Herkunft – Botho Strauss

Strauss_978-3-446-24676-8_MR1.inddDiese Rezension schreibe ich mit vielen kursiv gehaltenen Auszügen aus dem Buch von Botho Strauss, da sie besser ausdrücken, was ich doch nur hergeholt umschreiben müsste.

Selbst den vor 3 Jahren gegangenen Vater immer wieder um mich, in mir, und die Mutter noch immer rege im Leben, auch wenn zunehmend das Alter ihr erste Fingerzeige vollführt, empfinde ich zutiefst mit all den Worten, die Botho Strauss in Angedenk seiner Herkunft überkommen und die leise und mit Bedacht von ihm geformt werden. Es ist natürlich ein anderer Vater, nur eine ähnliche Form des misanthropisch Distanzierten ist vergleichbar, auch der angestammte Herkunftsort ist anders, stetiger als meiner, der immer wieder wandernd sich wandelte und doch in den neuen Räumen die nahe, wärmende Kontinuität des elterlichen Daseins und der dazugehörigen Dinge in sich trug. Bei Strauss aber ist es der dauerhafte Ort seiner Kindheit und Jugend in einer Wohnung in Bad Ems mit 7 Zimmern und einem langen Flur, er erinnert die Zeit zwischen seiner Ankunft dort in den Fünfzigern als Sohn von Flüchtlingen aus Naumburg an der Saale und dem Abschied als junger Mann in den frühen Siebzigern.

Gibt es etwas Besseres, als dort zu bleiben, wo du geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen bist, dich zum ersten Mal verliebt hast? Wo deine Eltern und Großeltern gelebt haben? Weshalb seinen angestammten Platz verlassen? Und wenn es schon sein muß, weil man ja das ein oder andere draußen in der Fremde lernen und zuwege bringen sollte, warum anschließend nicht wieder heimkehren? Es wäre nur die Hälfte des Vergehens zu spüren, wenn man an seinem Ort bliebe. Wenn man gar nicht anders könnte, als immer an seinem Ort zu bleiben.
Und dann ist es doch irgendwann im unvermeidlichen Lebenslauf soweit, die Konjunktive mit der Realität in Einklang bringen zu müssen: es tauchen die bedrängenden Zeilen auf, die zugleich in diesem Buch die letzten sind: Morgen wird die Wohnung entrümpelt. Morgen wird mein Zuhause aufgelöst.

Bis dahin aber erinnert sich Botho Strauss mit ruhigem, ab und an sentimentalem Wehen, episodisch, phasenweise philosophisch intellektuell, dabei klug, fast lebensweise und nie aufdringlich, in keiner Weise nachkarrend, bar jeglichem unreflektiert auflehnendem Rebellionsbegehr der Jugend, zugeneigt den Eltern und dem Ort, schwierige und schwerere Lebensmomente nur selten andeutend.
Strauss nimmt den Vater an, etwas, das für Nachkriegssöhne von Kriegsvätern beileibe nicht selbstverständlich ist, aber trotz dieser anvertrauenden Zugeneigtheit verklärt Strauss ihn nicht.
Es ist schön, wie er über drei, vier Seiten sich den Händen seines Vaters widmet, sie heraus- und emporhebt über andere verschonte, kleine Greifer: Es sind die Hände meines Vaters, die mir einen Sinn dafür gaben, daß die Eigenschaften, das Herz eines Menschen vordringen können bis in seine äußeren Gliedmaßen. Gliedmaßen von Güte und Mut, kein verlegenes Anhängsel. Sie lenkten mich, lange nachdem sie mich nicht mehr berühren konnten, lange noch nach ihrem Verfall von Wohlgestalt in kaltes Pulver. Wären es schwache Hände gewesen, etwa geknickte, wie Pfötchen herabhängende, oder hätte es je von dieser Hand eine mißlungene, unsichere, deutelnde oder verkrampfte Gebärde gegeben, ich wäre längst ein aus der Bahn geworfenes Subjekt, oder, schlimmer, ein immer noch überheblicher Sohn. Es gab sie aber nicht.

Die Gebärde — die Hand, die sich in den Nacken legt — reicht so tief, weil sie von den Tieren bei uns überlebt: immer im Nacken faßt das Maul der Katzenmutter das Junge; um es in ihre Obhut zu bringen.

Und zwischendurch, im Erzähljetzt, auch die wohlgesonnenen Betrachtungen über die Mutter:
Wieder in der Wohnung allein mit der uralten Mutter, die kaum noch versteht. Den Kopf seitlich ein wenig hebt, die Lider erschlaffen, und lieb lächelt sie wie zu allen Zeiten. Wenn sie ihre kleinen (für sie erheblichen) Anstrengungen macht, den Haushalt zu besorgen, den Tisch, an dem ich Wein trank, von Rändern zu säubern, den Morgenkaffee mit der Maschine zu bereiten, die Suppe zu rühren, wenn Besuch kommt, so geschieht das immer klaglos und ohne Murren. Vor fünfzig Jahren hat sie mir mit gleicher Umsicht für den Ausflug zum Fluss die Badesachen gepackt, Äpfel, Kekse, Handtuch, Seltersflasche in eine der großen Satteltaschen am Fahrrad sortiert. Dann gab sie mir Weisung, was ich zu tun und zu lassen hätte bei der Fahrt über die Landstraße, wann wiederzukehren, wem aus dem Weg zu gehen.

Immer durchscheinender die Schläfenhaut, und die blaue Ader tritt wurzlig hervor. Seit I910 tippelt sie mit diesen kleinen Schritten durch das Jahrhundert. Und hat die Welt für sich aufs schmalste eingeschränkt, damit genau die Passung stimmt zwischen ihrem unbeschwerten Verstehen und einem unbeschwerten Leben, das nie zuviel an Sorge, Bitternis und Mißmut zuließ und sich deshalb nicht frühzeitig abnutzte, sondern, immer freundlich-arglos bejaht, lange hinstreckte.

Und noch eine schöne, die Eltern verbindende Szene, die sich Strauss im Alltäglichen eingeprägt hat:
Ich hörte meine Mutter sagen, daß sie jeden Morgen, wenn sie das Staubtuch im Fenster ausschüttelte, den Vater drüben auf der anderen Seite des Flusses spazieren sah, auf seinem Gang vor dem Frühstück, und das Tuch ausschütteln und ihm zuwinken war eins.

Durchzogen ist alles von Episoden seiner Kindheit, Jugend: das Herangeführtwerden an Theater (im Emser Kursaal), Schauspiel ( durch den Besitztum eines begehrten Fernsehapparats als einer der ersten Familien im Städtchen), an Musik und Literatur (Auch jener Nachmittag, an dem ich in die Stadtbibliothek ging und zehn Bände Kinderabenteuer aus dem Franz Schneider verlag, glänzende Deckel, abwaschbar, nach Hause trug, dauert an und wird nicht früher zu Ende sein, als das Begehren währt, mit dem ein neues Buch zum ersten Mal aufgeschlagen wird); die hutziehenden Lehrer, Rodeln auf den Wiesen am Concordiaturm, das Hochgefühl auf einem ersten Fahrrad mit stützender Hand des Vaters, die Flucht vor dem Flurhüter auf den Wiesen mit Händen voller Obst und vielmals sich häutende Unreife.

Und immer wieder die Reflektionen übers Erinnern:
Du blickst in deine Frühe wie in die blaue Kugel des Magiers, betrachtest ein abgetrenntes‚ umschlossenes Weltlein. Es ist nicht alles organisch, nicht alles Folge und Auffacherung, Fortschritt und Wachstum, was sich Leben nennt. Es bilden sich auch Kristalle: die sammeln und bündeln Strahlen und sind beständiger als Zeitspuren.
Möchtest du wirklich in die Kugel hinein, möchtest du noch einmal im Einst-Weltlein leben?
Ja, würde ich rufen, sofort! Aber nur so, daß ich es nie wieder verlassen müßte und mir sämtliche erworbene Erfahrung und Entwicklung gelöscht würde. Also nur, wenn verstummte das Gurgeln des nachfragenden, des wiederkäuenden, des erinnernd eiternden Lebens — wo doch des Menschen ganze Natur danach strebt, wie vordem zu sein, also: frei von Erinnerung! Siehe Pavese, Gespräche mit Leuko: >>Und die Sterblichen verlangen nur dieses eine: wie vordem.<<
Ja, das kenne ich wohl, dieses Sehnen nach dem Einst-Weltlein, frei von buddhistisch gelehrtem, achtsamem Hier und Jetzt, ein wohliges und zugleich trauerndes da Unwiederbringlichkeit doch manchmal bitter schmeckt.
Aber nein. Würdest du tatsächlich in die komplette erinnerungslose Realität deiner Frühe versetzt, so ginge es dort gar nicht besonders lieblich zu. Nie warst du tiefer verzweifelt als in den Stunden unschuldigster Verzweiflung. Nie hast du  Unglück so hart und pur empfunden wie in der Unruhe und Quere des Aufwachsens.
Hier ein kurzes Aufhorchen, denn nur in zwei, drei kurzen Abschnitten werden „hartes Unglück“ und später noch das „Scheitern“ gestreift, als wäre das Ausklammern eines vertieferenden Beschäftigens mit Schwerem Konzept für dieses Buch.

Die Zeit unseres Erlebens läuft nicht in eine Richtung ab wie die Lebenszeit. Sie springt vor und zurück; innerhalb des unvermeidbaren Fort—Schritts gibt es Frei- und Stauräume, in denen zeitliche Unordnung herrscht, Gegenwart und Vergangenheit ihre Richtungspfeile verlieren, und das, was längst zum Bestandenen gehört, taucht noch einmal unbestanden auf.

Nun sammle ich die Uhren von Verstorbenen, von Vater und Mutter, nach denen sie lebten, wartend oder in Eile, bis ein einziger ferner Glockschlag sie der Abhängigkeit vom gleichmäßigen Rundlauf entriß. Man streifte ihnen die Uhr vom mageren Handgelenk, legte sie zu den persönlichen Dingen, und alles wurde zu Kram. Doch nach dem zierlichen Sekundenzeiger, der noch immer von Punkt zu Punkt rückt, maßen sie einander und ihrem Kind den Puls bei Fieber und anderen Schwächen.
Auch ich trage die Armbanduhr meines Vaters, nicht am Handgelenk aber stets bei mir.

Aber so ist es im Alter mit den Erinnerungen — sie versetzen uns in einen geradezu erhitzten Zustand, es drängt uns, das Verlorene mit anderen zu teilen, ja wir drängen es sogar Wildfremden auf, doch niemand, niemand kann da mit hinein! Die Kugel mit dem Einst-Weltlein bleibt rundum dein und unzugänglich für jeden anderen.

Vielleicht weil ich nie ein fröhlicher Waisenknabe der Rebellion war, der den Vater los sein wollte und dem sein Lebtag der Wutschweiß ausbricht, wenn ihm Macht als Machtperson begegnet, neige ich zu der Ansicht, daß Macht vielen, die sie nicht besitzen, das Leben besser sichert als Macht, in die sich viele teilen. Aber das sagt jemand, dem Autorität immer nur genützt hat, dem in Erziehung und Beruf Vorbild, Meisterschaft und Anführung selbstverständlich waren und den sie immer nur gefördert und niemals unterdrückt haben.
Nein, auch ich wollte meinen Vater nie los werden, sein stetiges Dasein gab Sicherheit und familiäres Wohlgefühl, wenngleich ich mir im Rückblick mehr differenzierte Reibungsautorität gewünscht hätte, denn die lässt Eigenes, lässt Richtungen schärfer und Identitätsprozesse leichter entwickeln. Und sie bereitet einen starken Boden um Wandel zu begegnen:
Tiefer verwundert mich nichts: daß meine schöne Mama vierzig Jahre die Emser Römerstraße auf und ab ging und darunter zu meinem alten Mütterchen wurde. Dieser Wandel verschluckt das meiste, was sonst noch Zeit bedeuten mag. Zuletzt saß sie, das adrette Spittelweib, neben den Schwestern, den Diakonissen, in der Morgenandacht.

Eine wunderbare Metapher schließt sich an: der Lebenssaum, der einen bei sich hält, an dem man sich entlangbewegt und in dessen Nähe man bleiben möchte, wenn der Charakter und die Umstände es erlauben, wenn man nicht fortgerissen wird von Entwicklungen und innerem Drang nach Mehrentfaltung:
Mit den Jahren legte ich unzählige Scherben eines imaginären, jedoch erschließbaren Gefäßes vor. Dies Dahinziehen in Motiven und die fortschrittlose Bewegung in kurzen Sprüngen vor und zurück, dies lange, lange Würfelspiel, bei dem ich immer noch auf die magische Unbekannte unter allen Augenzahlen zu hoffen scheine, lassen insgesamt auf ein Leben von geringer Tatkraft und großer Saumseligkeit schließen. Der Saum, ja, es war der schmale Lein- oder Treidelpfad, der zuerst an der Lahn und später am Fluß der Ereignisse entlangführte. Stetig und wachsam ihm zu folgen war mein Fleiß. Dabei bin ich meiner Dummheit, meiner Sentimentalität in so reiner Ausprägung begegnet, wie ich sie anderen Mensch immer zu verbergen suchte. Ich habe mich unterwegs befunden, immer nur auf dem Leinpfad neben dem Fluß, und habe mich sonst nirgends ausreichend ausgekannt. Nur auf dem festgelegten Weg, von dem man nicht abirren, nicht abzweigen kann, immer am Fluß ent- lang, öffnete sich in mir bei jedem Schritt eine >>gesellschaftliche<< Hülle, ein Trug nach dem anderen fiel ab, bis hin zu den innersten klebrigsten Hüllblättern des frischen Selbstbetrugs. Bei gutem Wetter und schnellem Fortkommen öffnete ich mich vollständig wie eine Pfingstrose im Mailicht.

Und dann wieder, kurz nur, das Stocken beim Lesen, das Verwundertsein über dieses fast im Nebenabsatz auftauchende Sich-Hingeben an ein machtvolles, beeinträchtigendes, Versagen implizierendes Wort: Scheitern:
Den Vater und mich verbindet so etwas wie eine bürgerliche Moral des Scheiterns, das über die Generationen sich fortsetzt in unserem schlichten Geschlecht. Und Scheitern reicht tiefer als alle übrigen Spuren, die die Zeit gräbt, egal, ob der eine zwei Kriege überstand, den Kopfschuß, den Verlust aller Habe, oder ob der andere sich mühte, den Wohlstand zu überstehen, die hochmütig verbrachte Jugend, den Eifer der Revolte, die die Zerstörungen der Zerstörten betrieb — tiefer als alles Geschehene oder Geschichte verbindet das Scheitern. Da kann man nichts machen …

Doch danach, zum letztendlichen Schluss hin, gleich wieder besänftigend, betrachtet Strauss über einige Seiten einen Gegenstand seines Vaters, den er in sein eigenes Heute mit hinüber getragen hat und der steter Auslöser ist für Erinnerungen und Reflexionen:
Der Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch meines Vaters, ein Cabochon, Rundstein aus Onyx, der, wenn ich ihn heute anrühre, mir das Gefühl für die Kleinheit meiner Kinderhand zurückgibt. Auch mit gespreizten Fingern konnte ich ihn nie ganz umfassen, wenn auch der Handteller mit schönem Gefühl sich an die glatte Oberfläche schmiegte …

Das bescheidene, nocheinmal: zugeneigte und wohlgesonnene Schreiben von Botho Strauss hat mich an vielen Stellen des Buches sehr berührt und mich selbst angestoßen, zu erinnern und nachzudenken über Vergangenes, das doch nah und tief verwoben ist mit dem Selbst, über meine Herkunft und das sich immer wieder wandelnde elterliche Zuhause, sitzend nun in meinem eigenen Zuhause am Schreibtisch meines Väterchens, auf dem die Dinge noch stehen, wie er sie zu Lebenszeiten selbst bewegt hat.