Jeder stirbt für sich allein – Hans Fallada

Noch nie bisher etwas von Rudolf Ditzen/Hans Fallada gelesen bin ich nun beeindruckt von dem, was dieser Mann in so kurzer Zeit (in wohl nur 4 Wochen) zu schreiben imstande war: einen fast 700 Seiten langen, atmosphärisch sehr dichten und einnehmenden Roman, der erst vor etwa einem Jahr wieder aus der Vergessenheit hervorgeholt wurde, zu Recht. Es könnte ein spannender Kriminalroman sein, wäre da nicht der drastische Hintergrund der Nazizeit. Fallada schreibt direkt, ohne Umschweife, nicht abmildernd oder gar schönfärbend (nein, wie soll das im Kontext dieser von ihm recherchierten Schicksale auch möglich sein), ganz nah an den Protagonisten und deren Seelenerleben (-leid). Nur im 44.sten Kapitel, einem Zwischenspiel auf dem Lande, liest man kurz aus dem Berliner Treiben heraus aufatmend, das Fallada durchaus auch der poetische Feder mächtig war. Insgesamt ist das nicht hochliterarisch, hat sicher seine Schwächen auch in der Entwicklung der Charaktere und ist wie oft kritisiert auch nicht immer faktisch korrekt, es ist aber in seiner deutlichen und phasenweise sarkastischen Form der Verachtung gegenüber dem „dritten Reich“ und in der Herausarbeitung eines sich aufbegehrenden und erstarkenden Gewissens der Hauptakteure bemerkenswert. Im Nachwort schreibt Almut Giesecke: Der Roman erschien in Falladas Todesjahr in der Wiegler’schen Überarbeitung und erlebte in dieser Fassung ununterbrochene Auflagen im In- und Ausland. Die hier erstmals vorgelegte Ausgabe des Romans in seiner originalen Gestalt, mit allen „Verstößen“ gegen Korrektheit, Faktentreue und Geschmacksfragen, zeigt ih rauer und derber, aber auch intensiver, und vermutlich war es gerade das, was Fallada anstrebte. Denn nicht aus der Mitte, sondern von den Rändern der Gesellschaft kommt die eigentliche Botschaft seines Romans: dass noch der kleinste Akt des Widerstandes von Bedeutung ist.

 Man weiß von Beginn an, dass diese Geschichte auf ein bitteres Ende hinführt, möchte dieser Beklemmung entrinnen und kann es doch nicht, man muss in dieses quälende Ende mithineingehen, wie zuvor schon durch die Ausgeburten an Boshaftigkeiten der Gestalten des Regimes hindurch, und man muss sich mit einer Form des Todes auseinandersetzen, die heute und hierzulande kaum mehr vorstellbar ist, wenngleich sie bei Weitem noch nicht aus allen Winkeln dieser Welt getilgt ist.

Gelesen im Januar 2012

 

Zurück