Freitisch – Uwe Timm

Irgendwie ist mir die letzte Novelle von Uwe Timm im letzten Jahr durch die Lappen gegangen. Erst jetzt bin ich auf Freitisch gestoßen und natürlich reiht sich dieses kleine Buch ein ins Timm-Regal.
Während der ersten Zeilen schon dachte ich: ja, hier bin ich wieder im Timmschen Schreibzuhause, hier fühl ich mich wohl. Manch einer mag einwenden, dass sich nicht wirklich etwas bewegt in diesem Zuhause, eben ein neues Thema in altem Gewand. Doch mich stört das in keiner Weise. Diese Novelle macht vom ersten Moment an Spaß, weckt im Ton einer leisen Melancholie Erinnerungen an eigene Gedanken über diese Zeit und an Arno Schmidt, an ein Sammelsurium von kopf-schüttelnder Ablehnung bis zu unumwundener Begeisterung.
… Das genau gefiel ihm, dies Brechung, die Ironie, der Witz. Als er „Kühe in Halbtrauer“ las, sagte er ja und gut und witzig, besonders die Erzählung „Schwänze“. Las dann auch noch „Das steinerne Herz“. Alle Achtung. Aber als er dann, von Euler befeuert, zu „Kaff auch Mare Chrisium“ griff, sagte er nach vierzig Seiten: Nee, das ist ’ne Marotte. Das wiederholt sich, geht nicht an den Kern und hat nichts mit mir zu tun. Das ist witzig, aber nirgendwo erfahre ich etwas über den Autor, was den umtreibt. Und ich über mich lerne auch nichts Neues. Ich will mehr, nicht nur Sprachspiele …

In Timms Schreiben mutet nichts konstruiert an, es läuft, von der Ursprungs-idee geleitet, wie am Schnürchen, mit der timmtypischen Sprache in Auflösung zwischen wörtlicher Rede und Führungstext, zwischen damals und heute – man muss nur zu Beginn ein wenig Acht geben, dann fließt man mit in seinem Erzählstil. Auch die wohlbekannte Ironie begleitet wieder, doch nie ist sie bemüht platziert, sie wohnt den Zeilen inne und entsteht dann, wenn sie entstehen will.
Während viele Autoren die Charaktere der Protagonisten zeichnen, schärfen, schleifen und bemüht sind, ihnen in den Dialogen eine eigene Sprachidentität zu verschaffen, geschieht das bei Timm subtil, der Stil und die Sprache ist durchgängig ähnlich bis gleich, ob nun der eine spricht oder der andere. Und doch, wie auch immer, sieht man den Menschen im Unterschied zum anderen genau vor Augen. Oft sind es kurze Sätze, manchmal nur Halbsätze. Kaum Überflüssiges. Punkt.

Wunderbar der direkte Einstieg in die eigentlich karge Handlung und hinein in das sich Wiederfinden zweier einstiger Freitisch-Gesprächler, des ich-erzählenden Lehrers und des mittlerweile im Müllgewerbe erfolgreichen Eulers – es entwickelt sich ein Gemisch aus Rückblenden, der Suche nach Erinnerung und dem Ausbreiten des Jetzt nach vierzig Jahren. Und irgendwann denke ich: der pensionierte Lehrer kann eigentlich nur Ulrich sein, der Protagonist aus seinem ersten Roman Heißer Sommer.
Schön auch, wie Timm im letzten Drittel den Übergang schafft vom reflektionsleichten, „vordergündigen“ Geschehen zu den tieferen Befindlich-keiten des Privaten – aus unterschiedlichen Gründen damals wie heute ist dies zwischen den Protagonisten kaum möglich, nur der Leser erfährt diese Gedanken:

… Dennoch war es unmöglich, über unsere Trennung zu reden, die sich fast zwei Sommemonate hinzog. Die Tischgespräche drehten sich um Geld-probleme, Probleme mit Professoren und Vermietern, die große und kleine Politik. Keine Rede von dem, was ein paar Jahre später flapsig Beziehungskiste genannt wurde. Die Erregbarkeiten, Enttäuschungen, Erschütterungen, all die geheimen Wünsche und Ängste. Noch fehlte die Sprache. Noch hatten wir nicht Freud und Reich und Marcuse gelesen. Angst vor dem Versagen. Angst, keine guten Noten zu bekommen. Die gute Note, das war das Stipendium, das war auch der Freitisch, das war die Aufnahme in das Oberseminar. Besser als gut war immer sehr gut. Angst, nicht geliebt zu werden, verlassen zu werden, allein zu sein. Dir wird die Liebe entzogen. Du bist nicht mehr der Begehrte. Du bleibst allein zurück. Unvorstellbar, damals an dem Tisch zu sagen, meine Freundin hat sich von mir getrennt. Man litt stolz allein. Was für ein Bild das war, das man von sich hatte, von sich für die anderen haben musste. Keine Schwäche zeigen.

Im März 2011 schreibt Jörg Magenau vom Deutschlandradio Kultur:
Nicht immer können die Beiden ein altherrenhaftes Aufseufzen nach der „Ach ja, früher“-Melodie verhindern, damals, in den frühen Sechzigern, als noch „alles zusammenging: Hasch, Ernst Jünger und die verbotene KP“. Das unvermeidlich Sentimentalische nervt ein wenig, und doch lässt Uwe Timm ein interessantes Deutschlandpanorama entstehen, das Mecklenburg und Lüneburger Heide, Berlin und München umfasst und aus der Post-89er-Wirklichkeit in die Prä-68er-Zeit zurückführt. Er bezieht also einen Standpunkt diesseits und jenseits der deutschen Zentraldaten, ja vielleicht sogar jenseits der Geschichte, geht es doch weniger um die Ereignisse selbst, als um die erzählerische Haltung zur Welt, die da vorgeführt wird.

In einem Zug habe ich diese „einfache“ und doch hervorragende Novelle gelesen und nicht nur des übersichtlichen Umfangs wegen wird sie irgendwann nocheinmal mit Freuden aus dem Regal gezogen werden…

Gelesen im April 2012

Hier noch ein Ausschnitt einer Lesung aus Freitisch von Uwe Timm