Wenn wir Tiere wären – Wilhelm Genazino

Ich will kaum auf den Inhalt eingehen, kann man ja überall besser zusammengefasst lesen oder man hat das Buch selbst ganz gelesen. Mehr will ich schreiben von den Gedanken, die während des Lesens über Form und Stil aufkamen.

Im ersten Drittel ging es mir wie oft bei Genazino, ich freute mich über seine ihm typische Beobachtungs- und Betrachtungsbrillanz in lakonischer Reinform. Wenn ich zwar nicht prustend loslachte, so schmunzelte ich doch ziemlich laut daher über viele Passagen, in denen man sich oft selbst wiederfindet. Erstaunlich finde ich immer wieder, wie sehr sein distanziert betrachtender Stil doch identifikationsstiftend ist, wie er in der Lakonie auch philosophisch ist. Es macht einfach Spaß zu lesen, wenn der Protagonist sein Fertigschicksal mit einem Fertigsalat in seine Fertigwohnung trägt, wo er einen Fertigabend am Fernsehapperat verbingt, oder wenn er über Schönheit nachdenkt: … merwürdig an der Schönheit ist, dass man sie immer nur anschauen kann. Man kann nichts davon mit nach Hause nehmen oder einen kleinen Teil von ihr an einer besonderen Stelle aufbewahren. Man kann Schönheit immer nur anstarren, mehr ist nicht zu holen. Wenn man sie lange angeschaut hat, muss man wieder gehen. Wenn man sehr viel Schönheit auf einmal gesehen hat (zum Beispiel Venedig oder den lieblichen Vordertaunus) und dann mit leeren Händen verschwinden muss, wird der Mensch ein wenig schwermütig. Deshalb war es sinnvoll, sich mit kleineren Mengen Schönheit zu begnügen.
Dann aber beginnt ein längerer Mittelteil, bei dem ich mich ein wenig zu langweilen begann. Eben diesen Stil immer wieder vorantreibend, zumal in gewohnt vertiefter, misanthropischer Unlaunigkeit seines Protagonisten, kann es doch auch mal ermüdend werden, vielleicht weiß das Genazino und seine Bücher sind deswegen meist nicht allzu lang. Pia Ziefle beschrieb das in Google+ als nachlässig, stößt sich an dessen Pessimismus. Mich störten da vor allem – vielleicht war das auch schon in seinen anderen Büchern so, ich kann mich nicht erinnern – die Beschreibungen von körperlicher Nähe und Sexualität, die man meines Erachtens mit diesem Stil der distanzierten Lakonie nicht wirklich in Einklang mit ihrer sinnlichen Natur bringen kann. Mich haben dadurch die Betrachtungen u.a. der körperlichen Intimbereiche seiner Frauen eher abgestoßen (wahrscheinlich ist es Genazino ja auch gar kein Bedürfnis, in diesem Falle die Leser sinnlich zu bewegen – nur: warum dann diese Beschreibungen?).
Manches kam mir in diesem Mittelteil etwas bemüht und ein wenig konstruiert vor, wie etwa ein unvermittelter Gefängnisaufenthalt des Protagonisten, der eine kleine innere und in geplagten Nuancen auch eine äußerliche Wandlung in ihm hervorzurufen scheint.
Die letzten etwa 40 Seiten des Buches aber waren wieder so, wie ich Genazino seit Ein Regenschirm für diesen Tag sehr mag: u.a. die Betrachtungen der herrschsüchtigen Innenlage des Protagonisten, die ihm Außenwahrnehmungen nicht wirklich erlauben, die Beschreibung von Toilettenflucht während anstrengender Beziehungsgespräche und der Versuch beim Reibekuchenessen auf dem Marktplatz neue Frauen kennenzulernen, in Erwartung all der Pausenbürofrauen, die dort auch Reibekuchen essen, die aber, wie sich bei näherem Lauschen herausstellt,alle Arbeit und einen Mann und ein Auto und eine Wohnung und alles, was daraus folgte, hatten, ein Fehlschlag also.
Nur das letztseitliche Ende, das beherrscht ist von ausgehenden und verlorenen Schamhaaren, die eine situative Grundlage für die Versöhnung des Protagonisten mit der Unmöglichkeit des Lebens und dann doch der einen Frau darstellen sollen, hinderten mich wiederum an meiner eigenen, gänzlichen Versöhnung mit dem Mittelteil.

Und noch: das Photo des Einbandes verstehe ich nicht, bringe ich nicht wirklich mit der Story zusammen.

Trotz der Kritik: ein regalwürdiges Buch, es kommt zu den anderen Genazinos…

Gelesen November 2011

 

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