An einem Tag wie diesem – Peter Stamm

An einem Tag wie diesem ist ein Buch, das man schnell durchgelesen hat; nicht, weil es nichts zu sagen hat oder oberflächlich belletristische Gewichtslosigkeit an den Tag legt, sondern weil Stamm eine klare, direkte, einfache Sprache verwendet, er ist ein Erzähler im besten Sinne. Es gibt kaum verschachtelte Nebensätze, auf deren Pfaden man erstmal Dickicht beiseite schlagen muss, man ist von Beginn an nah am Geschehen und an den Protagonisten, wenngleich Stamm eher distanziert deren Empfindungen zu Wort kommen lässt. Vielleicht ist es Stamms grundsätzlicher Stil, ich kann mich an vor vielen Jahren gelesene Erzählungen von ihm nicht mehr erinnern; oder er ist dem Wesen des Protagonisten Andreas geschuldet, der selbst vor allem im ersten Teil der Geschichte in fatalistisch betrachtender Distanz zu seinem Leben in Paris durch dieses schreitet und sich dabei dem immer wiederkehrenden Lauf der alltäglichen Dinge und Abläufe hingibt, manchmal hat dies fast resignierte Züge. Dann geht er zum Arzt, weil ein anhaltender Husten ihn dazu drängt, und es wird ein Schatten auf der Lunge festgestellt. In Angst, sich dem anstehenden Befund zu stellen, beginnt er aus seinem Leben auszubrechen, bricht mit Liebschaften und beendet ohne Umschweife seine Arbeit als Lehrer an einem Pariser Gymnasium. Er lernt Delphine kennen, die um viele Jahre jünger ist, sie entwickeln eine zu Beginn noch undeutliche Liebe, die nie wirklich ausgesprochen wird, die aber bis zum Ende des Buches mehr und mehr an Bestand gewinnt. Delphine begleitet Andreas auf einer Reise zu seinen Kindheitswurzeln.

Er betrachtete die Häuser, die Straßen und Bäume, als müssten Spuren an ihnen zu finden sein von seinem früheren Leben. Aber er sah nur stumme, gleichgültige Oberflächen. Er lehnte sich an einen der alten Kastanienbäume auf dem Marktplatz, fuhr mit seinen Händen über die schmutzig graue Rinde. Er sah sich als Kind hier vorbeigehen, er war auf dem Schulweg, auf dem Weg in die Musikstunde, dem Weg nach Hause. Der Platz war leer, und es war sehr still, aber die Luft schien wie belebt. Andreas war auf seltsame Art glücklich, vielleicht war das die Erinnerung, dieses flüchtige Gefühl von Glück, das verschwand, sobald man versuchte, sich darauf zu konzentrieren. Er wollte an nichts denken, doch es gelang ihm nicht.
Dort, in einem Schweizer Dorf, lebt sein Bruder und auch noch immer Fabienne, die er die letzten 20 Jahre in sich getragen hat, eine unerfüllte Liebe, die noch einmal einen Erfüllungsakt und den realistischen Blick durch Konfrontation im Hier und Jetzt braucht, um im Guten losgelassen werden zu können. Auch eine vorsichtige Wiederannäherung an den Bruder beginnt während des Versuchs, das Schwingen der Erinnerungen und des Vergangenen mit der Identität des Heutigen zu verbinden.
In dieser zweiten Hälfte nach dem vorübergehenden Bruch mit dem alten Leben bis zu einem schönen, gereinigten Ende, werden die Emotionen der Distanz ein wenig mehr enthoben, man fühlt direkter das Hadern, das Suchen, das sentimentale Wehen, das Andreas umgibt, bis hin zu einem erlösenden Ausbruch der Tränen auf einem Rastplatz, allein in seinem 2CV sitzend.

Ich habe die Erzählung sehr gerne gelesen, es wird nicht mein letzter Stamm gewesen sein.

Gelesen im März 2012

 

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