Aug 16 2015

Mal wieder ein Genazino

Ach, wie gut es tut, mal wieder einen Genazino zu lesen…
während nach diverser Hitzewellen unter tiefhängenden Wolken erfrischend kühle Regenluft durchs Fenster dringt und sich die Melodie der Sonntagsmorgenglocken mit dem zarten Klang der Tropfen zu einer melancholischen Melange verdichtet, lasse ich die angefangenen, neu herausgebrachten Essays von Uwe Timm liegen und greife zu einem noch ungelesenen Roman von Wilhelm Genazino. Und ich bin schon auf den ersten 30 Seiten wiedererfasst von der Poesie des feinsinnig betrachtenden, meditativlakonischen Stils Genazinos, mit dem er immer wieder die naheste Welt um seine führenden Protagonisten herum erfüllt. Und auch mich. Vor vielen Jahren hat mich Genazino mit Ein Regenschirm für diesen Tag an seine Seite gezogen, und da bin ich, nach vielen seiner Büchern, beim ersten Einlesen von Leise singende Frauen immer noch; schon auf den ersten Seiten dieses vor über 20 Jahren geschriebenen Buches, in dem noch von Schreibmaschinen nicht von Computern die Rede ist, notiere ich mir immer wieder Zeilen, die meinen Geist auf angenehm entspannte Weise anregen und ihm in eigener angestrengter und eher getriebener Phase wohltun:
Aber in welchen Straßen bin ich gelaufen, in welchen nicht? Bei meiner Art des Umhergehens lassen sich zurückgelegte Wege nicht einfach erinnern. Ich nenne dieses Umhergehen manchmal auch Zotteln oder Zockeln. Diese Worte bedeuten, daß ich oft stehenbleibe oder scheinbar warte. Es gefällt mir, wenn dabei die Zeit in lauter kleine Splitter zerfällt, die ich einzeln anschauen kann. Früher habe ich genau wissen wollen, was dieses Umhergehen und Zeitverschwenden bedeuten soll; zum Glück sind solche Begründungen heute unwichtig geworden.

Ich spiele mit den Münzen in meiner Hosentasche und ärgere mich ein wenig, daß ich das bißchen Geld, das ich habe, immer wieder ausgeben muß. Es schmerzt mich, daß mein Geld nie wirklich mir allein gehört, sondern immer zugleich auch den anderen, an die ich es früher oder später ausgeben muß. Deswegen habe ich zwei kleine Pistazien unter meine Münzen gemischt. Jedesmal wenn ich etwas bezahlen muß und die Münzen in der Hand liegen sehe, tröstet mich der Anblick der ebenfalls auf der Hand liegenden Pistazien. Nüsse sind als Zahlungsmittel nicht anerkannt, deshalb wandern sie immer wieder in meine Tasche zurück; sie werden mir erhalten bleiben. Vom vielen Anfassen und Herumspielen sind die Nüsse glatt und glänzend geworden wie zwei winzige Taschenmöbelstücke.

Ich freue mich auf das Weiterlesen…


Aug 13 2015

Willkommens-Architektur

= für mich das Wort des Monats.

„Wir brauchen nicht nur eine Willkommens-Kultur, sondern auch eine Willkommens-Architektur“, sagt der Architektur-Professor und Architekt Jörg Friedrich im Kulturgespräch bei SWR2. Er hat mit seinen Studenten in Hannover neue Wohnmodelle im Sinne einer solchen Willkommens-Architektur entwickelt, die jetzt als Buch mit dem Titel „Refugees Welcome“ erschienen sind.


Aug 4 2015

Im Frühling sterben

Im Jahre 1945 werden Walter und sein Freund Fiete in den letzten Monaten der Kriegswirren mit 17 Jahren noch von der SS eingezogen und nahe der ungarischen Front bis in den Tod hinein mit den Unvorstellbarkeiten und Entsetzlichkeiten dieses Krieges konfrontiert. In seinem reifen, literarisch beeindruckenden und zugleich bedrückenden Roman Im Frühling sterben schreibt Ralf Rothmann sich in die Wortstille des eigenen Vaters hinein und füllt so ein Vakuum, das sein Vater bei ihm als Kind hinterlassen hat.
Hier und hier 2 Rezensionen von vielen…


Jul 22 2015

Vor dem Fest

Heute mache ich es mir leicht und kopiere eine Zitat von Verena Auffermann im Rahmen Ihrer Rezension in Die Zeit zu dem wunderbaren Buch von Saša Stanišić:
Vor dem Fest ist ein Geschichtsbuch, vom Mittelalter bis heute, durchsetzt mit Fabeln und Berichten aus der Chronik. Ein Buch über Krieg, Plünderungen, „Herkunft, Heimat, Hobby, Hitler, Hoffnung, Hartz IV“, über Helden, die nicht immer Helden sein können, weil es anderes zu tun gibt. Saša Stanišić, der erfahrene Geschichtenbewahrer, erweckt einen verschlossenen Ort zum Leben, beschreibt dessen Schönheit, Tragik, Leere und Kraft. Ein Buch wie wenige andere. Politisch versiert und stilistisch ein Kunststück. Vor dem Fest ist Mensch, Tier und Natur zugewandt, vollkommen illusionslos und trotz mutmaßlicher Übertreibung vollkommen wahr.

Vor dem Fest ist anders, eigen, eingängig auf literarisch hohem Niveau, ist kreativ, macht nachdenklich und macht Spaß. Lesen!


Jun 17 2015

Das achte Leben

Was für ein Wälzer! Den zu lesen auf fast 1300 Seiten überraschend wenig Überwindungsaufwand kostet, ein Aufwand, der bei mir sonst beim Durchackern solch dicker Schinken vorherrscht oder mich gänzlich vom Lesen abhält. Das achte Leben aber hat mich von Beginn an bei sich behalten und ich wollte diese epische Geschichte rund um die nah ans eigene Lesehirn heranwachsenden Figuren eines jahrhundertalten, georgisch-russischen Gewebes bis zum Ende begleiten. Erstaunlich, wie gekonnt die 32-jährige Nino Haratischwili dieses gestaltet in seiner vielverzweigten Form und es doch immer am Kern des Wesentlichen entlang im Werdegang der Protagonisten zusammenhält. In diesen Geschichtsfluss eingetaucht, übersehe ich gern hin und wieder die Schwächen des Werkes: die sich durchziehende Diskrepanz zwischen dem Leb- und Leibhaftigen der Personen und den oft einer trockenen Chronik entliehen scheinenden Beschreibungen von zeitgeschichtlichen Tatbeständen; das vielleicht notwendige Pathos in manchen Phasen und die stellenweise spürbare Konstruiertheit, in der die Protagonisten sich zu wenig in die kaum zur Ruhe kommende, politisch bewegte Rahmengeschichte hineinverlieren dürfen; und in Wortkaskaden – die sich entfalten fast wie in einem dieser schon vergangenen, südamerikanischen Epen (Allende, Marquez) – hereinplatzend immer wieder Umgangssprachliches oder literarisch Fehlgriffiges: da strahlte eine voller Stolz um die Wette oder es taucht unvermittelt plötzlich das eine oder andere Wort vor Augen auf, das dem feinen Erzählsamt einen Riss zufügt: omnipräsent (um nur ein Beispielswort zu nennen). Man merkt, dass Nino Haratischwili noch nicht wirklich ein ausgewogen stilistisches Zuhause für eine noch suchende literarische Sprache gefunden hat.
Trotzdem: Das können nicht allzu viele: Hut ab vor dieser intensiven Werkumsetzung, vor diesem immensen Hineinarbeiten bis zu den jahrhunderttiefen Wurzeln ihres eigenen Daseins mit choreographischem Überblick für eine solch weitläufige Romanstruktur. Ich bin dem Lebens- und Leidensweg von Stasia, Christine, Kitty, Daria, Niza und Brilka und all ihren Männern bis zur letzten Seite aufmerksam und gespannt gefolgt.


Mai 12 2015

Wolkenbruchs Abschied

… zumindest vorübergehend.
Ab September ist Wolkenbruch nicht mehr bestellbar, weil ich den Vertrag mit BoD gekündigt habe. Ich möchte Wolkenbruch nocheinmal die Chance bieten, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Da ich selbst in den letzten Jahren festgestellt habe, dass an mir nun aber auch so überhaupt kein Selbstvermarkter verloren gegangen ist, wünsche ich Wolkenbruch, dass der nun eingeschlagene schwierige Weg der Verlagssuche – auch über die große Hürde des „Gebranntmarktseins“ nach Veröffentlichung bei BoD hinweg – letztlich mit Erfolg begangen werden kann. Vito von Eichborn hat Wolkenbruch eine hervorragende literarische Qualität attestiert, ich selbst denke frei von Selbstbeweihräucherung, dass Wolkenbruch durchaus literarisches Potential hat für mehr als nur ein Endlagern im heimischen Regal. Drum, wer weiß, vielleicht hat die Intuition im Verbund mit der Gunst der Stunde (Tage, Wochen) etwas in petto, von dem ich noch nichts weiß, also lass ich mich darauf ein und bin gespannt auf die Entwicklungen.


Mai 10 2015

Gegenspiel

In anstrengenden, überladenen Zeiten muss es wohl so sein, dass ich – nicht im abwertenden Sinne – das Lesen zum reinen Ablenken benutze; ich lese, sinke ein in fremde Geschichten, die manchmal angenehm nicht meine sind, entwickle eine achtsame Identifikation mit dem literarischen Geschehen im Jetzt und dann lasse ich wieder los. Nur so ist es zu erklären, dass ich innerhalb einiger Tage Stephan Thomes Gegenspiel zu Ende gelesen habe, ohne zu merken, dass er die Handlung von Fliehkräfte aufgreift, seinem Vorgängerroman, den ich vor zwei Jahren gelesen habe. Hin und wieder dachte ich, kommen mir die Dialoge bekannt vor, auch der örtliche Hintergrund, doch zog ich keine Schlüsse. Von einer versteckten Ahnung getrieben, griff ich nocheinmal zu Fliehkräfte und nach einigem Blättern schlage ich mich vor die Stirn; ich suche Gewissheit im Netz und ja natürlich, so ist es: Thome schreibt Gegenspiel aus der Sicht von Maria, Fliehkräfte war der Wahrnehmung von Hartmuth vorbehalten – Maria und Hartmuth, die Protagonisten von vielen Szenen einer Ehe, rückblickend, in Zeitschienen mäandernd, vorsichhertragend. Getragen vom Kopfschütteln über meine Geistesentleerung drängt es mich nun, Fliehkräfte nochmals zu lesen, doch es warten zu viele andere verlockende Bücher auf mich. Mit Gegenspiel tat ich mich eine nicht kurze Zeit lang schwer, vielleicht weil ich Thomes Romane immer noch an Grenzgang messe, einem Erstling, den ich sehr gelungen fand und der in der Struktur einfacher und mehr bei sich gehalten war, und weil ich hin und wieder dachte: will ich gerade meine Zeit verbringen mit langen Verständnisentwicklungen für die Hin und Herwälzungen alltäglicher Beziehungsbefindlichkeiten? In Fliehkräfte (ja, ich erinnere mich vage) und mehr noch in Gegenspiel fühlt es sich so an, als wolle Thome erweiterte literarische Kompetenzen präsentieren, die auch der Gestaltung verschiedener Zeitebenen und komplizierteren Abläufen mächtig sind. Und ja, denen ist er es durchaus, und trotz der eigentlich nicht wirklich ablenkend spannend unterhaltsamen Lektüre hat er mich mit Hilfe von Maria und Hartmuth dann doch wieder gepackt mit seinen Gesellschaftsdurchleuchtungen bis hin zu starken letzten 100 Seiten.
Ich bin gespannt auf sein nächstes Werk und werde dann mit Argusaugen auf inhaltliche Parallelen zu seinen bisherigen Büchern achten…


Mai 8 2015

Phase des Sachbuchs

Es gibt Phasen, da mag das Lesehirn aus diversen Gründen nicht so, wie man sich selbst eigentlich gerne mußenhaft hingeben würde. Dann sind die für das Fließen von Worten innerhalb eines Romans verantwortlichen Synapsen durch andere Einflüsse verstopft. Also greife ich zu Sachbüchern und in der jetzigen Phase zu einem der Bände Heinrich August Winklers zur Geschichte des Westens: Vom kalten Krieg zum Mauerfall. Und schon beginnen sich andere Synapsen zu regen und naheliegende Hirngebiete zu entfalten: die der lustvollen Erfassung von Chroniken, und eben eine solche wird durch das umfassende Schreiben von Winkler ganz hervorragend angestoßen. Es ist nun nicht, wie manch einer rezensiert, brilliant und hochspannend geschrieben, aber man folgt dem Chronikstrom gerne und findet viele Passagen, die das eigentlich schon gebildete Wissen weiter anreichern und weiteres Verständnis für globale, geschichtliche Zusammenhänge fördern. Aus dem oben verlinkten Artikel der Zeit: Dieser Band ist nicht diskursiv angelegt, der Autor wägt nicht ab, probiert keine Theorien aus, sucht nicht nach Widersprüchen und offenen Fragen – er konstatiert. Das macht das Buch in manchen Passagen etwas lexikalisch. Zugleich aber ist es erfrischend altmodisch, denn es verfällt nicht in die in der Geschichtswissenschaft ebenso beliebte wie kurzatmige Begeisterung für bestimmte „Turns“ oder Theorien. Es berichtet in bestechender Klarheit über die Geschehnisse und verdichtet sie zu Geschichte – ein faszinierendes Panorama der globalen Politikgeschichte, wie man es von einem einzelnen Autor sonst wohl nirgends finden kann.
Irgendwann werde ich mir auch die anderen Bände zulegen.

Und dann regt sich mit dem Austreiben der Frühlingstriebe doch auch wieder die Romansehnsucht und ich taste mich langsam wieder heran mit dem dritten Buch von Stephan Thome: Gegenspiel


Feb 15 2015

Wildauge

Nun habe ich mich Wildauge doch noch bis zum Ende hin anvertraut, mich getraut und wie im Klappentext schon beschrieben: Katja Kettu nimmt nicht nur ihre Figuren, sondern auch ihre Leser in die Mangel.
Das Ende fürchtet man und ahnt; dann doch auf der letzten Seite ein Zusammenführen der Liebenden, aber: gleich darauf kommt das Nachwort und die Ahnung wird auf anderen Wegen bestätigt.
Was für eine Schreibe! Selten hat sich ein Buch derartig direkt in mein Inneres hineingewühlt: es verstört, man möchte sich den Bildern entziehen und doch dabei bleiben, es lässt einen nicht immer den Faden halten, was aber nichts ausmacht, denn es fasziniert zugleich durch die eigensinnige, betörende Sprache, die auch der Übersetzerin Angela Plöger einiges abverlangt (auch sie hat hervorragende Arbeit geleistet). Sie schreibt: Der Text in seiner ungewöhnlichen Mischung aus krudem Realismus und bösem Märchen, seine urwüchsige Kraft und die einprägsamen Charaktere hallten noch lange nach Abschluss der Übersetzungsarbeit im Kopf nach.
Diese narrative Kraft Kettus überschreibt einige für mich literarische Gestaltungsschwächen und zu den geschichtlichen Ereignissen des Fortsetzungskrieges zwischen Finnland und Russland liest man wohl besser ein informativeres Sachbuch; aber kein Sachbuch kann derart authentisch bis in die tiefsten Tiefen hinein die Kriegsgrausamkeit fühlbar machen. Die Zeit schreibt in einer Rezension: So lebt das Buch von seiner Sprache und Symbolik. Der ruppige Ton, in dem Gewalt allgegenwärtig und in dem permanent von „Mösen“ die Rede ist, von „Schwänzen“ und „Rammlern“, passt bedrückend gut zum grausamen Geschehen. Weil der Krieg selbst in intimste Momente eine Atmosphäre größter Bedrohung trägt, produziert er Misstrauen und Angst, Abstumpfung und Brutalität – aber ebenso eine eigentümlich intensive Liebe, die Unsicherheit durch Leidenschaft kompensiert. Das Brandmal bleibt dafür nur ein Zeichen, und zwar ein besonders treffendes. Eigentlich eine Narbe, symbolisiert es auf ewig die Verbindung zwischen Wildauge und Johannes.
Braucht man solch ein Buch als empathisch feinfühliger Mensch, der zeitgeschichtlich interessiert um die Gräuel des Krieges weiß? Muss man sich das antun?! Sicherlich nicht. Doch einmal begonnen, entwindet man sich kaum dieser besonderen, einnehmenden Art zu Schreiben.


Feb 7 2015

Es sammeln sich…

… die Bücher auf meinem Nachttisch, eine Tatsache, die eher selten vorkommt, da ich ausgewählte Bücher meist zu Ende lese, bevor ich ein neues beginne: Nicht mit mir von Petterson fängt mich nicht wirklich, bin ein wenig enttäuscht nach  Pferde stehlen. Das liegt nicht an seinem nach wie vor guten Stil und der Erzählkunst, ich finde keinen Bezug zur Geschichte mit all den Rückblenden und Wechseln der Perspektive und dem eher schwerlastenden Hintergrund der Protagonisten. Also lege ich das Buch erstmal beiseite und greife zu den neuen Erzählungen von Murakami, ein immer gern, in früheren Zeiten leidenschaftlich gelesener Gast auf dem aktuellen Lesetisch; aber auch durch die Männer, die keine Frauen haben bin ich zwar gut unterhalten, aber nicht eintauchend angetan. Fehlt mir gerade die nötige Leseinvolviertheit, die Hingabe an die sich ausbreitenden Geschichten oder finden sich gerade nicht die zu mir in meinen aktuellen Lebensmomenten passenden?