Suna – Pia Ziefle

Der erste Roman von Pia Ziefle, und ich hoffe: nicht der letzte!

Vorweg: ein näheres Eingehen auf den Inhalt ist hier nicht zu erwarten, mehr möchte ich über das literarische Erleben beim Lesen schreiben; diese Reflektion mag daher vielleicht mehr für diejenigen interessant sein, die Suna schon gelesen haben.

Durchzogen ist Suna von allerlei Themen und Unterthemen (die über viele Jahrzehnte hinweg nicht nur die Protagonisten des Romans bewegten), allen voran das durchdringende Thema der Liebe, aufgrund derer so viel geschieht
– gut dabei ist, dass sie nicht verklärt wird, die Liebe, dass sie viele Gesichter hat, dass sie manchmal undeutlich ist, manchmal sich selbst suchend, manchmal spröde daherkommt und nicht selten als nicht erreichbares Ideal sich verliert.  Hinzu kommen das Thema der aufzuarbeitenden Familiengeflechte und die Themen der Einwanderung und des Pflegekinddaseins (zwei Themen, die im realen Leben sicher hin und wieder verknüpft sind, in einem Roman aber jedes für sich allein vielleicht genug wäre) – gut dabei ist, dass diese letzten beiden Themen im Roman von innen, von den Protagonisten aus sich entwickeln können und nicht aufdringlich politisiert und instrumentalisiert für eigene Anschauungen verwendet werden.

Der Reihe nach:
Ich hatte Pobleme, mich in den Roman einzufinden… vielleicht war es ja eine unkonzentrierte Phase des Lesens, in der ich keine wirkliche Kontur von den Handelnden zu fassen bekam und immer wieder überlegen musste, wer nun wer ist und wo sie alle ihren Platz haben im Familienkomplex. Auch verhakte ich mich immer wieder am Stil, der mir auf diesen ersten ~40 Seiten zu wankend war, so, als suche er noch nach literarischer Festigkeit: da schreibt Pia Ziefle über Seiten wunderbar dicht und erzählerisch hochwertig, nicht selten erinnerte ich mich an die familienbandige Erzählkraft vieler bekannter, südamerikanischer AutorInnen, und dann waren da immer wieder Sätze oder Worte, die plötzlich holperten und umgangssprachlich und unpassend mich aus diesem Eintauchen herausrissen. Ich legte Suna beiseite, las einige andere Bücher und erst ein paar Wochen später begann ich wieder zu lesen. Nicht nochmal von vorn, sondern von dort, wo ich aufgehört hatte.

Und dann hatte sie mich plötzlich über einige Kapitel hinweg: in den Kapiteln Johannes, Magdalena und Julka fand ich den Zugang zu den Zusammenhängen und Geschichten , die sprachlich phantasievoll und ausdrucksstark einen erzählerischen Teppich weben, auf dem ich mich niederlassen und erkennende oder verstehende Bilder im Rahmen der intensiven, abwechslungsreichen und bemerkenswerten Handlung entstehen lassen konnte. Mit zunehmender Dauer wuchs ich in die Wesenheit der Protagonisten hinein, die im Verlauf mehr und mehr Facetten und psychologische Tiefe bekommen und ich las viele gute Sätze, die prägnant sind, die bewegen und auch zum Schmunzeln anregen und die Anerkennung für literarische Gestaltungsfähigkeit auslösen müssen.

Ein wenig zurückgeworfen war ich dann wieder durch den Stilwechsel im darauffolgenden Kapitel Deutschland, der sicherlich einer erzählerischen Intention folgend bewusst gewählt ist – mich jedoch irritierte diese nun kühlere, unumschweifige, schnellere, direktere Sprache. Auch dieser Sprache ist Pia Ziefle mächtig, doch ich bin mir nicht sicher, ob diese Wechsel (in diesem Kapitel kommt, nicht ad hoc nachvollziehbar, noch der Wechsel vom Präteritum zum Präsens dazu) dem Gesamtgefüge des Romans zuträglich sind. Irgendwann begann ich auch damit zu hadern und es als anstrengend zu empfinden, dass mehr und mehr Geschehen sich anhäuft, alles ein wenig atemlos wird. Vielleicht ist dies dem Bedürfnis geschuldet, viele gute Ideen und eigene, sicherlich außergewöhnliche Erlebnisse und Erfahrungen zu Wort kommen zu lassen.

Wie dem auch sei, versöhnt wurde ich durch das sehr gute Kapitel Karst, das mich ein wenig zur Ruhe brachte und das den Protagonisten Zeit gibt, in den tieferen Befindlichkeiten zu verweilen. Dieses Zeitlassen zieht sich hinein in die ersten Seiten des darauffolgenden Kapitels Inmitten meiner Kreise, sehr schön und nah schreibt sich Pia Ziefle dort in die aufkeimende Liebe zwischen Luisa und Tom hinein, das dazugehörige Internatsdasein darf sich für einen Moment ausbreiten, doch dann geht es wieder weiter auf nur wenigen Seiten: das Hasten von Ort zu Ort, von Begebenheit zu Begebenheit, von Entwicklungspunkt zu Entwicklungspunkt, Streifzüge im und um das Kloster, ein neuer Anlaufspunkt in einem türkischen Imbiss, Ferien bei den mittlerweile getrennt lebenden Pflegeeltern, Abiturfeier, ein neuer Job in einer Druckerei, RTL den ganzen Tag und klar der Balkan-Krieg, Schallplatten, Kiffen, Fieber in Lissabon und in dessen Folge mentale Verwirrtheiten (wunderbar eloquent und intellektuell ver-rückt geschrieben, die hätten noch ein paar Seiten mehr einnehmen können), ein depressives Erschöpfungssyndrom…
Und dann macht dieses atemlose Aneinanderreihen plötzlich Sinn: zuviel ist zuviel, nicht nur für den Leser, auch für die Protagonistin. Einer erinnernden Eingebung folgend blätterte ich kurz zurück zu den Gedanken der sechsten Nacht und fand ein paar kleine Worte, die für all das, was ich in den letzten Zeilen kritisch beschrieben habe, eine Erklärung geben könnten: … immer auf dem Sprung, nie am Ort und nie im Moment. Immer mit etwas befasst, das sie abhielt von dem, was im Jetzt möglich war.
In einem Austausch mit Pia Ziefle über dieses Atemlose schreibt sie Worte, durch die ich noch besser nachvollziehbar kann:
Doch, es ist viel, vielleicht manchmal zuviel, was man im Gepäck hat, wenn man eine Familie verlassen muss, und noch eine, und dann in einer aufwächst, die keine Sprache hat für die eigene Geschichte und keine für die des Kindes, das da kommt. Wenn das Kind nicht formulieren kann, aber spüren, es ist anders, will nicht anders sein, alles, nur nicht das, aber es wird nicht, egal was es beginnt, es wird nicht wie diese Menschen, es kann sie nicht ergründen, nicht verstehen, nicht begreifen, nicht spüren – dann kann es sein, man wird wie Luisa, die nicht tragen kann, was um sie ist. 

Dann steuert das Buch auch schon auf das nächste existentielle Ereignis zu: das Wiedersehen von Luisa und ihrer leiblichen Mutter Julka nach langen Jahren. In Erwartung dieses Aufeinandertreffens wurde in mir irgendwie der alte Reflex ausgelöst, eine amerikanisch-kitschmelodramatischen Szenerie vor Augen zubekommen, doch ich wurde angenehm enttäuscht: die dazugehörigen Personen vollführen dieses Wiedersehen unsentimental und fast zu selbstverständlich, als Leser weiß man aber um die dazugehörigen, nicht ausgesprochenen, angestauten oder schon verarbeiteten Emotionen.

Das Wiedersehen mit Tom im letzten Kapitel ist sehr schön erzählt, nicht zuletzt mit diesen wenigen Seiten und den dort stattfindenden zurückhaltenden Dialogen schreibt Pia Ziefle sich nah an die deutschen Schriftsteller heran, die bei mir ihren festen Platz im Regal haben.
Der Rest ist ein ersehntes Ausschwingen im Ankommen.

Fazit:

Es ist bemerkenswert, wie Pia Ziefle diese außerordentliche Vielschichtigkeit dieses Buches komponiert, ohne die Zügel zu verlieren und in Kitsch oder Pathos abzugleiten; es entsteht ein einfühlsames, buntes Bild, ein runder und zugleich bewegender Roman über die Themen, die ihr ein Anliegen sind – sie weiß wovon sie redet.
Es ist nicht einfach, sich in den Familienstrukturen zurecht zu finden, aber ich finde das nicht schlecht: soll der Leser ruhig ein wenig mitarbeiten, zurück-blättern, (hinter)fragen.
Trotzdem muss ich, wenn ich die Summe aller dargestellten Menschen und all die Geschehnisse betrachte, das altbekannte Oxymoron bemühen: Weniger ist mehr, und ich wünschte mir von neuen Werken von Pia Ziefle ein reduzierteres Ausfüllen der gewählten Themen, vor allem, um dem im Buch gewachsenen, kompetenten Stil und den immer wieder auftauchenden sprachlichen Highlights – die entweder sehr bildhaft, bisweilen poetisch zu beschreiben vermögen oder präzise und intellektuel anspruchsvolle Gestaltungsmöglichkeiten aufzeigen – ein Zuhause zu geben.
Ich habe Suna nach Startschwierigkeiten sehr gerne gelesen, der Roman hat mir neue Blickwinkel in die Themenkombination Einwanderung-Pflegschaft-Adoption aufgetan, und ich habe dabei interessante, zum Nachdenken anregende Menschen kennengelernt: Johannes, Irma, Thea, Giese, Gustav, Magdalena, Märthe, Biljana, Ilija, Julka, Dragan, Milo, Kamil, Tanja, Dogan, Andrusch, Ruth, Tom, Zeljko und Marina Luisa Suna.

Gelesen im Mai 2012