Esther

An der Laterne sitze ich, sie ist hoch, als wäre ich ein Kind geworden, jemand muss sie gegossen haben. Ihr Strahl in der warmen, flusigen Luft, ein Schwebebalken für nächtlich unstete Falter, schützt mich vor Undeutlichem. Ich dränge meinen Rücken an den Stamm der Laterne, als hätte sie Wurzeln, sitze auf dem Rinnstein in ihrem Staub, als wäre er nicht von Menschenfüßen dort hingetreten worden. Und leise schütteln sich vereinzelte und vielleicht auch verirrte Köpfe, die sich keine Gedanken darüber machen, warum sie in dieser Nacht getragen werden, nicht ahnen, warum ich hier sitze und meinen nach hinten neige, an die Laternenkühle hin – sie stößt den Augapfel umwölbend an das Brennen meiner geschlossenen Lider: Kinder blasen Luft in aufgegriffene Frösche und werfen sie gegen Mauern, die klagen, dass sie dort hingebaut wurden, ins Nichts, den Fröschen entgegen… ein Mund hält still, weil etwas in den Schoß dringt, das dort nicht sein darf… Wind steigt an einer Wolke empor, als wäre er ein unbeteiligter Gast oder ein sterbendes Kaninchen… ein Lachen, weil dieser Tanz sich in ihr erhebt, weit das Ausbreiten der Haut in geführten Kreisen… das Bellen eines Hundes. Ich rücke näher an mich heran, halte die Töne fest umklammert, die Klänge eines die Laterne umgebenden Nacht-Seins, die Fragen, die angehalten werden, weil es nichts ist, weil der Staub sich um meine Finger legt. Ein wenig dreist fast das quere Flöten hinter Fensterläden, als würden sich in solcher Schönheit ferne Züge zurückholen lassen, so schön, ja, so schön. Und trotzdem oder gerade aus diesem Grunde beben die Dinge an mir, das Sehen, das weit über das vorgegebene Maß hinaus mich von den Spiegeln der Menschen wegholt, mich anders sein lässt, fremd, mir manches Mal und oft den Anderen.
Am Abend bin ich durch die Straßen gegangen, ziellos, wie meist. Meine mir liebste Zeit in solchen Sommern ist die Dämmerung, wenn die Konturen zu verschwimmen beginnen, wenn die Hitze der Weichheit des Lichts Platz macht. Ich gehe durch die Straßen und betrachte. Betrachte, wenn es sich mir zur Verfügung stellt, wenn es vortäuscht, sich verbergen zu wollen, wenn es sich aufdrängt, wenn es mir zufällt. Seit ich die Arbeit niedergelegt habe, gehe ich und betrachte. Und hin und wieder sitze ich, an Laternen, an ruhenden Türen, wenn ich müde bin, wenn es nichts zu betrachten gibt.
Nicht selten geschieht es, dass während des Betrachtens dieses Sehen sich in mir ausbreitet, und dieses Sehen wiederum, vielleicht weil die beiden Worte eng beieinander liegen, ein Sehnen hervorruft. Dann sehne ich mich danach, dass es mir geschieht, wie es dem Menschen, den ich betrachte, geschieht, oder dem Ding. Sehne mich, dass es mir wiedergeschieht, so wie sich hier und da eine Wiederholung der betrachteten Geschehnisse ergibt. Manches Mal ist es keine Wiederholung, dann ähneln sie sich nur, ähneln sich, wie die gerade geschehende Wirklichkeit und die Erinnerung. Ich erinnere mich auch an Dinge und Geschehnisse, die sich in Wirklichkeit nicht in meiner Erinnerung aufhalten, doch von diesen erzähle ich nicht, ich möchte nicht für geisteskrank erklärt werden. Es gibt auch niemandem, dem ich erzählen könnte und vielleicht auch nicht wollte, nicht mehr. Würde ich erzählen, dann in Erinnerung von dem Stück Papier, das meinem Bruder ins Gesicht wehte: für einen Augenblick verlor er die Kontrolle und fuhr mit dem Rad gegen einen Baum. Nein, wir lachten nicht damals, er brach sich das rechte Bein. Ich könnte auch von der Erinnerung des Papiers an den haltlos sich vergrößernden Anblick des Gesichts meines Bruders erzählen, doch lassen wir das…
Jetzt überkommt mich Schlaf. Wie er mich immer plötzlich überkommt, wenn ich des Nachts sitze, irgendwo, und es nichts mehr für mich zu betrachten gibt. Dort, im Schlaf, transzendieren nur noch die Erinnerungen zu cineastischen Vorführungen ohne Regisseur, zu Schiffstänzen ohne Steuermann. Und auch das Flöten ist nur noch ein stiller Klang, jetzt ist es nicht mehr von Dreistigkeit getragen, nun wird es das traurig Anschmiegsame genannt.

Später, am frühen Morgen, noch im Dunkeln, ist da dieser Sturm, der mich weckt. Aus jedem Schlaf werde ich von diesem Sturm geweckt. Er zieht auf, ich weiß nicht woher, er zieht unbemerkt auf, ist plötzlich da und stößt mich mit unbändiger Kraft ins Wachsein hinein. Mein Schlaf ist ein friedvoller, wo immer ich auch mit ihm zusammen bin, doch das Erwachen ist ein Sturm. Der mich erfasst, mir droht, mich treibt, vor dem ich mich schützen muss, von dem ich mich erholen muss, manchmal für Stunden. Muss mich festklammern, um nicht weg getrieben zu werden: an dieser Laterne klammere ich mich fest heute Morgen.
Ein Ding ist es, oder ein Mensch, oder ein Klang, der den Sturm sich auflösen lässt, manchmal wehrt er sich noch in kurzen Schüben; während er abflaut, kommt das Schauen ins Spiel und dann, fast  übergangslos, beginnt der Alltag des Betrachtens. Dabei beginne ich mich zu erholen vom Sturm des Erwachens.
Ich habe gelernt, den Vorgang des erwachenden, reinen Schauens und Betrachtens auszudehnen. Solange auszudehnen, bis irgendwann das Wahrnehmen unvermeidlich sich hinzugesellt. Dem Wahrnehmen, das in der Plastizität des Hirnes in jedem wachen Augenblick sich vervielfältigt, sich fortpflanzt, kann man nicht entrinnen, ich kann es nicht, noch nicht. Manches Mal möchte ich es nicht, dann ist es wie Wein, der sich von Zelle zu Zelle ausbreitet, manches Mal hasse ich diesen Moment, an dem sich das Wahrnehmen in den Raum der Sinne, in den Körper erbricht, als hätte es schlechten Fisch gegessen.
Heute Morgen, von diesem Sturm geweckt wie immer, noch im Dunkeln bebend, schaue ich das einzige Licht in der Straße: es beleuchtet ein Zimmer im zweiten Stock des schräg mir gegenüberliegenden Hauses, nichts darin ist zu sehen von meinem Blickwinkel aus, nur kahle Wände. Das Licht ist weich, fast so, als wolle es mit dem Licht der gestrigen Abenddämmerung in einen Wettstreit treten, und es flackert, es muss von einer Kerze sein. Eine junge Frau tritt ans Fenster, bedächtig oder noch müde sich aus dem Schlaf schälend. Nur leicht bekleidet stützt sie sich auf den Fenstersims, das Nachthemd ist nicht geschlossen. Ihr Brustkorb hebt sich einige Male in tiefen Atemzügen. Dann formt sie mit ihren Händen vor dem linken Auge ein Fernrohr und blickt in den noch sternenreichen Himmel. So steht sie eine Zeit lang, dann nehme ich ein unhörbares Seufzen wahr, sie löst sich vom Sims, dreht sich und in dieser anmutigen Drehung lässt sie das Nachthemd von ihrer Schulter gleiten. Sie rückt von meinem Schauen und das Licht erlischt. Sie liegt wieder in ihrem Bett, vielleicht sitzt sie auch im Dunkeln auf einem Stuhl und wartet dort durchs offene Fenster hindurch auf das erste Tageslicht. Und dann erinnert sie sich in mir oder ich erinnere mich in ihr: an diese zitternde Hand, die sich im Begehren zögernd vom Nabel herab zu den Lenden tastet, das Rauschen des Meeres und die Sterne darüber.
An den Leibern der Weiber war ich lange nicht mehr. Ich lache in mich hinein, ach, ich erwachter Dichter der kleinlauten Straßengosse, oder soll ich sagen: -glosse? Ja, dieses für einen Augenblick sich empörende Gefühl in meinem Schoß ist nicht mehr als eine Randnotiz, denn von Ferne höre ich erste Reinigungsgefährte.
Ich sammle mein weniges Hab und Gut vom nachtstaubigen Steig der Bürger und mache mich auf. Der Weg, den ich in den Tag hinein gehe, ist entweder ein von gewohnten Gepflogenheiten geführter oder einer, der von Übermut getrieben neue Winkel entdecken mag. Warum ich mich an einem Morgen wie dem heutigen für den einen oder anderen Weg entscheide? Diese Frage erscheint mir nicht von bedeutsamer Wichtigkeit; wer frei von gesellschaftlichen Lasten und Pflichten der Kraft der Intuition die Zügel übertragen kann, sollte sich nicht mit unnützen Fragen aufhalten.
Heute entscheidet die Türe des Eckhauses am Ende der kleinen Straße, die meine Herberge für diese Nacht war. Sie öffnet sich langsam und schwer, als wäre sie eine hohe, weite Flügeltür eines noblen Herrenhauses. Das Aufgleiten dieser Türe lässt mich innehalten, und wie oft an diesem Ort lehne ich mich an die vollkommene Besonnenheit einer sich stets wiederholenden Eintönigkeit des beginnenden Tages; sicher: es gibt abweichende Nuancen, die durch ihr geschehendes Heischen um Aufmerksamkeit von diesem immerwährenden Ton des Gleichklangs abzulenken versuchen, doch wer sein Gehör geschult hat, dem entgeht er nicht. Von diesem Klang getragen, steht die alte Frau in der Tür, wie jeden Morgen, wenn ich hier entlang gehe. Wie jeden Morgen wirft sie einen kurzen Blick in den Himmel, ihr schütteres, weißes Haar fällt ein wenig von den Schultern, dann faltet sie die Papiertüte auseinander, greift hinein und legt einige Brotkrumen auf den der Tür am naheliegendsten Fenstersims: holt es euch, ihr Stadtvögelchen, bevor die Welt erwacht. Auch ich habe von den Simsen der Reichen genommen, habe die Krumen gestohlen, um den Hunger zu stillen. Nein, ihr Vögelchen, ich hatte kein schlechtes Gewissen euch gegenüber, denn ich war selbst wie ein Vogel: dünn und misstrauisch, rastlos wie eine Meise am ausgelegten Futter, immer zur Flucht bereit.
Im geduckten Weghasten verfliegt diese von weit hergeholte, doch stets gegenwärtige Erinnerung. Als ich mich besinne und wieder zur Türe blicke, ist die alte Frau verschwunden. Ich halte Ausschau nach ihr, doch ich sehe sie nicht. Sie ist fort. Zurück bleiben die Krumen auf dem Sims und die flüchtige Heimlichkeit eines längst vergangenen Tuns.
Nur einmal, vor einigen Monaten, als der Winter auf der Schwelle zum Frühling stand, bin ich der Versuchung erlegen, dieser alten Frau zu folgen, – nie folge ich Menschen absichtsvoll, das habe ich mir zum Prinzip gestaltet – ich folgte ihr auf ihrem Weg, den sie beschritt, als würde sie ihn tagtäglich in genau diesem Ablauf beschreiten: vor bis zur Kreuzung, nach rechts die Allee hinab bis hin zu dem kleinen Bäcker, vor dem ein Lieferauto mit duftenden Backwaren befüllt wird. Die alte Frau wechselt ein paar Worte mit Bäcker Karl, der auf dem Papier längst auf dem Altenteil sitzen sollte; er lässt es sich dennoch weder nehmen, hin und wieder an diesen frühen Morgen in der Backstube nach dem Rechten zu sehen, noch der alten Frau mit freundlich verschmitztem Augenaufschlag eine der ersten Brezeln zu reichen. Dann schlägt sie den Weg durch die verwinkelt engen Sträßchen ein, hin und wieder hält sie in ihren kleinen, aber zügigen Schritten inne, um ein wenig Atem zu schöpfen, dann geht sie weiter. Sie schaut nicht, sie pfeift nicht vor sich hin, es scheint nicht, als fröre sie, denn an diesem Morgen, an dem ich sie verfolge, ist es bitterkalt. Sie geht und es wirkt, als würde sie nach innen blicken, während sie von einem unsichtbaren Faden geführt wird. Am Markt grüßt sie die ersten Bauern und kauft zwei rotbackige Äpfel, die sie in die Manteltaschen steckt.
Ein wenig später erreicht sie den Platz der großen Eiche, er ist menschenleer und von Tau überzogen. Um die Eiche kreist ein sauberes Stück Rasen, um ihn wiederum legt sich ein Weg, der dort beginnt, wo man den Fuß auf ihn setzt. Den Abschluss des Reigens bilden alte Holzbänke, die stets in gleichem Abstand voneinander stehen, es ist, als hätten sie sich schon in vorigen Jahrhunderten diesem Schicksal ergeben. Die alte Frau betritt den Platz mit zielgerichtetem Schritt. Sie überquert Weg und Rasen und lehnt sich mit dem Rücken gegen den Stamm der Eiche. Den Kopf zurücklegend schließt sie die Augen. Nach einer kurzen Zeit der Bewegungslosigkeit scheint es, als würde sie sich leise in undeutlicher Kreisform wiegen: vor vielen Jahren hatte sie hier zum ersten Mal zurückgelehnt gestanden; plötzlich war ihr gewesen, als würde der Rasen sich zu drehen beginnen, ihr wurde ein wenig schwindlig und sie öffnete die Augen. Dort, zwischen den Bänken, stand ein kleines Häuschen, darin saß ein Mann mit knorrig blühender Nase hinter Fensterglas und durch eine runde Öffnung nahm er im Tausch mit bunten Marken Münzen von aufgeregten Kinderhänden entgegen: einen Kupon für zwanzig Pfennige, drei Kupons für fünfzig. Dann hob seine Stimme an und Musik aus knarrenden Lautsprechern gesellte sich dazu, die Bänke setzten sich in Bewegung, begannen sich langsam um die Eiche zu drehen, schneller wurde das Kreisen, Haare versuchten aus dem aufkommenden Wind zu fliehen, halt mich fest, Esther, halt mich fest, dazu ein schreiendes Lachen und über den Boden das Kullern eines Apfels.
Die alte Frau greift mit den Händen hinter sich an den Stamm der Eiche, um den festen Stand zu bewahren, dann kommt sie zur Ruhe. Sie öffnet die Augen, ein paar Tränen rollen über ihre geröteten Wangen, vom Fahrtwind, sagt sie lächelnd in sich hinein.
In den Gassen, die sich vom Platz der Eiche an den Hängen der Stadt hinauf ausbreiten, geht sie noch immer zügigen, jedoch zugleich der Steigung und ihres Alters angemessen bedächtigen Schrittes. Das Licht des Morgens, das zwischen den Häusern in die menschenleeren Gassen fällt, lässt ihren Atem erscheinen. Seiner ungestörten Zugehörigkeit bewusst scheint es, als wolle er sich nicht wirklich lösen, als wolle er sich schützend um sie legen oder ihr im Geheimen folgen: du wirst mich noch brauchen, alte Frau. An einer kleinen Kreuzung hebt sie für einen Moment den Kopf: in einem Fenster lehnt ein Mann auf einem Kissen, ein kurzes, unrasiertes Nicken vom Bürgersteig entfernt. Trotz der Kälte trägt er nur ein weißes Unterhemd, aus dem fleischig Schultern und Arme ragen, der Geruch von Nachtbettwäsche und Morgenzigaretten dringt an ihnen vorüber in den frischen Tag. Der Mann blickt zu den alten Giebeln der gegenüberliegenden Häuser hinauf, ein stiller Krähenschwarm gleitet darüber. Irgendwo von dort das altgediente Schnarren eines Weckers und Vorhänge werden aufgezogen, nur soweit, dass Blicke sich dahinter verstecken können. Unten das Fliehen einer scheuen Katze. Kaffeeduft.
Schauend habe ich die alte Frau aus den Augen verloren, doch seit einigen Minuten weiß ich, was ihr Ziel sein wird. Ich ahnte es schon, als ich an einer Hausmauer lehnend ihr zuschaute, wie sie von diesem fernen Karussell durch den Wind getragen wurde. Drum folge ich ohne Hast den Gassen hinauf, bis dorthin, wo die Stadt endet und die Wiesen und der Wald beginnen.
Bet-ha-Chaim steht dort unter tiefhängenden Ästen in einem goldenen Bogen geschrieben, er ruht über einem angelehnten Tor mit eisernen Gittern, der mächtig scheinende Davidstern reflektiert die Farbe des weißblauen Morgenhimmels. Es ist nur ein kleiner Friedhof, nicht oft war ich hier; er duckt sich fast unter zahlreichen noch blattlosen Bäumen, um ihn stehen schützend meist dunkle Tannen und Kiefern. Enge Wege, die noch ein wenig mit Schneeresten bedeckt sind, schlängeln sich durch dichtgedrängte Gräberreihen. Im verborgenen Teil des Friedhofs, hinter der kleinen, unscheinbaren Synagoge, neben dem Stamm einer breitgewachsenen Ulme, steht die alte Frau. Ihr Atem schlängelt sich in unregelmäßigen Schüben um die kargen Äste, es scheint, als würde sie mit dem Grabstein reden, der verwittert und moosbewachsen vor ihr ruht. Er trägt eine kleine Schneehaube auf dem halbrunden Haupt.
Nach einigen Minuten holt sie die beiden Äpfel aus ihren Manteltaschen und legt sie an den Grabstein, ein wenig richtet sie noch deren Lage. Dann tastet sie hinter den Stein und holt einen kleinen Klappstuhl hervor, auf dem sie sich niederlässt. Dort sitzt sie lange Zeit unbewegt.
Alle Grabsteine, ob groß oder klein, ob aus brüchigem Sandstein oder aus widerstandsfähigem Marmor, schauen in eine Richtung. Auch ich schaue an ihren Blicken entlang über altes Gemäuer hinunter zur Stadt, aus deren Dächern das Erwachen dampft. Irgendwo dahinter, weit jenseits des hügeligen Horizonts, über Grenzen und Meere hinweg, muss Jerusalem liegen. Ich lasse mich auf der Mauer nieder und betrachte den kreisenden Flug eines Milans, vielleicht ist er auf der Suche nach dem Frühling.
Es ist eine eindrückliche Stille, noch wird sie nicht überlagert von den Geräuschen der Stadt. Ich bin mir sicher, dass diese Stille vielen Stimmen Platz machen würde, wenn man lange genug hier sitzen oder mit weiten Sinnen langsam von Grab zu Grab gehen würde. Vielleicht würden diese Stimmen nicht bis hinter die Mauern der Pius-Brüderschaft reichen, doch wer über das übliche Maß hinaus wahrzunehmen vermag, der würde sie hören; und wenn man zudem des Literarischen mächtig wäre, müsste man eine Geschichte schreiben aus den Wortfetzen, die sich auftun würden, hier an diesem Ort der vermeintlichen Ruhe, hinter der das Leiden seine Fäden spinnt. Vielleicht würde man sie Halbschatten nennen, diese Geschichte.
Nach geraumer Zeit des stillen Sitzens höre ich das Knirschen von Kieseln unter kleinen Schuhsohlen. Ich wende mich um und sehe, wie die alte Frau leise von außen das Tor zum Friedhof schließt. Auf dem Weg hinab zur Stadt dreht sie sich für einen Moment zu mir und es scheint, als wolle sie mich grüßen. Ich denke darüber nach, ob sie schon die ganze Zeit meiner ihr folgenden Anwesenheit gewahr war, ein wenig schäme ich mich. Trotzdem, als ihr wieder zügiges Schreiten hinter den ersten Häusern verschwindet, gehe ich hinüber zu dem Stein, vor dem die alte Frau lange saß.
Ein aus Moos wachsender Efeu hat sich ihm angehaftet, er windet sich um einen Kelch, der zur Hälfte aus dem oberen Teil des Grabsteins gemeißelt hervorsteht, in ihm liegen einige kleine, rundgeformte Steine, darunter eine eingelassene Inschriftplatte mit hebräischen Schriftzeichen. Ich lege meine Hand auf diesen Text, damit ich ihn verstehen kann, im fast gleichen Moment setzt das Gefühl des Sehnens ein, das mich oft begleitet. Ich sehne mich danach, dass mir der Lauf der Zeit geschieht, werde eingenommen von diesem Sehnen nach einer Zeit, in der ich nie war und doch immer bin, nach der Zeit, in der geschah, was unverrückbar erscheint nicht nur im Makellosen einer dürftigen Erinnerung, sondern auch in tiefer Branntmarkung von kaum greifbarem Schmerz.
Dann gehe ich um den Stein und lese auf dessen Rückseite die eingemeißelte Inschrift, die in deutschen Worten verfasst ist: Hier ist geborgen Esther, 10 Jahre alt bei ihrem Tod, Opfer von Mißhandlung durch die Nazis. Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens.

© Matthias Wagner

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