Antwort aus der Stille – Max Frisch

Nachdem ich nun doch bis zu Ende die 920 Seiten von Jan Brandts Gegen die Welt durchwühlt hatte, jetzt ein Aufatmen, als Belohnung sozusagen: Antwort aus der Stille, ein kleines Frühwerk von Max Frisch mit einer Erstauflage von 1937.

Die Handlung ist gleich erzählt: aus einem sein bisheriges Leben in Frage stellenden Drang heraus zieht ein junger Mann in die Berge, um dort im Kampf mit der hohen und gewaltigen Natur existentielle Erfahrungen zu machen, Erfahrungen, die seinem Leben einen antwortenden Sinn geben sollen. Auf seinem inneren und äußeren Weg trifft er auf eine junge Frau, die ein Stück mit ihm zieht. Sie kommen sich nahe und unten, in der Hütte am Fuße der Berge, trifft seine Verlobte ein auf der Suche nach ihrem Balz…

Wie Frisch diesem „bescheidenen“ Rahmen Fülle gibt, ist wunderbar, ein Fülle mit Stimmungen und Gedanken über das an sich leere Leben und die Hoffnung, jener Same zu sein, der als wirkliches Leben aufgeht. … Es gebe ja auch Samen, die niemals aufgehen und niemals blühen, und wer könne denn wissen, meint er, wie viele Menschen die große und verschwenderische Natur versuche, damit ihr einer gelinge, der wirklich lebt und der bis an die Grenzen hin weiß, was es heißt, wenn er vom Leben redet, von Schmerz, von Sehnsucht und Schaffen, von Glück? … Der Protagonist gibt sich großen Zweifeln an den Ritualen des menschlichen Daseins hin, hadert mit dem Gewöhnlichen. In sentimentalen Rückerinnerungen wütet er in sich desillusionierend und noch gar nicht lang vergangene jugendliche Ansichten, Pläne, Wünsche relativierend. Und als wolle Max Frisch immer wieder dem Protagonisten die Augen öffnen und ihn hinstoßen zum Leben, das nur zu schauen ist: schreibt er um dieses Zweifeln herum und hindurch das einfachste, schöne, nie triviale Sehen der Natur. Nicht oft habe ich beim Lesen so klare Bilder vor Augen, von denen ich glaube, dass sie dem Sehen des Schreibers sehr nahe kommen. Wie auch in jenem Moment, in dem der Protagonist im Bach steht und in Erinnerung an die Kindheit ein aus Rinde geschnitztes Schifflein ins Wasser setzt und auch einen Staudamm baut, bis er beschämt entdeckt, dass er bei diesem Treiben beobachtet wird: … In diesem Augenblick will es der Zufall, dass der Dammbauer wieder mal sein Haar aus der Stirne streichen muß und dabei aufschaut. Und wie vom Blitz getroffen ist. Das tosende Wasser gestattet nicht einmal ein leichtes Wort, das alles lösen könnte, und sie können einander nur anschauen, die Zuschauerin auf der Brücke und der Mann, der wie ein Bub im schäumenden Bach steht und seine gesammelten Tannenzapfen wieder wegwirft, als wären sie gestohlen
In diese umfließende Natur eingebettet flicht Frisch gekonnt, einfühlsam und bildhaft die Charakterentwicklung der wenigen Protagonisten, mit eigentlich erstaunlicher Reife für dieses noch junge Schriftstelleralter, und er tut dies klar und unumschweifend – … in der Radikalität des Denkens, in der Weigerung, sich vor sich selbst zu verstecken, steht dieser frühe Frisch hinter dem späteren und späten nicht zurück. (aus dem Nachwort von Peter von Matt, das ein umfangreiches und informatives ist)

Immer wieder nimmt Frisch das ungewohnte „man“ zu Hilfe, das den Leser mithineinholt und doch die Protagonisten meint: … Und man wandert sehr angenehm, denn der Boden ist weich und fast federnd, wie im Ried, und die Schritte bleiben ganz lautlos. Nur dass dann und wann sein Pickel gegen einen Stein stößt, und dann klingt es sehr hell. Sonst hört man bloß noch das immer fernere und gedämpfte Rauschen, das den großen Talkessel füllt, das Rauschen der vielen Wasser, und mitunter auch einen schrillen Pfiff, wenn sich ein scheues Murmeltier flüchtet.
Immer wieder wird man angehalten, zu fühlen und nachzusinnen, sich an eigene Naturmomente zu erinnern: … Ringsum weidet unterdessen das Vieh, und es ist, als gehöre sein Gebimmel ebenfalls zur Stille; gegen hundert Stück mögen es sein, Kälber und Kühe, und einzelne sind bis in die ersten Felsen gestiegen, dort stehen sie und glotzen, dann schlagen sie weiter mit ihren Schwänzen und grasen weiter, während Irene eben ihre Milch trinkt… und ich fühle dieses auditive Stillebild und sinne nach, wie Töne auch der Stille zugehörig sein können.

Schön und eigen auch immer wieder der Stil: da spricht Frisch von einem kühnen Stein am Wasserlauf und ich denke, meist würde man eher schreiben von dem Mädchen, das kühn auf dem Stein steht, oder da schreibt er nicht vom Lachen, sondern von schallender Freude. Auch achtete ich hin und wieder darauf, ob sein Schreiben sich in irgendeiner Form im nationalsozialistisch politischen Sprachgebrauch der damaligen Zeit wiederfindet, doch nichts deutet darauf hin und lässt so eine distanzierte Gesinnung vermuten.

Und immer wieder die Frage nach dem Wozu:

Wozu?
Oder man kann auch ein Dichter werden, man kann mit Runzeln gehen und verzweifeln, weil man einen Reim nicht findet, der sehr wichtig ist, man kann brüten und brüten und über einen Vers vielleicht die Stunden vergessen, man kann sein ganzes Dasein vergessen und das Nichts in klingende Worte hüllen.
Beschäftigung ist alles.
Und wozu soll ein andrer nicht hingehn und unsere Erde vielleicht in lauter Purzelbäumen umwandern, oder den Ehrgeiz haben, daß er auf irgendeinen Nordgrat steigt?

Oder an anderer Stelle:

Dann schaut sie ihn an:
Ob er denn wisse, wozu man lebe? Fragt sie und scheint nicht erschüttert, als er gesteht, dass auch er es nicht wisse, obschon er darüber nachgedacht habe; sie lächelt nur:
„Aber sehen Sie – Sie leben ja auch.“
Wenn man das schon Leben heißen könne! Sagt er mit seinem höhnischen Lachen, während er seine Pfeife an der Mauer ausklopft …
Manchmal meine er, das Leben müsse ein Ding sein, das größer sei, unsagbar größer als alles, was er je erfahren habe, und das sei vielleicht die einzige Hoffnung, die einen noch am Leben erhalte: dass man das Leben vielleicht noch gar nicht kenne, nur seinen Namen

Auch wenn Frisch diese Erzählung als misslungen aus seinem Gesamtwerk gestrichen hat und man das eine oder andere Auge hinsichtlich Kitsch- und Pathostendenz und angegrauten (Frauen)Bildern zudrücken muss: ich finde, dieses Buch ist schön zu lesen und ich werde sicher hin und wieder nochmals darin blättern. Und mich irgendwann wohl auch dem späteren und späten Frisch zuwenden…

Gelesen im September 2012