, woher weißt du das denn?! Na gut, willst du es wirklich hören? Ich hatte einmal zwei Hasen, die lebten auf unserem Balkon und bekamen irgendwann kleine Hasenbabys. Die waren ziemlich niedlich, sag ich dir, ich hab sie immer aus dem Stall zu mir ins Zimmer geholt. Und an einem Mittag irgendwann hüpften die Drei bei mir auf dem Boden rum, dann klingelte das Telefon, ich sprang auf, weil ich ja allein war, vielleicht ist es ja Mama, dachte ich, und dann hörte ich etwas knacken unter meinem Fuß. Na ja, weiter will ich gar nicht erzählen. Auf jeden Fall bin ich dann am Abend zu Papa, weil ich nicht in meinem Zimmer schlafen wollte. Wir sind noch spazieren gegangen und haben uns auf eine Bank gesetzt, oben am Berg, und wir haben über die Stadt und in die Wolken geschaut und uns gefragt, wie so ein Hasenhimmel wohl aussehen mag.
Miriam nimmt ein paar Kiesel und versucht mit ihnen einen Tannenzapfen zu treffen, der auf einem kleinen Weg zwischen den Gräbern liegt. Weißt du was gut ist an diesem Friedhof? Dass hier so wenig los ist. Frau Wiesner hat gesagt, dass Juden die Toten nicht verehren und ständig ihr Grab besuchen. Deshalb pflanzt man im Judentum auch keine Blumen auf das Grab, damit man nicht gezwungen ist, das Grab häufig zu besuchen, um die Blumen zu gießen. Scheinen logische Menschen zu sein, die Juden. Warum sie die Toten nicht verehren wollen? Da fragst du mich was. Nee, das weiß ich auch nicht. Muss ich mal irgendwann im Internet schauen. Hast du eigentlich gesehen, dass da drüben wieder zwei neue Äpfel auf dem Grabstein liegen. Also waren die doch nicht von denen, die den Friedhof so versaut haben.
Miriams Rücken schmerzt ein wenig, sie sitzt schon eine ganze Weile in der gleichen Haltung an der Mauer gelehnt. Pass mal auf, Flöte, ich streck mich jetzt auch ein wenig aus. Miriam legt sich auf den Rücken und schaut in den Himmel. Oh, schau mal, was für eine schöne Wolke, die mag ich besonders gern. Soll ich dir ein wenig über diese Wolke erzählen, Flöte?! Also pass gut auf, dann kannst du das nächste Mal glänzen, wenn du hier mit einem netten Kater sitzt: das ist eine Cirrus Uncinus und die Mamawolke von ihr heißt Cirrocumulus. Wenn du’s lieber auf Deutsch magst, kannst du auch Haarlocke, Büschel Pferdehaar oder Federbusch zu dieser Art Wolke sagen. Meistens sind es kleine Einzelgänger, die da als leuchtend weiße, ganz feine Fäden oder schmale Bänder mit einem seidigen Schimmer am Himmel hängen, an den Rändern, das sieht man bei der ganz gut da oben, siehst du’s, Flöte, he, du sollst nicht in den Wald glotzen, hier, da oben spielt die Musik, an den Rändern sind die Uncini meist durch Höhenwinde ausgefranst. Und wenn sie mehr werden und dichter, dann könnte das ein Vorzeichen einer Warmfront sein. Aber so sieht das leider nicht aus in unserem Himmel, oder was meinst du. Wird wohl noch eine Weile so kalt bleiben. Aber ich hab‘ ja eine eigene Warmfront auf meinen Beinen, du bist eine richtige Ofenkatze, Flöte, das ist gut. Das da ist eine Cirrus-Wolke, die man oft sieht, die Fäden sehen manchmal wie ein Komma aus und enden in Hakenform, und ganz selten sehen sie auch aus wie kleine, runde Büschel, die oft mit Schleppen versehen sind. So eine heißt Floccus. Schön, nicht? Oder es wachsen kleine abgerundete Türmchen aus dem gemeinsamen Bauch, und die heißt dann Castellanus. In der kannst du dann Ritterburg spielen. Aber eigentlich mag ich die Ritter gar nicht. Und sobald die Sonne unter den Horizont sinkt, verfärbt sich so eine Wolke gelb, dann rosa, dann rot und am Ende grau. In der Morgendämmerung ist es genau umgekehrt. Spannend, oder?! Ach, ich seh schon, dich interessiert das nicht wirklich. Ob ihr Katzen wohl die Wolken so seht, wie wir Menschen? Wahrscheinlich aber merkt ihr die Wolken erst dann, wenn sie die Sonne freigeben und ihr euch dann in den warmen Strahlen rekeln könnt. Oder wenn sie gar zu bedrohlich dunkel werden, dann heißt das, ab nach Hause, bevor ihr ausseht, wie ein begossener Pudel. Denn eitel seid ihr schon, ihr Katzen, stimmt’s?! Kannst du ruhig zugeben, ich dreh dir schon keinen Strick daraus.
Ein kalter morgendlicher Windfetzen zieht über die Mauern des Friedhofs, Miriam fröstelt. Sie schließt die Augen und es wird für einen Moment ganz still in ihr. Die Katze reckt sich, steht langsam auf und schleicht mit bedächtigen Bewegungen über Miriams Bauch und Brust. Sie schmiegt sich an ihren Hals, stupst auffordernd ihre Wange.
Weißt du, Flöte, sagt Miriam leise, mein Papa ist nämlich Meteorologe an einer Uni in der Schweiz, deswegen weiß ich soviel über Wolken. Wir sind früher immer zum Wald hochgelaufen, haben uns einen abgesägten Baumstumpf, der da immer lag, zurechtgerollt und uns draufgesetzt. Manchmal hab ich meinen Kopf auf Papas Beine gelegt, so wie du vorher bei mir, und wir haben den Wolken zugeschaut und Papa hat mir erklärt, wie die heißen und wie sie zustande kommen. Und zu jeder, die mir gefiel, hat er mir eine Geschichten erzählt. Irgendwann erzählte er mir die Geschichte von der Wolke, die weiterziehen musste, weil der Wind, der sie bewegt stärker war, als der Wunsch, an diesem Himmelsort zu bleiben. Und dann sprach er über eine andere Stadt, andere Aufgaben, ich muss weg, Miri, hat er gesagt, ich kann da eine Stelle an einer Uni in der Schweiz annehmen, ist ja nicht so weit weg, aber ich hab genau gewusst, dass er wegen mir weggeht, weil Mama und Papa sich immer mehr gestritten haben wegen mir. Mama sagt, ich soll versuchen, mit der Zeit irgendwie zu lernen, dass ich zwar ein Grund bin für diese Trennung, ich mich aber niemals dafür schuldig sprechen darf. Was meinst du Flöte, ist das nicht eine zu große Herausforderung für ein 13-Jähriges Mädchen mit Asperger-Syndrom? Manchmal vermisse ich ihn sehr, doch dann sage ich mir, er weiss schon, was er tut, er ist erwachsen, und ob es ein Fehler war, dass meine Eltern sich getrennt haben, das kann keiner wirklich sagen, das wird die Zeit schon zeigen. So, liebste Flöte, jetzt muss ich aber los, sonst komm ich zu spät in den Unterricht, und ich hasse nichts mehr, als unter den Blicken der Anderen auf meinen Platz gehen zu müssen.

Miriam sitzt auf dem breiten Fenstersims im Klassenzimmer und schaut hinaus, die Birken, die das Schulgelände säumen, tragen seit ein paar Tagen schon kleine Knospen. Nikola steht neben ihr und beobachtet das Treiben im Schulhof. Gedämpftes Stimmengewirr dringt wie üblich um diese Pausenzeit durch die zugigen, renovierungsbedürtigen Fenster. Hin und wieder bleibt Nikola mit Miriam in einer Pause oben im Klassenzimmer, dann stehen sie nebeneinander, schauen und schweigen. Seit einiger Zeit jedoch kommt es vor, dass sie sich unterhalten, zu Beginn zurückhaltend, aber dann sprießen die Worte mehr und mehr zwischen ihnen, dem vorfühlenden Frühlingsgebaren angemessen. Miriam hatte sich irgendwann an einem späten Abend, an dem sie sich noch schlaflos im Bett wälzte, vorgenommen, mehr darauf zu achten, altersgemäße Konversationen zu führen. Zumindest mit Nikola, in seiner Nähe fühlt sie sich meist sicher und aufgehoben, auch wenn sie dies nicht zeigt. Man muss Konversation doch üben können, dachte sie, dieses soziale Miteinander, das die Menschen einander zugehörig fühlen lässt. Und da ich einer dieser Menschen bin, auch wenn ich manchmal daran zweifle, sollte ich vielleicht ein wenig mehr dafür tun.
Magst du den Frühling? Nachdem sie ein Weile geschwiegen hatten, Miriam unbewegt sitzend, die Beine angezogen, Nikola im Fensterrahmen lehnend, stößt sie ihre Zunge an, die sich manchmal einrollt wie eine Bärenfamilie beim Winterschlaf in ihrer Höhle. Sie hatte sich vorgenommen, genau dieses Bild als Hilfestellung zu benutzen: das Recken und Strecken der Bären, als erste Frühlingsdüfte ihre Sinne erreichen.
Ja, schon, sagt Nikola. Aber mehr den Herbst. Ich mag Kastanien. Und Krähenschwärme.
Ja, die mag ich auch. Und Wolken, die im Wind schnell durch den Himmel ziehen.
Und fallende Blätter.
Die kleinen Flügelnüsse, die man sich auf die Nase zwicken kann.
Sich wieder lange Hosen anzuziehen, nicht mehr im Schwimmbad sein zu müssen.
Du bist ja schon irgendwie ein komischer Vogel, lacht Miriam. Jungs in deinem Alter sind im Sommer doch ständig im Schwimmbad oder an Badeseen.
Ich nicht, jedenfalls nicht so oft. Nur wenn’s zu heiß ist und es ohne Wasser wirklich nicht mehr auszuhalten ist. Aber du bist auch nicht wirklich oft im Schwimmbad, oder?
Nie.
Warum eigentlich nicht?
Zu viele Menschen. Zu sehr ausgeliefert mit nur zwei Bikinifetzen auf der Haut.
Nikola kichert. Es gibt ja auch noch Badeanzüge.
Na, dann geh mal als Mädchen im Badeanzug ins Schwimmbad und hör dir die Kommentare all der anderen Geschöpfe meines Geschlechts an.
Nikola zeigt durchs geschlossene Fenster auf den Schulhof.
Scheiße, sagt Miriam. Ich hasse es.
Richard, von allen Richie genannt, schleift mit zwei Mitschülern der Parallelklasse an den Flanken einen anderen Jungen hinter sich her und stellt ihn an einer Mauer auf. Mit festem Griff am Hals des Jungen drückt er ihn dagegen, der Junge windet sich mit flehender Mimik. Miriam rutscht vom Fenstersims und ein paar Minuten steht sie neben Nikola, sie betrachten schweigend die nicht selten wiederkehrende Pausenszene mit den üblichen Protagonisten.
Möchtest du mal zu uns zum Essen kommen? fragt Nikola
Zum Essen?
Ja. Meine Mutter hat gesagt, ich soll dich doch mal mitbringen, sie möchte gerne für uns kochen.
Deine Mutter? Was hab ich denn mit deiner Mutter zu tun? Ich kenn sie doch gar nicht.
Na, ich hab ihr halt mal von dir erzählt.
Du erzählst deiner Mutter von mir? Was gibt es denn da zu erzählen?! Dass da ein Mädchen in deiner Klasse ist, die sich etwas sonderbar verhält, ein wenig mager in der Erscheinung ist und die man mit ein paar kulinarischen Streicheleinheiten verhätscheln muss?! Miriam rückt einen Schritt weg von Nikola.
Nikola richtet sich auf, er ist mehr als einen Kopf größer als Miriam, schaut sie an. Nun mach mal halblang, Kleene. Meine Mutter hat mich nur gefragt, wen ich nett finde in unserer Klasse. Miriam, hab ich gesagt.
So, du findest mich also nett? Was ist denn nett an mir?
Ach, was weiß ich… du bist zwar schon etwas komisch manchmal, aber ich mag dich eben.
Die Tür wird plötzlich aufgerissen und die Schüler der Klasse strömen lärmend ins Zimmer. Ha, da stehen unsere beiden Verliebten! Na, war’s eine schöne Pause?! Lachend verteilen sie sich auf die Plätze. Küssen, Küssen!! Nikola streckt einen Mittelfinger hoch in den Raum und setzt sich neben seinen Klassenkameraden in die vorletzte Reihe, stößt ihn in die Rippen.
Miriam steht am Fenster, das Blut steigt ihr in die Wangen. Die Hände verkrampfen, ihr wird schwindlig. Draußen hat es ein wenig zu nieseln begonnen. Ein Mann führt eine ältere Frau über die Straße vor der Schule, in der Nacht hat es nocheinmal geschneit. Eine Krähe hüpft durch den mit vielen Fußspuren bedruckten Schneematsch, sie sucht nach Vesperresten. In Miriams Kopf singt diese Frauenstimme. Miriam lag im Bett am Abend, aus dem Zimmer ihrer Mutter tönte immer wieder auf’s Neue nur ein Lied: Nehm von dir was mit und lass ein kleines Stück von mir bei dir… und ich pass sehr gut auf… damit es nie zerbricht, halt ich`s fest.

Miriam geht schnellen Schrittes den Weg zum Friedhof hinauf, nein, sie geht nicht, sie hüpft. Es ist ein sonniger Morgen, sie hat ihre Jacke geöffnet, es wird langsam wärmer. Ich fühle mich wohl in meiner Haut, summt sie vor sich hin, wohl in meiner blassen Winterhaut. Sie freut sich auf Flöte, die jeden Morgen an der verabredeten Stelle auf sie wartet. Miriam hat ihr von Nikola erzählt. Er findet mich nett, hat er gesagt, kannst du das verstehen, Flöte, du als Katze? Er mag mich sogar, hat er gesagt. Es gibt also tatsächlich Menschen, die mich abgesehen von den gewohnt mütterlichen Liebesanwandlungen mögen. Wer hätte das gedacht!
Miriam hatte Nikola nicht mehr angesprochen seit diesem Augenblick am Fenster des Klassenzimmers vor ein paar Tagen. Zuerst war sie verwirrt, dann mißtraute sie Nikolas Worten, ja, sie wurde sogar zornig auf ihn, wie konnte er sie nur so anlügen. Am Ende dieser Kette von Gefühlen aber hatte sie das Verlangen nach einer vernunftgetragenen Betrachtungsweise; sie zog die Vorhänge zu, um nicht von der Helligkeit des Tages beeinträchtigt und abgelenkt zu werden und reihte all ihr im Gedächtnis gebliebenen Aufeinandertreffen mit Nikola aneinander, die gehaltvolleren wie auch die gänzlich unscheinbaren. Sie versuchte sich nocheinmal vor Augen zu führen, wie Nikolas Gesichtsausdruck sich ausgestaltete, als er ihr sagte, er möge sie. Doch für Miriam war es schwer, in der Mimik eines Gegenübers auf dessen Gefühlszustand zu schließen, sie konnte auch nicht zwischen den Zeilen von Empfindungsäußerungen lesen, sie hatte keine Sensoren dafür. Eine Lüge konnte für sie die Wahrheit bedeuten, die Wahrheit eine Lüge. Aber am Ende ihrer Ergründungen kam sie zu dem Entschluss, dass Nikola sie nicht hinterging, dass er ein ehrlicher Junge ist, dem sie zugeneigt sein mochte. Sie entdeckte in ihrem Nachsinnen nicht einen Moment, der ein Mißtrauen rechtfertigte und so schob sie am Abend die Vorhänge wieder zurück und betrachtete mit einem befreienden Glücksgefühl das Licht der untergehenden Sonne.
Als Miriam durch das Tor hindurch den Friedhof betritt, merkt sie, wie warm ihr ist. Sie zieht die Jacke aus und bindet sie sich um die Hüften. Freudig streicht sie mit den Händen über moosbedeckte Grabsteine und an Zweigen mit ersten Trieben entlang. Sie geht zielstrebig auf ihren Platz an der Mauer zu, sie ist sich sicher, dass die Katze dort gleich ihren Kopf zum Willkommensgruß heben wird. Doch plötzlich überkommt sie ein kurzes Gefühl der Unruhe, nichts regt sich, der Platz, an dem die Katze immer liegt, ist leer. Flöte! ruft Miriam enttäuscht, Flöte! Komm raus, wo hast du dich versteckt? Willst wohl ein wenig Schwung in unsere eingefahrene Beziehung bringen?! Du weißt aber schon, dass wir Autisten so etwas gar nicht mögen. Miriam klettert die Mauer hoch, schaut auf die andere Seite, über die weite Wiese, die zu den Häusern hinunter führt. Jetzt ist aber gut, Flöte, jetzt kannst du dich langsam zeigen. Sie stellt sich auf die Mauer, um einen besseren Rundumblick zu haben, doch ihr wird schnell schwindlig, also springt sie wieder herab. Langsam läuft sie den Weg entlang, schaut hinter Büschen und Grabsteinen. Als sie an der kleinen Synagoge um die Ecke biegt, sieht sie nicht weit entfernt unter der großen Ulme von hinten eine alte Frau auf einem Klappstuhl sitzen. Miriam bleibt stehen, sie wankt ein wenig in sich. Sie weiß nicht, ob sie die Frau ansprechen und nach Flöte fragen soll. Doch dann bemerkt sie, dass sie etwas auf dem Schoss hat, eine Hand der Alten vollführt Bewegungen, als würde sie ein Tier streicheln. Im nächsten Augenblick wird Miriam gewahr, dass dieses Tier Flöte ist. Von einer Sekunde auf die andere wird Miriam starr, sie fühlt sich gefangen in ihrem schwankenden Körper, sie zittert, es ist, als würde ein Hülle aus eiskaltem Schnee sie umgeben. In ihrem Kopf knackt es ein paar Mal, ein kurzer Schlag und ein Gerüst bricht in ihr zusammen. Mit einem plötzlich lauten Schreien löst sie sich aus der unsichtbaren Umklammerung, rennt hinüber zu der alten Frau, greift ihr in den Schoss, bevor diese sich umzudrehen vermag, packt die Katze mit einer Hand am Rückenfell und schleudert sie auf den Weg. Die Katze faucht, wimmert für einen Moment in unerwartetem Schmerz und flüchtet dann zwischen den Grabsteinen hinüber zur Mauer auf der Rückseite des Friedhofes. Mit einem weiten Sprung verschwindet sie im Wald. Miriam steht der alten Frau gegenüber, schaut sie bebend an, was hast du hier mit meiner Katze zu suchen, du alte Schachtel?! Sie reisst der Alten einen Apfel aus der faltigen Hand und wirft ihn wutentbrannt der Katze nach, du Verräterin! Miriam dreht sich nocheinmal um, die Alte hat Tränen in den Augen.
Als Miriam den Weg durch den Friedhof entlang zum Tor hastet, hört sie hinter sich die Stimme der alten Frau rufen: Mädchen! Lauf nicht weg! Bleib hier!

Früh am Morgen zieht die Mutter von Miriam die Vorhänge auf. So, Mädel, raus aus den Federn. Du warst jetzt drei Tage nicht in der Schule. Du weißt, was du heute zu tun hast.
Gestern beim Abendessen hatte Miriam ihrer Mutter endlich erzählt, was auf dem Friedhof passiert war. Bis dahin lag sie nur im Bett, hatte die Vorhänge zugezogen, aß kaum etwas, die Annäherungsversuche und Fragen ihrer Mutter hatte sie wortlos beiseite gewischt.
Draußen dämmert es, Amseln begrüßen einen wolkenlosen Tag. Miriam windet sich aus dem Bett, schlurft ins Bad und wäscht sich mit kurzen, gezielten Handgriffen. Den Blick in den Spiegel vermeidet sie. In der Küche nimmt sie zwei Bissen vom gerichteten Frühstücksbrot, sie packt ihre Schultasche und wirft ihrer Mutter einen bösen und doch hilfesuchenden Blick zu. Dann öffnet sie die Wohnungstür, dreht sich nochmals um und umarmt ihre Mutter, die hinter ihr steht, mit festem, haltsuchenden Griff. Dann macht sie sich los und geht hinein in einen milden Morgen.
Und was möchtest du jetzt tun? hatte ihre Mutter gestern gefragt. Im Bett bleiben, antwortete Miriam. Du weißt schon, dass das auf Dauer nicht die Lösung ist. Ja, Mama, ist ja gut. Ich weiß es, bin ja nicht blöd.
Miriam geht an den letzten Häusern vorüber. Der hässliche Mann hängt wieder am Fenster auf seinem Kissen und raucht. Sie wechselt die Straßenseite. Nein, ich bin nicht blöd, denkt sie, aber meine Güte, wieviele Menschen hauen vor irgendetwas ab, bereinigen ihr Leben lang nicht?! Hängen irgendetwas drüber, damit man es nicht sieht, solange, bis es vor sich hin schimmelt und entsorgt werden kann. Nur ich bin so blöd, also doch, und dackle jetzt dort hoch, um wieder gut zu machen. Wieviele meiner Klasse würden das wohl tun? Die meisten hätten wahrscheinlich nicht mal ein schlechtes Gewissen, und dann gibt es ja auch noch die, die solch alte Menschen fast zu Tode prügeln und diese grandiose Tat mit ihren Handys aufnehmen. Und abends beim Komasaufen macht das dann die Runde.
All das denkt Miriam, ihrem Alter kaum entsprechend. Sie denkt auch an die Katze, fühlt, dass ihr schlechtes Gewissen und die innere Not ihr gegenüber noch viel größer ist, als gegenüber der alten Frau. Sie fragt sich, ob die Katze ihr jemals wieder so nah sein wird, ob sie ihr noch vertrauen wird. Vielleicht wird sie ja auch gar nicht mehr zum Friedhof kommen.
Miriam erreicht den Friedhof und öffnet das eiserne Tor. Trotz der hadernden Gedanken zögert sie nicht, denn einmal tief in ihrem Inneren beschlossen, ist ein Vorhaben wie eingebrannt und wird mit entschiedener Konsequenz durchgeführt. Es ist dann so, als würde sie von einer Hand geführt werden, die den Griff nicht lockert, bis alles geschehen ist, wie es geschehen muss.
Sie geht den gewohnten Weg hinüber zur Mauer. Dort sitzt in den ersten, warmen Sonnenstrahlen die Katze, sie schaut über die Stadt in die Ferne, sie schaut, als wisse sie alles. Sie nimmt ohne ihren Kopf zu drehen Miriam wahr, legt sie sich auf den Rücken, reckt und streckt sich. Miriam geht zu ihr hin, krault sie am Bauch, nimmt sie vorsichtig auf den Arm. Danke, sagt Miriam leise und schmiegt ihr Gesicht an Flötes warmen Körper. Dann geht sie zusammen mit der Katze zügigen Schrittes hinüber zur Synagoge, sie sieht die alte Frau auf ihrem Stuhl sitzen, es ist das gleiche Bild wie an jenem Morgen, ein Morgen, der Miriam aus der Bahn geworfen hatte. Miriam bleibt nicht stehen, denn dies würde ein Zögern bedeuten, und ein Zögern würde Raum für Hinterfragungen auftun und sie würde ihre Angst fühlen und das Zittern in den Beinen, das Schwanken um sie herum würde vielleicht zu stark werden. Als sie die Alte erreicht, die sich nicht umdreht, als sie Miriam kommen hört, legt sie die Katze auf deren Schoß und öffnet ihre Schultasche. Sie holt einen Apfel heraus, greift nach der runzligen Hand der alten Frau und legt ihn dort hinein. Dann steht sie ihr gegenüber, das Herz pocht ihr bis in den Hals, sie schaut auf ihren eigenen Fuß, der scharrt im Kies, als wäre er der Vorderlauf eines Pferdes.
Lange steht sie so da; die alte Frau sitzt, streichelt die Katze, hält den Apfel, sagt nichts, unendlich lange, so kommt es Miriam vor. Dann legt die alte Frau den Apfel neben die Katze und greift neben sich nach einem kleinen Klappstuhl. Sie klappt ihn auseinander und stellt ihn vor sich auf den Boden. Setz dich!
Miriam setzt sich, froh darüber, dies tun zu können, denn das Schwanken des Bodens wird zunehmend bedrohlicher. Ich heiße Rebekka, und du? Nach einer kurzen Stille hört sich Miriam ihren eigenen Namen sagen, mit dünner, leiser Stimme. Sie starrt noch immer vor sich auf den Boden. Willst du mich nicht anschauen? fragt die alte Frau und führt ihre Hand unter Miriams Kinn, um es ein wenig anzuheben. Miriam unterdrückt den heftigen Impuls, die Hand wegszustoßen, sie dreht nur ihr Gesicht und schaut nun auf den Grabstein, an dem angelehnt zwei Äpfel im Moos liegen. Miriam versucht an die Bären zu denken, an den Frühling, doch in der Höhle scheint es noch zu kalt zu sein. Mädchen, sagt die alte Frau bestimmt, du bist hierhergekommen, hast mir die Katze auf den Schoß gelegt und einen Apfel in die Hand, das ist gut. Doch ich denke, du möchtest mir noch etwas sagen. Dafür ist jetzt Zeit.
Miriams Beine zittern, und doch fühlt sie, wie sie langsam etwas festeren Boden unter die Füße bekommt, diese klare Stimme fügt die unwirkliche Szenerie zusammen, die bis dahin lose und für sie kaum greifbar in der Luft flirrte. Für Miriam ist es gut, mit Eindeutigkeit angesprochen zu werden, auf eine direktive Führung, wenn sie nicht bevormundend oder verletztend ist, kann sie sich einlassen.
Miriam seufzt, atmet einmal tief ein und wieder aus. Es tut mir leid. Ich war sehr aufgebracht. Es ist für mich oft sehr schwer damit umzugehen, wenn etwas plötzlich nicht so ist, wie ich es erwarte. Miriam hatte sich die Worte in den letzten Tagen seit des Vorfalles zurecht gelegt, hatte sie immer wieder hin und her gewälzt, Ausreden mit ihnen kreiert und wieder verworfen. Sie war an diesem Tag nicht mehr zu Schule gegangen, sie wankte wieder zurück nach Hause und legte sich ins Bett, verkrampft, als wäre sie ein starres Brett, bis hinein in die tiefen Muskeln irritiert von diesem Geschehnis und noch voller Wut. Und trotzdem breitete sich schon dort in ihrem Bewusstsein die Tatsache aus, dass sie sich entschuldigen würde, sich entschuldigen musste, bei der alten Frau und vor allem bei Flöte. Und sie wußte auch, den Anstoß dazu würde sie von ihrer Mutter bekommen, auf sie konnte sie zählen. Miriam streift für einen kurzen Moment mit ihrem Blick das Gesicht der Alten, es ist wirklich ein altes Gesicht, mit vielen Furchen und Falten, aber es wirkt auf Miriam trotzdem nicht fremdartig oder gar abstoßend, nein, im Gegenteil, irgendetwas darin rührt sie an. Sie kann zwar nicht einschätzen, ob die Frau noch böse ist oder traurig oder nachsichtig, aber sie fühlt, wie sie in sich ein wenig ruhiger und sicherer wird.
Ich dachte, sie hätten mir meine Katze weggenommen oder dass sie vielleicht sogar Ihnen gehören würde, ich hatte mich so sehr auf Flöte gefreut. Und dann lag sie da auf ihrem Schoß. Manchmal passiert es in mir, dass ich keine Kontolle mehr habe über mich, es ist, als würden Wildpferde von irgendetwas aufgescheucht aus einer Koppel ausbrechen. Das ist aber oft so bei Menschen, die so sind wie ich.
Die alte Frau sitzt bewegungslos auf ihrem Stuhl, hört Miriam aufmerksam zu. Dann lächelt sie, schaut zur Katze auf ihrem Schoß und streichelt sie bedächtig. Und wie bist du?
Ich bin eine Autistin, ich habe das Asperger Syndrom. Miriam hatte mit der Zeit gelernt zu entscheiden, in welcher Situation und welchen Menschen gegenüber sie diese Tatsache anvertrauen konnte; die alte Frau wirkt nicht mehr bedrohlich für sie, und sie stehen in keinem sozialen Kontext zueinander, der für Miriam zum Nachteil geraten konnte, die alte Frau würde nicht herumtratschen, da war sich Miriam sicher, auch wenn sie nicht genau weiß, warum. Und vielleicht würden sie sich auch nach dieser Aussprache nicht wieder sehen, dann war es sowieso nicht von Bedeutung.
Das ist mir nicht wichtig, sagt die alte Frau. Sag mir, wie du bist, nicht was man für dich diagnostiziert.
Ich denke, die Diagnose ist wichtig für mich, damit kann ich besser verstehen, warum ich in manchen Momenten so bin, wie ich bin.
Ja, das verstehe ich, trotzdem: erzähl mir mal, wie du bist.
Miriam wippt ein wenig mit dem kleinen Klappstuhl, das Zittern in den Beinen ist weniger geworden. Sie folgt dem trägen Blick von Flöte, die leicht ihren Kopf gehoben hat, im Geäst der noch kargen Ulme jagen sich zeternd zwei Amseln.
Hhhm, ich weiß nicht. Miriam überlegt, scharrt mit den Füßen ein kleines Kieshäufchen zusammen. Ich bin klug. Ich verstehe logische Zusammenhänge viel schneller als andere, in der Schule ist mir oft langweilig. Ich mag Tiere, vor allem Pferde und Katzen, in ihrer Gegenwart fühle ich mich wohler, als mit Menschen. Sie riechen so gut, ich berühre sie gerne und mag es, wenn sie mich berühren. Berührungen von Menschen mag ich nicht, nur meine Mutter darf mir den Kopf kraulen. Und ich hasse es, wenn mir jemand sagt, wo’s lang gehen soll und hat dabei selbst keinen Plan.
Miriam hällt kurz inne, ihre Zunge wird plötzlich von etwas gebremst, obwohl all die Bären längst vor der Höhle herumtollen. Etwas langsamer und leiser ist ihre Stimme für einen kurzen Moment. Es fällt mir schwer, zuzugeben, wenn ich etwas falsch gemacht habe; wenn mir zum Beispiel ein Glas herunterfällt, dann suche ich immer außerhalb von mir den Grund dafür: entweder hat meine Mutter das Geschirr so doof hingestellt, dass es gar nicht anders geht, als dass das Glas herunterfällt. Oder sie hat es nicht richtig abgetrocknet, sodass es aus den Händen flutschen muss. Super um die Schuldfrage zu klären, ist auch eine nervige Fliege, die einem ständig um den Kopf schwirrt bis man die Geduld verliert und man dann nach ihr schlägt und dabei vergisst, dass man ein Glas in der Hand hat.
Miriam lacht. Die alte Frau lacht mit. Das nennt man dann wohl Selbstironie, sagt Miriam noch, macht irgendwie Spaß. Ja, und Spaß haben kann ich auch, nur verstehe ich den Spaß der anderen manchmal nicht. Miriam schaut jetzt über die Gräber hinweg, über die Friedhofsmauer bis in den Himmel hinein. Einzelne Wolken sind aufgezogen, sie ziehen durch das helle, spätwinterliche Blau. Und traurig bin ich auch oft.
Das ist eine ganze Menge, sagt die alte Frau. Und wie gut du das in Worte fassen kannst, das ist schon erstaunlich. Wie alt bist du denn?
Dreizehn. Fast Vierzehn.
Für einen Moment schweigt die alte Frau und in Miriam dringt die Ruhe, die an diesem Morgen über dem Friedhof liegt. So hatte sie den Friedhof bisher noch nicht wahrgenommen, sie hatte ja nur Augen und Ohren für die Katze gehabt. Nur einige Vögel geben fröhlich ihre Laute wieder, ein Hund bellt in der Ferne, ein leichtes Rauschen ist von der Stadt her zu hören.
Vielleicht bist du ja ausgewählt, sagt die Alte plötzlich, fast schreckt Miriam auf.
Ausgewählt? Das klingt aber etwas sehr esoterisch. Glauben Sie denn an Gott?
Ich meine das nicht aus gläubiger Sichtweise, ich denke da mehr an ein Ausgewähltsein, das weitere mögliche Seinsarten ausfüllt, das eine Lücke schließt zwischen dem uns Bekannten und dem, was sich unserem kleinen Bewusstsein kaum zu zeigen vermag. Vielleicht bist du ausgewählt, um zu versuchen anders zu sein, als es normal ist, was immer normal auch sein mag.
Ein Versuchskaninchen also, naja, warum nicht, lieber ein Kaninchen, als einer von diesen doofen Menschen. Aber ich frage mich dann doch: wenn etwas ausgewählt wird, dann muss es doch auch jemanden geben, der dies tut. Und das muss ja dann doch jemand ganz Großes sein, jemand der alles überblicken kann. Dann müsste es doch dieser Gott sein, von dem ich nicht weiß, ob es ihn gibt.
Ich weiß nicht, nein, ich glaube, dass es nicht etwas Personifiziertes sein muss, vielleicht eher ein sich wandelnder Zustand, der zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt auswählt, was nun zu geschehen hat, der ohne sich selbst gewahr zu sein – denn ein Zustand hat ja in unserem Sinne kein Bewusstsein – entscheidet: da geht’s jetzt lang, das wird jetzt mal ausprobiert.
Und wenn’s nicht klappt, dann wird wieder verworfen? Vielleicht werde ich dann also irgendwann verworfen, komische Vorstellung. Und was ist mit den wissenschaftlichen Aussagen, die davon ausgehen, dass dem Autismus ein Gendeffektsammelsurium zugrunde liegt?
Ob so etwas ein Deffekt sein muss, sei dahingestellt, warum kann es nicht eine Idee sein, eben ein Versuch, auch andere Weg zu gehen?
Also wenn ich mir meinen Weg bis hier hin anschaue, dann würde ich das Experiment als gescheitert ansehen.
Warum?
Weil es sehr anstrengend ist, weil es oft weh tut, weil ich immer wieder Angst habe, weil ich einsam bin und nur selten mal entspannt sein kann. Ich habe mir oft gewünscht, zu sein wie die anderen. Ich wollte mich auch schon umbringen…
Und hast es aber nicht getan, wie man sieht.
Nein, das will ich meiner Mutter und meinem Vater nicht antun.
Sie lieben dich, nicht wahr?
Ja, ich denke schon.
Und du liebst sie?
Ja.
Flöte reckt sich auf den Beinen der alten Frau. Miriam sitzt mit einem kleinen Sicherheitsabstand zu ihr, aber nah genug, dass Flöte einfach von Knie zu Knie stolzieren kann. Sie stößt zärtlich ihren Kopf in das Gesicht von Miriam. Miriam schaut die alte Frau mit strahlend freudigen Augen an. Während sich Flöte nun auf Miriams Schoß unter ihren streichelnden Händen einrollt, überlegt Miriam, dass es ihr wunderlich erscheint, welch interessante Gedanken diese alte Frau doch hat. Aber, fügt sie im Geiste hinzu, das mag daran liegen, dass ich mir selbst noch nie Gedanken darüber gemacht hat, was alte Menschen wohl denken. Auf alle Fälle macht es Spaß mit ihr zu reden. Miriam fühlt sich mittlerweile unsicherer und ist fast frei von jenem Ballast, den sie gerade noch zum Friedhof hoch geschleppt hat. Und Miriam mag anspruchsvolle, gehaltvolle Gespräche, wenn sie sich dabei in kleinem, gewohntem Rahmen bewegen kann oder sie eine erste Unruhe und diese ihr innewohnende Skepsis gegenüber fremden Situationen und Menschen einigermaßen abgelegt hat. Doch solche Gespräche sind selten, im Pool ihrer gleichaltrigen Mitschüler findet sich dafür niemand, Nikola in manchen Momenten ausgenommen. Und ihre Mutter ist zwar gebildet und durchaus auch intellektuell auf der Höhe der Zeit, doch sie ist Miriam zu fahrig, zu sprunghaft und meist unkonzentriert.
So, wie du auf mich wirkst, hast du schon sehr viel gelernt.
In der Schule?
Nein, wie du bestimmte Vorgänge im Leben beurteilen kannst, was wichtig ist, was vielleicht falsch. Nicht viele Kinder wären hier hochgekommen, um sich zu entschuldigen. Und es gibt sicher noch jede Menge für dich, das du lernen kannst. Ich würde das Experiment noch lange nicht als gescheitert betrachten.
Die alte Frau lächelt und beißt in einen der von Miriam mitgebrachten Äpfel. Und sicher müssen auch die anderen Menschen, die mit dir zu tun haben, noch viel lernen.
Ich weiß nicht, ob die was lernen, die meisten nehmen nur hin und verstehen nicht wirklich, sie sind einfach zu blöd, nur für den Gebrauch ihrer Handys reicht der Verstand grade noch.
Das klingt aber ziemlich überheblich, meinst du nicht auch?!
Nein, das ist einfach der Wahrheit ins Auge geschaut.
Denkst du nicht, dass viele davon noch ihren Verstand ausbilden werden? Sie haben ja schließlich noch ein paar Jährchen vor sich.
Naja, vielleicht. Aber einige müssen sich in dieser Ausbildung ziemlich hart ran nehmen, wenn das noch was werden soll.
Die alte Frau greift in ihre Tasche, zieht einen wollenen Schal hervor und legt ihn sich um. Es wird ein wenig kalt, sagt sie, frierst du nicht?! Ich habe noch eine kleine Decke dabei.
Nein, danke, ich friere selten. Und Flöte ist ja auch noch da. Miriam betrachtet liebevoll die schnurrende Katze, sie zupft aus ihrem Fell ein paar kleine Äste. Wo hast du dich denn wieder rumgetrieben, im düsteren Unterholz?!
Miriams Blick fällt wieder auf das Grab, vor dem die alte Frau an jedem Morgen sitzt. Warum haben Sie in den Apfel gebissen und nicht dort ans Grab gelegt, wo die anderen liegen?
Ich kaufe jeden Morgen am gleichen Marktstand zwei Äpfel, und die beiden lege ich dann ans Grab. Nur diese Äpfel gehören dort hin, ich habe mir das über viele, viele Jahre zur Tradition gemacht. Vielleicht würde ein anderer Apfel dort nicht stören, wahrscheinlich würde es letztlich nichts ausmachen, wenn ich deinen Apfel dazu gelegt hätte; mag sein, er wäre sogar eine Bereicherung. Aber nein, eigentlich möchte ich es nicht.
Miriam liest im Stillen den Namen am Grabstein. Mögen Sie mir sagen, wer Esther ist? Miriam fragt vorsichtig, sie weiß nicht, ob dieser Frage vielleicht unhöflich ist oder zu aufdringlich.
So wie Miriam zuvor atmet nun die alte Frau kaum merklich etwas tiefer ein und langsam wieder aus. Es ist ein seltsames Gefühl, sagt sie, all die Jahre habe ich hier an diesem Ort mit niemanden ein Wort geredet, keiner hat mich je auf Esther angesprochen. Es war mir auch nie ein Bedürfnis. Es genügte mir hier allein zu sein. Mit Esther.
Die alte Frau schaut auf den Grabstein. Miriam kann nicht einordnen, was sich hinter diesem Blick verbirgt, ob da Traurigkeit ist oder vielleicht über die Jahre hinweg entstandene zugeneigte Gelassenheit, sie glaubt, ein wenig Müdigkeit in ihrem Schauen auszumachen.
Esther ist meine kleine Schwester. Die alte Frau schweigt nach diesen kurzen Worten, als warte sie auf weitere Fragen. Doch Miriam sitzt still, mit einer Hand streicht sie konzentriert über das Fell der Katze. Nach einiger Zeit sagt sie: erzählen Sie mir von Ihr und warum sie hier begraben liegt?
Willst du es wirklich wissen, mein Kind? Es ist keine schöne Geschichte.
Ja, sagt Miriam bestimmt. Ich möchte es.
Wir waren uns sehr nahe, spricht die alte Frau weiter, bis auf die letzten Monate vor ihrem Tod waren wir immer zusammen, Tag und Nacht. Sie war vier Jahre jünger als ich. Wir lebten mit unseren Eltern in einem kleinen Haus, das einen verwunschen Garten mit viel wildem Grün und einigen Obstbäumen hatte. Ich kann mich noch an viele Momente erinnern: wie ich sie in ihrer Wiege unter dem blühenden Apfelbaum schaukelte, wie sie die ersten Schritte machte zwischen mir und meiner Mutter und dann entdeckte, dass Laufen gar nicht so schwer ist. Sie rannte an diesem Morgen ohn Unterlass lachend im Haus umher, bis sie sich erschöpft einfach auf den Dielenboden legte und einschlief. Abends lagen wir gemeinsam im Bett und unsere Mutter las uns Geschichten vor, die wir uns, als das Licht schon gelöscht war, nacherzählten. Esther hatte, obwohl sie jünger war, ein besseres Gedächtnis, und so stritten wir uns manchmal um die Richtigkeit einzelner Passagen in den Geschichten. Ich beharrte meist auf meiner Version, obwohl ich genau wusste, dass Esther den Ablauf und auch die Protagonisten einer Geschichte schneller verinnerlicht hatte als ich. Esther hatte ein einnehmend freundliches Wesen, sie war allen gegenüber offen und knüpfte schnell Kontakte mit Erwachsenen wie auch mit anderen Kindern. Ich war eher ein wenig veschlossen und schüchtern. Sie brachte mich stets zum Lachen. Abends, nach den Gutenachtgeschichten kitzelten wir uns oft bis die Wände wackelten wegen der schrillen Schreie.
Auch jetzt lacht die alte Frau auf, es ist ein helles, fast überschwengliches Lachen, das Miriam grinsen lässt. Manchmal kam unser Vater herein, und beendete mit gespielt strenger Miene unser Treiben, manchmal lies er sich hinreissen, sich selbst durchkitzeln zu lassen, bis er dann ein letztes Machtwort sprach. Aber zu dieser Zeit war unser Vater selten zuhaus am Abend. Er war Literaturprofessor und hatte viel zu tun.
Miriam fühlt einen kleinen Stich in der Gegend des Sonnengeflechts. Sie merkt, wie sie sich nach ihrem Vater sehnt. Schon fast einen Monat hat sie ihn nicht gesehen. Er ist weit weg in diesen Tagen. In China.
Später war mein Vater öfter daheim, doch es war kein Gewinn für uns. Er hatte mehr und mehr schlechte Laune, lag oft krank im Bett und wir durften ihn nicht stören. Irgendwann musste er den Lehrstuhl verlassen, weil die Nazis keine Juden mehr an den Hochschulen duldeten. Auch meine Mutter verlor ihre Arbeit als Lehrerin und arbeitete in einer kleinen jüdischen Schneiderei, die irgendwann aber, nach einigen Vandalismusattacken, auch nicht mehr zu halten war. Und es lag in der Luft, dass wir unser Haus aufgeben mussten, was unsere Eltern vor uns verheimlichen wollten, doch wir lauschten ihren Gesprächen und schlossen uns danach in unser Zimmer ein und weinten. Doch sonst ließ sich Esther nicht beeindrucken von der mehr und mehr gedämpften Stimmung, und ich ließ mich oft anstecken von ihrer guten Laune. In dieser Zeit hatten wir die Mutter meines Vaters aufgenommen in unserem Haus, ihr wurde das Mietverhältnis gekündigt, der Blockwart reinigte gewissenhaft seinen Wohnbereich, es wurden nur noch Arier geduldet.
Die alte Frau unterbricht sich und legt kurz ihre Hand auf Miriams Knie, Miriam zuckt für einen Moment zusammen. Die Katze reckt sich, aus ihrem schnurrenden Dahindämmern durch die Bewegungen geweckt. Entschuldige bitte, ich werfe hier mit Ausdrücken um mich, die dir sicherlich gar kein Begriff sind.
Doch, sie sind mir ein Begriff, ich habe schon viel über die Zeit gelesen. Den Begriff Arier kennt ja wohl jeder…
… na, da täusch dich mal nicht, Kleines.
… und der Blockwart, eigentlich eher Blockleiter genannt, stand am unteren Ende der Hierarchie von nationalsozialistischen Parteifunktionären, die vom Gauleiter, Kreisleiter, Ortsgruppenleiter den Zellenleiter zum Blockleiter abgestuft war. Eine Ortsgruppe der NSDAP bestand nomalerweise aus acht Zellen. Jede dieser Zellen war in vier bis acht Blocks gegliedert. Ein Blockleiter der NSDAP war für 40 bis 60 mit ungefähr 170 Personen zuständig. Der Blockleiter hatte seine arische Abstammung bis zum Jahre 1800 nachzuweisen und wurde auf Adolf Hitler vereidigt. Er trug zumindest bei dienstlichen Anlässen eine Uniform und war zu vorbildlichem Verhalten auch im Privatleben angehalten.
Die alte Frau sieht Miriam an und schüttelt lächelnd den Kopf. Ja, das stimmt wohl. Du weißt wirklich sehr viel. Aber lass mich noch ein wenig weitererzählen, ich merke, es tut mir gut. Wenn du was nicht verstehst, fragst du einfach nach.
Miriam schaut auf die Uhr, sie hat noch eine Stunde Zeit, bis die Schule beginnt und nickt.
Wir liebten unsere Großmutter, die mehr und mehr die mütterlichen Pflichten übernahm, da meine Mutter im Laufe der Kriegsjahre oft außer Haus war, um Essen, Kleidung und andere Dinge für das tägliche Überleben zu beschaffen. Esther lag gerne mit dem Kopf auf ihrem Schoß gebettet und ließ ihn sich kraulen, dabei erzählte unsere Großmutter Geschichten aus ihrem Leben. Sie hatte die Gabe, sehr humorvoll zu berichten, wir lachten oft in die Erzählungen hinein. Nur wenn unser Großvater zur Sprache kam, wurde sie ernster. Er war im ersten Weltkrieg gefallen, sein Gesicht kannten wir nur von ein paar wenigen Photos.
Ja, sagte Miriam, ich weiß wie das ist. Ich kenne den Vater meiner Mutter auch nicht, er ist früh an Krebs gestorben. Im Geiste sieht Miriam, wie sie über einer Photokiste sitzt und ihrer Mutter Löcher in den Bauch fragt. Es war ein hübscher Kerl, ihr Großvater, und wohl kein Kind von Traurigkeit.
Mit der Zeit vermehrten sich die Repressalien gegen uns Juden, spricht die alte Frau weiter, wir dachten, schlechter kann man Menschen doch nicht behandeln und wir mussten lernen, dass es noch viele Stufen der Erniedrigung und Unterdrückung gab. Auch auf der Straße waren wir nicht mehr sicher. Wir bewegten uns nur noch wenn nötig auf öffentlichen Wegen, mal liefen wir mit Herzklopfen ohne Judenstern auf geheimen Wegen zu Freunden, mal gingen wir gekennzeichnet auf den Straßenseiten, die uns zugedacht waren. Und ein Jahr später war es dann soweit, das Haus wurde enteignet, es gab nur eine nicht nennenswerte Summe auf ein Sperrkonto. Wir wurden in ein Judenhaus umgesiedelt und von Jahr zu Jahr wurde es schlimmer, bedrückender, manchmal fast unerträglich.
Und doch war letztlich alles lebbar, solange wir als Familie noch zusammen waren. Nur selten erlebten wir bei unseren Eltern die Angst, die sie längst befallen hatte, sie waren gute Schauspieler. Vielleicht sind Eltern wirklich die besten Schauspieler, wenn es um das Zurückhalten von Sorgen geht, Sorgen, von denen sie glauben, sie müssten von Kindern ferngehalten werden. Doch wir ahnten, und das war beunruhigender als zu wissen.
Auch jetzt nickt Miriam unmerklich. Wie oft ahnte sie, dass etwas nicht mit ihr stimmte, dass es einen Grund geben musste, warum sie sich von der Menschen Welt ausgegrenzt fühlte und es oft so erschöpfend war mit dieser zu kommunizieren. Und wie gut war es dann zu wissen, auch wenn es mit diesem Wissen unwiderruflich wurde, dass sie anders war als die meisten Menschen.
Plötzlich, von einem Tag auf den anderen, waren sie weg.
Deine Eltern?! Einfach weg? fragt Miriam entsetzt. Sie kann es sich nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ihre Mutter nicht mehr da wäre. Sind sie von der Gestapo abgeholt worden?
Trotz der leisen Erregung, die sie befallen hatte, seitdem sie diesem Mädchen von sich erzählte, freute sich die alte Frau im Stillen über das unvermittelte Ablegen der sprachlichen Anstandsregeln, es rückte sie noch näher an sie heran.
Nein. An dem Abend, als meine Eltern nicht mehr im Judenhaus auftauchten und wir vor Sorge schon ganz verrückt waren, nahm uns unsere Großmutter beiseite und las uns mit tonloser Stimme einen Brief von unseren Eltern vor. Sie wollten nach Russland fliehen, stand darin, und dass sie es hier nicht mehr aushalten könnten, dass sie von Russland aus mit aller Macht dafür sorgen wollten, uns Kinder nachzuholen auf welchem Wege auch immer. Sie hatten ihr ganzes Geld für einen Schlepper, wie man das heute nennt, gegeben. Wenige Monate später war auch das nahezu ein aussichtsloses Unterfangen, die Kontrollen wurden unüberwindlich.
Aber warum haben sie euch nicht mitgenommen?! Miriam ist aufgebracht.
Im Brief stand die einfache Erklärung, dass die Schlepper keine Kinder in ihrem Unterfangen haben wollten, Kinder würden die Sicherheit aller Beteiligten gefährden.
Und so haben sie euch allein zurückgelassen, ruft Miriam, das kann doch nicht sein!
Es war ja noch unsere Großmutter da, aber du hast recht. Ich habe es all die Jahre bis heute nicht geschafft, zu verzeihen.
Rebekka schaut über die Mauern des Friedhofs in den Himmel über der davorliegenden Wiese, ein Milan zieht langsam seine Kreise, er schraubt sich ohne Flügelschlag höher und höher.
Und dann? Haben sie es geschafft, haben sie euch zu sich nach Russland geholt?
Nein, sonst wäre Esther hier nicht in solch jungen Jahren begraben worden. Erst zwei Jahre nach ihrer Flucht erfuhr ich, das sie noch lebten, das war alles. Ich nahm diese Information auf und vergaß sie wieder. Es interessierte mich nicht mehr. Viele Jahre später, nach dem Krieg, bekam ich einen Brief von meiner Mutter, ich weiß nicht, wie sie mich ausfindig gemacht hatte. Sie wollte alles wiedergutmachen, sie wollte mich besuchen kommen. Sie hatte sich von meinem Vater getrennt und hatte es irgendwie geschafft, ein Ausreisevisum zu bekommen. Seitdem lebte sie in Amerika.
Und hast Du deine Mutter dann wiedergesehen? Oh, Entschuldigung, ist mir so rausgerutscht.
Was denn?
Ich habe Sie doch geduzt gerade.
Ach, mach ruhig, das stört mich gar nicht. Im Gegenteil. Rebekka bewegt die Schultern ein paar Mal auf und ab, dreht sich mit dem Oberkörper nach rechts und nach links. Das alte Gestell muss ab und an geschmiert werden, sagt sie mit gepresster Stimme. Sie steht auf, reckt sich ein wenig und setzt sich wieder.
Nein. Ich habe ihr einen kurzen Brief zurückgeschrieben, in dem ich bekundete, dass ich sie nicht sehen wolle. Rebekka macht eine abwinkende Handbewegung und zuckte die Schultern, als wolle sie sagen: vergiss es, ich habe es auch getan. Damals jedoch war es für uns Kinder eine Katastrophe, eine erste Katastrophe, es brach etwas unheilbar auseinander, was vorher noch Halt war in dieser bedrohlichen Zeit. Unsere Großmutter mühte sich nach Kräften, wie unermesslich musste für sie diese Belastung gewesen sein, uns durch dieses zerfallende Leben zu führen. Heute noch ist es traurig in mir und ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich an sie zurückdenke. Wie unausstehlich waren wir oft, Esther und ich. Unsere unsicheren, flatterten Seelen waren nach dem Verschwinden unserer Eltern sehr empfindsam und manchmal ungerecht und böse geworden. Selbst Esther hatte ihr Lachen verloren, ja, oft saß sie am Fenster und weinte still in sich hinein. Mein Glück in dieser Zeit war, dass ich eine mir ans Herz gewachsene Freundin hatte, wir kannten uns seit dem Sandkasten. Sie war Tochter einer nichtjüdischen Familie und wann immer ich konnte, schlich ich mich aus dem Judenhaus, in dem die Menschen mehr und mehr in Angst und Resignation lebten, und erholte mich im Kreise ihrer Familie. Da begann es, dass ich Esther zunehmend allein ließ. Ich konnte nicht anders, ich hielt es in diesem Judenhaus nicht mehr aus, und ich schob das schlechte Gewissen Esther gegenüber in weite Ferne, soweit, dass es mich nicht berührte in dieser Zeit. Erst später holte es mich mit Macht ein und hält noch immer an.
Deswegen sitzen Sie hier jeden Tag am Grab Ihrer Schwester. Miriam hebt die Katze langsam von ihrem Schoß auf den Boden. Sie steht auf und bückt sich zum Grabstein nieder. Sie zeigt zu dem Kelch, der zur Hälfte aus dem oberen Teil des Grabsteins gemeißelt hervorsteht, und in dem ein paar verwitterte Steine liegen. Darf ich?
Ja, nimm ruhig. Wenn du sie wieder an ihren Platz legst. Aber waren wir nicht eigentlich schon beim Du?
Miriam nickt und lächelt. Sie löst die beiden Steine vorsichtig von ihrem Platz und wiegt sie in der Hand. Sie streicht behutsam darüber, über die sanften Kanten, über die Rundungen und das feine Moos, das mit den Jahren auch die Steine überzogen hat. Sie waren wie zwei Geschwister.
Ja, sagt Rebekka, das ist wohl manches Mal die Triebfeder dafür, immer wieder hier hochzukommen. Aber wenn ich dann an Esthers Grab sitze, wenn wir hier zusammenfinden, fühle ich trotzdem oft einen besänftigenden Frieden in mir, eine Ruhe, die ich unten in der Stadt nur selten erlebe. Rebekka schaut auf die Uhr: musst Du nicht langsam mal los?!
Ich denke, sagt Miriam und legt die Steine zurück an ihren Platz, ich werde heute mal ein bißchen später in die Schule gehen. Ich würde gerne noch mehr hören. Und verstehen. Wenn es dir nicht zu schwer fällt.
Gut, Du bist alt genug, um das entscheiden zu können und ich bin nicht deine Mama. Ich weiß nicht, ob es mir schwer fällt… ja, manchmal zittert es in mir, wenn ich darüber rede, aber ich merke auch, dass es irgendwie wohltuend ist, zu erzählen.
Miriam setzt sich wieder auf ihren Platz. Suchend wandert ihr Blick über den Friedhof. Ein paar Gräber weiter sieht sie die Katze, wie sie sich an einem Baumstamm reckt und die Krallen wetzt.
Die Eltern meiner Freundin, spricht Rebekka weiter, waren betucht und angesehen in der Nachbarschaft. Sie waren in der Partei und Parteimitglieder gingen aus und ein, sie fraßen sich satt an der Großherzigkeit und Gebensfreude ihrer Gastgeber. Diese Gastfreundschaft war ihr Schutzschild. Im Stillen verdammten sie die rüden Machenschaften des Regimes, verachteten das niedere Gehabe all der tönenden Nazischergen, sie waren friedfertige Menschen und gegen den Krieg, sie litten unter der Verfolgung der Juden und Andersdenkenden. Draußen vor den Fenstern hatten sie Fahnen mit dem Hakenkreuz hängen, drinnen bleuten sie ihren Kindern ein, wie sie dieses doppelte Spiel gestalten mussten, um zu überleben. Rebekka kann immer zu uns kommen, sagten sie eines Abends, die Fenster waren verdunkelt. Es ist sehr gefährlich, was wir da tun und wir müssen uns gut überlegen, wie wir verhindern können, dass es jemals ans Licht kommt. Diese Familie war für mich zugleich Rettung und doch auch Fluch.
Miriam sieht, wie Rebekka sich ein wenig mehr in sich zusammenkauert, wie ihre Hände sich zu Fäusten ballen und ihr Körper leicht zu beben beginnt.
Ich war so oft ich konnte bei meiner Feundin, immer waren wir im Haus, denn wir konnten uns nicht gemeinsam auf der Straße sehen lassen. Wir lasen uns gemeinsam aus Büchern vor, die Eltern hatten einen Raum mit hohen Regalen, die bestückt waren mit Büchern. Wir spielten Verstecken, dafür war das Haus ja groß genug, machten Gummihüpfen auf den Fluren oder wir lagen nur auf dem Bett von meiner Freundin und dachten uns Geschichten aus.
Wie hieß sie denn, deine Freundin?
Erika. Erika hatte immer schönste Kleider an, hatte langes, blondes Haar und war fast ein Kopf kleiner als ich. Und sie hatte eine schöne Stimme. Sie sang oft und ihre Mutter spielte Querflöte dazu.
Lebt sie heute auch noch?
Nein, sie ist leider vor ein paar Jahren gestorben.
Hattest du denn noch Kontakt mit ihr?
Ja, über all die Jahre sahen wir uns immer wieder, auch wenn sie in den Norden gezogen war und dort eine Familie gründete. Aber jetzt, sagt Rebekka in einem Tonfall, der erregter klingt als noch zuvor, muss ich es loswerden, Miriam. Ich merke, es wütet in mir. Rebekka schaut auf den Grabstein, wirft einen liebevollen Handkuss hinüber. Es ist, als würde Esther mich drängen: Zwei Tage vor Esthers zehntem Geburtstag…
Wie alt warst du denn zu dieser Zeit?
Ich war 14 damals, so alt wie du heute. Kurz vor Esthers Geburtstag schlich ich mich abends trotz Sperrstunde von Erika zurück zum Judenhaus, es war schon dunkel. Als ich gerade um die Ecke biegen wollte, sah ich durch die Gartenhecken des Nachbarhauses ein Auto vor dem Haus stehen. Mein Herz schlug bis in den Hals. Eigentlich waren wir diese erniedrigenden und oft gewalttätigen Hausdurchsuchungen der Gestapo schon fast gewohnt. Doch sie kamen bis dahin selten um diese späte Uhrzeit. Ich kauerte hinter der Hecke und wartete. Nach etwa zehn Minuten kamen drei Männer in ihren dunklen, langen Mänteln aus dem Haus, zwei flankierten unsere Großmutter und der Dritte zerrte Esther hinter sich her. Sie pressten beide in ihr Auto und fuhren davon.
Rebekka zittert nun am ganzen Körper, einige Tränen rollen über ihre faltigen Wangen. Miriam ist aufgewühlt, sie weiß nicht, wie sich sich verhalten soll. Sie folgt einer spontanen Regung und tritt hinter Rebekka und fasst sie fest an den Schultern. Rebekka legt eine Hand auf die von Miriam. Es ist gut, Mädchen, sagt Rebekka, ihre Stimme findet wieder Halt. Es geht schon wieder. Lass mich noch ein wenig weiter erzählen.
Ich stand für einen Moment starr vor Schreck und Angst hinter dieser Hecke, dann drehte ich mich um und rannte so schnell ich nur konnte zurück zu Erikas Haus. An diesem Abend war es das letzte Mal für fast drei Jahre, dass ich dieses Haus betrat, denn ich hatte es danach nicht ein einziges Mal mehr verlassen. Die Mutter von Erika nahm mich in ihre Arme, du bleibst bei uns, das verspreche ich dir, hat sie gesagt.
Und was war mit Esther und deiner Großmutter? platzt es aus Miriam heraus.
Ich habe sie beide nie wieder gesehen. Erst einige Monate später bekamen wir über einige Ecken die Nachricht, dass Esther in einem Erziehungslager an Lungenentzündung gestorben war. Wir wussten alle, was dies in Wirklichkeit bedeutete.
Sie waren in ein Konzentrationslager gebracht worden?
Ja, so wird es wohl gewesen sein. Von meiner Großmutter habe ich nie etwas erfahren.
Wie kann man so etwas nur ertragen? fragt Miriam leise mehr sich selbst als an Rebekka gerichtet. Für Miriam ist es schon eine mittlere Katastrophe, wenn ihre Zahnbürste nicht an dem Ort liegt, an dem sie sie am Abend zuvor platziert hat. Es gibt für sie kaum Wichtigeres, als eine Stetigkeit, in der die Dinge und die Menschen, die sich in ihr bewegen, sicheren Halt finden können. Miriam weiß nicht, ob sie es aushalten könnte, wenn plötzlich alles auseinanderbrechen würde. Als ihr Vater aus einem solch fest gewähnten Gefüge ausgebrochen war, fühlte Miriam in den Tagen der Trennung sich der Verzweiflung nahe, doch mit der Zeit wurde ihr zunehmend bewusst, dass Liebe und Zuneigung den Wegfall von gewohnten Rahmenbedingungen durchaus kompensieren konnten. Mittlerweile weiß sie, dass sie sich der Liebe ihres Vaters sicher sein kann.
Man kann es ertragen oder nicht, sagt Rebekka. Es gab in dieser Zeit sehr viele Menschen, die sich das Leben nahmen. Ich hatte eben dieses Glück, dass da eine Familie war, die ihren Schutzmantel über mich gelegt hatte. Ich konnte dies jedoch lange nicht als Glück empfinden, auch heute tue ich mich noch schwer damit. Doch ich habe gelernt, hin und wieder das Leben auch zu genießen. Aber vielmehr war die Tatsache, diese Zeit überlebt zu haben, eine immer wiederkehrende Last, damals und auch heute noch. Ich habe mich oft gefragt: warum gerade ich?! Warum nicht Esther?
Vielleicht warst du auch eine, die ausgewählt war.
Ich wüsste nicht, warum dies so sein sollte. Zumindest habe ich aus diesem Privileg, wenn es denn tatsächlich so wäre, bis jetzt keinen Nutzen gezogen, für mich nicht und für andere nicht. Ich bin deswegen kein altruistischer Mensch geworden, ich habe nicht viel zu geben. Damals, in dem Haus von Erikas Eltern, richtete ich mich schnell ein in diesem neuen Leben. Ich bin heute noch erstaunt, wie sehr die Seele eines Menschen verdrängen kann, wie sehr der Geist doch fähig ist, umzuschalten, abzublocken, auszublenden. Drei Jahre bis zu Kriegsende lebte ich in einem kleinen Zimmer im Keller des Hauses und trat nicht ein einziges Mal vor die Haustür. Das hatten mir die Eltern von Erika eingebleut. Und wenn sie Besuch hatten, verschwand ich unter den Dielen des Kellerbodens in eine Kammer, die der Vater von Erika für mich ausgehoben hatte, die nur ein wenig größer war als eine Hundehütte. Ich hatte zu Essen, selbst als der Krieg über unsere Stadt hereinbrach, litt ich selten an Hunger. Und ich hatte Erika, die mir erst sehr viel später erzählte, wie sehr sie unter dieser Situation litt, wie viel Kraft sie dieses bitterernste Versteckspiel und das Leben in zwei parallelen Welten kostete. Sie hatte ja auch noch andere Freundinnen, die in Nazi-Familien aufwuchsen, sie war in der Hitlerjugend und von all diesen Dingen besetzt, die in dieser Zeit dazugehörten. Ich aber machte mir vor, es sei alles gut und mein Leben davor war wie eine Kiste voll vergilbter Photos, die man nicht mehr hervorholen mag. Erst Jahre später, als der Frieden die Wunden zu heilen begann, sickerte mehr und mehr der Gedanke durch: Ich habe Esther allein gelassen. Und dann kamen auch die Träume.
Rebekka schließt die Augen, lehnt ihren Kopf ein wenig zurück. Ein leichter, kühler Wind ist aufgekommen, dichte Wolken schieben sich über den Friedhof. Die Katze ist von ihrem kleinen Ausflug zurückgekommen und streicht um Miriams Füße. Für einige Minuten sitzen Rebekka und Miriam still da und lauschen dem Wehen in den Bäumen. Miriam folgt mit ihrem Blick einem Krähenschwarm, wie er vom Wald her in Richtung Stadt zieht. Dann plötzlich klatscht Rebekka kräftig in die Hände. So, Miriam, jetzt gehst du in die Schule! Ich möchte nicht, dass Du Ärger bekommst.
Glaubst Du nicht, dass es manchmal Wichtigeres gibt, als dem Ärger, den irgendwelche seltsamen Menschen empfinden, aus dem Weg zu gehen? entgegnet Miriam. Sie steht auf, klappt den Stuhl zusammen und legt ihn neben Rebekka auf den Boden. Danke! sagt sie und nimmt die Katze auf den Arm. Sie merkt, wie sie wieder ein wenig schwankt, wir ihr schwindlig wird. Vielleicht ist sie zu schnell aufgestanden, vielleicht aber wühlen all die Worte in ihr, die sie in dieser frühen Morgenstunde in sich eingesogen hat. Sie ist nun doch froh, sich bewegen zu können. Später, wenn sie nach der Schule wieder zuhause sein wird, wenn sie in der Badewanne liegen wird, dann wird sie sich Gedanken machen über all das, was Rebekka zu erzählen hatte. Sie wird die Worte dann sortieren und in sich wiegen, und erst dann wird sie sagen können, was sie wirklich empfindet.
Ich danke Dir, Mädchen! Rebekka unterdrückt den Impuls, Miriam an sich zu ziehen und zu umarmen. Was meinst Du, sehen wir uns wieder? sagt sie stattdessen. Möchtest Du mich vielleicht mal besuchen kommen? Ich würde mich sehr freuen. Ich kann gut Kekse backen. Rebekka lächelt aufmunternd. Und ich würde Dir gerne ein paar Photos von Esther zeigen.
Vielleicht. Ja, doch, ich denke, das möchte ich. Ich werde mit meiner Mutter darüber reden.
Tu das. Dann sagst du mir, wann es dir recht ist. Du weißt ja, wo du mich finden kannst.
Ja. Bis bald, sagt Miriam. Sie schließt ihre Schultasche, hängt sie über die Schulter und geht mit der Katze auf dem Arm den schmalen Weg zwischen den Gräbern entlang. Miriam ist ein Mensch der kurzen und schnellen Abschiede, manch einer, der glaubt, mit ihr noch mitten im Gespräch zu sein, bleibt nicht selten kopfschüttelnd und ratlos zurück. Doch jetzt dreht sich noch einmal um. Danke, dass du nicht böse auf mich bist! ruft sie.
Rebekka winkt ihr liebevoll mit einem Apfel in der Hand zu. Das Experiment geht weiter! ruft sie zurück.

Schwere, dunkle Wolken wechseln sich jetzt ab mit blauen Himmelsfetzen, hin und wieder fällt die Sonne auf die unten liegenden Häuser. Miriam schlendert den Weg hinab, sie hat es nicht eilig. Sollen die in der Schule denken, was sie wollen, das hier war jetzt wichtiger, spricht sie vor sich hin. Das Experiment hat mir einen neuen, interessanten Menschen beschert und ich habe einen Fehler bereinigt. Das ist gut. Und während sie so geht, fast ein wenig beschwingt, und ab und an Steine vor sich her kickt, spürt Miriam auch eine Regung, die wie Traurigkeit anmutet, ein Fühlen, das sich in ihr über all die Begebenheiten, die die alten Frau durchleben musste, legt. Rebekka. Langsam spricht sie den Namen in den stärker werdenden Wind hinein, er zerzaust ihre Haare. Sie setzt ihre Kapuze auf. Esther. Das sind schöne Namen.
Die Ente, die Miriam schon einmal hier oben gesehen hat, watschelt über die Wiese, bleibt an einem kargen Apfelbaum stehen, es wirkt als wolle sie gleich das Bein heben und an dessen Stamm pinkeln. Sie pickt in der Erde, die um den Stamm herum grasfrei ist, und reibt mit ihrem Schnabel an den Wurzeln.
Es beginnt ein wenig zu regnen.

© Matthias Wagner