Kindheitsroman – Gerhard Henschel

Da Gerhard Henschels Kindheitsroman nicht mit eindeutig wertskalierenden Lindentrieben zu versehen ist, nun also doch ein paar Worte:

Vor ein paar Wochen hatte ich mir im Vorbeigehen ein Mängelexemplar gegriffen: Liebesroman. Henschel war mir bis dahin nur vage als Titanic-Redakteur ein Begriff. Im Klappentext dann entdeckte ich, dass der Roman der letzte einer Trilogie sei. Also von vorn, zuerst: Kindheitsroman.

Erst einmal bin ich über die Bezeichnung „Roman“ gestolpert, ist das Geschriebene doch mehr eine in meist kurzen Absätzen mit doppeltem Zeilenumbruch gehaltene, tagebuchartige (autobiographische? – hab ich nicht recherchiert) Aneinanderreihung von Erlebnissen einer Kindheit in den 70ern, die exemplarisch gewöhnlich ist und zugleich auch in dieser von Henschel dargebotenen Form wiederum außergewöhnlich. Noch nie habe ich ein Buch gelesen, das einem so sehr das eigene Erinnerungsvermögen an die typischen und doch einzigartigen Kindheits- oder auch Jugendvorkommnisse und -wahrnehmungen ersetzt.
Diese kapitellose Anhäufung auf die lange Distanz von 500 Seiten kommt manchmal etwas ermüdend daher und ich vermisse als Leser mit meist literarischem Anspruch eben diesen, doch man kann ja jederzeit sowohl Buch als auch Anspruch beiseite legen; ich habe dann immer wieder gerne nach dem Buch gegriffen – eine kleine, sich für ein paar Tage aufgetane Sucht nach dem Sammelsurium so klardeutiger Parallelen zu eigenem Vergangenen, manchmal so alt und abgedroschen und doch rührt es die sentimentalen Reflexe an. Man kann willkürlich den Finger zwischen die Seiten legen und aufklappen:

S. 84
Das Boot durfte ich in die Badewanne mitnehmen. Hinten war ein Schalter zum Anmachen. Dann drehte sich unten die Schraube, und es fuhr zum Wannenrand. Wenn ich es unter Wasser drückte, flutschte das Boot wieder hoch.

S. 157
… Zusammen mit Lederstrumpf kämpfte der Mohikanerhäuptling Chingachgook. Es gab auch den Irokesenhäuptling Gespaltene Eiche. Als nach dem letzten Teil von Lederstrumpf noch Big Valley kam, sagte Mama, dass wir schon viereckige Augen hätten.

S. 252
In die Schule brachte Manfred Cordes Honigmuscheln mit, die man in der hohlen Hand halten und ausschlecken konnte, ohne daß Frau Katzer Lunte roch.

S. 437
Nach einem lahmen 1:1 (0:1) im Heimspiel gegen Hertha BSC putzte Gladbach Olympique Lyon im Uefa-Pokal-Rückspiel auswärts weg: 1:0 Valette (1.), 1:1 Bonhof (23.), 1:2 Simonsen (28.), 1:3 Bonhof (50.), 1:4 Kulik (64.), 2:4 R. Domenech (71.), 2:5 Simonsen (89.).  Noch fünf, sechs Jahre, dann würde ich bei Gladbach mit Rainer Bonhof zusammen im Mittelfeld spielen.
Leider schied Eintracht Frankfurt gegen Dynamo Kiew aus, aber dafür schoß Gerd Müller in Magdeburg zwei Tore für Bayern München, und der Anschlusstreffer von Sparwasser nützte nichts mehr.
(Da hüpft das Männerherz, und Henschel spielt diesen Trumpf gegen Ende über Seiten hinweg immer wieder mit ausgedehnten Spielberichten und Tabellenständen und Torjägerlisten, da muss man(n) ja dabeibleiben)

Insgesamt gestaltet Henschel seine Beschreibungen meist mit satirischem, (selbst)ironischem Humor, man schwingt leicht von einer Damals-Impression zur nächsten, und trotzdem überkommt mich dabei doch immer wieder der Gedanke: es fehlt der Biss, der diese beschriebene Zeit kritisch hinterfragt, die Würze nicht nur der Ironie, der Gags, sondern auch die der Konfrontation. So ist alles von Klementine nicht nur sauber, sondern reingewaschen im Rahmen einer wohltuenden Rück-Sicht auf das Leben von einst.
Aber mit Hand auf’s Herz gefragt: was war mir als ~10-13Jähriger wichtiger: die von mir eigens angelegten Tabellenstatistiken, die lückenlosen Bravo-Starschnitte und die Autogrammadresseinblendungen der Hitparade oder die Kultur der kritischen Hinterfragung?!
Drum: nehme ich mir einfach die Freude, Spaß zu haben an Henschels „Roman“ und: irgendwann werde ich auch noch Jugendroman und Liebesroman lesen.

Doch nun: werde ich mich mit Genuss Max Frischs Montauk widmen – eine ganz andere Art der Lebensbeschreibung, und: literarisch eindeutig schwergewichtiger…

 

Kein Lesen ist der Mühe wert, wenn es nicht unterhält.
William Somerset Maugham

Gut, dass es die unterschiedlichsten Formen von Unterhaltung gibt…

Gelesen im Oktober 2012