Lindentriebe für Gelesenes

Jetzt, da ich dies schreibe, beginnt, wenn auch nur zaghaft, unsere hohe, im Sommer schattenspendende Linde auszutreiben. Drum bekommen die hier ohne Rezension nur mit Klappentext aufgeführten Bücher nicht die üblichen Sterne, sondern bewertende Lindentriebe zugesprochen. Nur ein Trieb ist zwar während des Betrachtens wunderschön, aber für den Inhalt eines gelesenen Buches ist er nicht erstrebenswert; dann doch lieber sieben, acht oder gar zehn Triebe, die sich anerkennend wiegen im Wind oder fast platzen vor Begeisterung. Also Bücher: strengt euch an!

2012   2013   2014   2015   2016  2017/18

 

 

Wenn die Christrose blüht

Christian Signol
gelesen im November 2019
208 Seiten

Nur weg aus der grauen, tristen Betonwüste der Trabantenstadt! Sébastien ist 10 Jahre alt und an Leukämie erkrankt. Seine Mutter liebt ihn sehr, trotzdem will er nur eines: aufs Land zu seinen Großeltern und dort all seine Ängste vergessen. Er ist davon überzeugt, dass er in der Natur die Kraft finden wird, die heimtückische Krankheit zu besiegen. Hat sein Großvater ihm nicht erzählt, dass die Christrose, die im Verborgenen unter dem Schnee ihre Blüten bildet, die magische Kraft besitzt, ihm die ersehnte Heilung zu bringen?
Wohl noch nie ist es Christian Signol, dem großartigen Erzähler, gelungen, seine Leser mit einer solchen Präzision mitten ins Herz zu treffen wie in diesem Roman.

 

 

Missa sine nomine

Ernst Wiechert
gelesen im Oktober 2019
557 Seiten

Ernst Wiecherts letzter Roman „Namenlose Messe“ ist der Gipfelpunkt seines dichterischen Lebenswerks. In überzeugender Synthese fügen sich hier die wesentlichen Grundmotive zusammen, die im Werk Ernst Wiecherts lebendig sind: Schwermut und Glanz der Märchen, die große Epik der Jeromin-Kinder und der Romane früherer Schaffensepochen, von der Magd und der Majorin bis zum Einfachen Leben und schließlich das Erlebnis des Totenwalds. Dies alles, so vollendet es ist, wirkt nahezu als Vorbereitung auf dieses Buch, in dem der Dichter Ernst Wiechert nun seinem Weltbild die letzte Ausformung gegeben hat.Es ist das entscheidende Wort des Dichters über den Sinn unserer Zeit. Doch über alles Zeitliche hinweg wird der überzeitliche Aspekt, ja, eine Deutung des menschlichen Daseins und seiner immerwährenden Aufgabe sichtbar. Bei aller Dramatik des Geschehens, die den Leser bis zur letzten Zeile in atemloser Spannung hält, ist die Namenlose Messe zugleich ein stilles Buch, voll tiefer Menschlichkeit, geduldiger Güte und gelassener Weisheit, ein Buch, das uns, wenn wir es zu Ende gelesen haben, mit einer reinen Freude tief beglückt. Das Buch wird bestehen bleiben als des Dichters stärkster und reifster Roman und als eines der wenigen epischen Meisterwerke unserer Tage.

 

 

Max, Mischa und

die TET-Offensive

Johan Harstadt
gelesen im August 2019
1248 Seiten

Max, Mischa und die TET-Offensive ist eine welt- und zeitumspannender Roman darüber, dass Heimat vor allem in uns ist und man sich seine Familie aussuchen kann. Johan Harstadt erzählt eine Geschichte über Haltung, Aufrichtigkeit, die USA und Norwegen, Freundschaft und Mädchen, die der Schauspielerin Shelley Duvall ähneln – und wie sehr man sie lieben kann.

Dieser Roman ist alles auf einmal: wuchtig und schmal, weit ausschweifend im Blick, in seiner Erzählweise aber nahbar. Überwältigend dicht mit seiner Detailverliebtheit, erinnert er an die großen realistischen Romane vergangener Tage, ohne jedoch deren Allwissenheit vor sich herzutragen. Seine zwingende, klare Prosa durchdringt Vorstädte, Zentren und Kriegsgebiete einer immer näher zusammenrückenden Welt. Max, Mischa & die TET-Offinsive ist ein leidenschaftliches Plädoyer für unsere Zeit – und ihre fieberhafte Suche nach einem raren Gut: Heimat
Siri Hustvedt

 

 

Zeiten des Aufbruchs

Carmen Korn
gelesen im April 2019
608 Seiten

Wirtschaftswunder, Rock ‘n‘ Roll, Cocktailpartys – der zweite Teil der Jahrhundert-Trilogie
1949: Die vier Freundinnen Henny, Käthe, Ida und Lina stammen aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen. Dabei sind sie im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst nicht weit voneinander entfernt aufgewachsen. Seit Jahrzehnten schon teilen sie Glück und Unglück miteinander, die kleinen Freuden genauso wie die dunkelsten Momente.
Hinter ihnen liegen zwei Weltkriege. Hamburg ist zerstört. Doch mit den Fünfzigern beginnt das deutsche Wirtschaftswunder. Endlich geht es aufwärts: Hennys Tochter Marike wird Ärztin, Sohn Klaus bekommt eine Stelle beim Rundfunk. Ganz neue Klänge sind es, die da aus den Radios der jungen Republik schallen. Lina gründet eine Buchhandlung, und auch Ida findet endlich ihre Berufung. Aufbruch überall. Nur wohin der Krieg Käthe verschlagen hat, wissen die Freundinnen noch immer nicht.
Im zweiten Teil ihrer Jahrhundert-Trilogie erzählt Carmen Korn mitreißend von der deutschen Nachkriegszeit, den pastellfarbenen Fünfzigern und der Aufbruchsstimmung der Sechzigerjahre. Vier Frauen. Hundert Jahre Deutschland.

 

 

Töchter einer neuen Zeit

Carmen Korn
gelesen im April 2019
560 Seiten

Vier Frauen, Zwei Weltkriege, Hundert Jahre Deutschland
Einer neuen – einer friedlichen – Generation auf die Welt helfen, das ist Henny Godhusens Plan, als sie im Frühjahr 1919 die Hebammenausbildung an der Hamburger Frauenklinik Finkenau beginnt. Gerade einmal neunzehn Jahre ist sie alt, doch hinter ihr liegt bereits ein Weltkrieg. Jetzt herrscht endlich Frieden, und Henny verspürt eine große Sehnsucht nach Leben.
Drei Frauen begleiten sie auf ihrem Weg: Ida wohnt in einem der herrschaftlichen Häuser am Hofweg und weiß nicht viel von der Welt jenseits der Beletage. Hennys Kollegin Käthe dagegen stammt aus einfachen Verhältnissen und unterstützt die Kommunisten. Und Lina führt als alleinstehende Lehrerin ein unkonventionelles Leben. Die vier Frauen teilen Höhen und Tiefen miteinander, persönliche Schicksalsschläge und die Verwerfungen der Weltpolitik, vor allem der Aufstieg der Nationalsozialisten und der drohende Zweite Weltkrieg, erschüttern immer wieder die Suche nach dem kleinen Glück.
«Töchter einer neuen Zeit» ist der Auftakt einer Trilogie, die diese vier Frauen, ihre Kinder und Enkelkinder durch das 20. Jahrhundert begleitet.

 

 

Unter der Drachenwand

Arno Geiger
gelesen im Februar 2019
480 Seiten

Veit Kolbe verbringt ein paar Monate am Mondsee, unter der Drachenwand, und trifft hier zwei junge Frauen. Doch Veit ist Soldat auf Urlaub, in Russland verwundet. Was Margot und Margarete mit ihm teilen, ist seine Hoffnung, dass irgendwann wieder das Leben beginnt. Es ist 1944, der Weltkrieg verloren, doch wie lang dauert er noch? Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, vom „Brasilianer“, der von der Rückkehr nach Rio de Janeiro träumt, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich – und von der Liebe. Ein herausragender Roman über den einzelnen Menschen und die Macht der Geschichte, über das Persönlichste und den Krieg, über die Toten und die Überlebenden.

 

 

Kein Geld, keine Uhr,

keine Mütze

Wilhelm Genazino
gelesen im Januar 2019
176 Seiten

7 Lindentriebe

Liebe und Ehe sind ein kompliziertes Geschäft. Die Bilanz ist oft nur mittelmäßig. Muss man es einfach nur häufiger versuchen? Oder gleichzeitig? Oder besser über die eigene Mutter nachdenken? Steckt in der „Ehefrau“ nicht von Anfang an die „Ehemalige“, das einzig authentische Überbleibsel jeder Ehe? Wilhelm Genazino erzählt von einem philosophischen Helden, der beim verschärften Nachdenken jede Sicherheit verliert. Vielleicht muss der Mann die Probe aufs Exempel machen mit allen Frauen, die er im Leben kannte, und die Vergangenheit handfest bewältigen. Die Gelegenheit wird sich bieten.